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WIEN/ Staatsoper: „EUGEN ONEGIN“ Gewohnheit ist ein Geschenk des Himmels Asmik Grigorian und Dmitri Tcherniakov machen „Eugen Onegin“ an der Wiener Staatsoper zu einem Abend unvergesslicher Schönheit

Gewohnheit ist ein Geschenk des Himmels Asmik Grigorian und Dmitri Tcherniakov machen „Eugen Onegin“ an der Wiener Staatsoper zu einem Abend unvergesslicher Schönheit. 28.5.2026

An Tschaikowskis schwelgerischer, wunderschöner und zutiefst romantischer Musik kann ich mich ebenso wenig satt hören wie an Dmitri Tcherniakovs psychologisch feinjustierter  Inszenierung satt sehen. Während manche Produktionen mit den Jahren an Kraft verlieren
oder schlecht altern, scheint bei diesem Eugen Onegin das Gegenteil der Fall zu sein: Mit jeder Wiederbegegnung wird die Aufführung reicher. Immer neue Details fallen mir ins Auge, neue psychologische Verbindungen werden sichtbar, neue Bedeutungen erschließen sich. Selten habe ich eine Operninszenierung erlebt, die derart präzise gearbeitet ist und auch nach Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.

Das Zentrum der Inszenierung bildet ein einziger Raum. Eine klassische Guckkastenbühne, jedoch im Breitwandformat. Man fühlt sich weniger wie ein Opernbesucher als wie ein stiller Zeuge fremder Leben. Immer wieder erinnerte mich diese Genauigkeit an große Tschechow-Inszenierungen: Die eigentlichen Dramen ereignen sich nicht in großen Gesten, sondern in Blicken, Pausen, verpassten Begegnungen und unausgesprochenen Gefühlen.
Im Mittelpunkt steht dabei ein großer Tisch, der während des gesamten Abends auf der Bühne bleibt. Kaum ein Bühnenobjekt habe ich je so intelligent eingesetzt gesehen. Er bringt Menschen zusammen – beim gemeinsamen Essen der Familie ebenso wie beim Namenstagsfest Tatjanas – und schafft Gemeinschaft und Vertrautheit. Zugleich kann er Menschen trennen. Besonders deutlich wird dies in der Szene, in der Onegin Tatjana ihren Liebesbrief zurückweist. Beide sitzen an den entgegengesetzten Enden der Tafel, maximal voneinander entfernt. Kaum je wurde emotionale Distanz auf einer Opernbühne so einfach und zugleich so eindringlich sichtbar gemacht.
Besonders faszinierend ist, wie Tcherniakov dieses Motiv bis zum Schluss weiterführt. Nach Tatjanas Briefszene sitzt sie auf der einen Seite des Tisches, Onegin auf der anderen. Sie ist die Hoffende, er derjenige, der entscheidet. Im Finale sind die Positionen vertauscht. Tatjana sitzt nun an dem Platz, den einst Onegin innehatte, Onegin an ihrem. Die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt. Was einst Tatjana erleiden musste, erlebt nun Onegin. Mit einer scheinbar simplen Änderung der Sitzordnung erzählt Tcherniakov die gesamte Entwicklung der Figuren.

Überhaupt verändert dieser Tisch im Verlauf des Abends immer wieder seine Bedeutung. Er dient als Ort familiärer Nähe, als Bühne gesellschaftlicher Rituale, als Barriere zwischen Menschen und schließlich sogar als Sterbelager Lenskis. Dessen Tod erscheint hier weniger als klassisches Ehrenduell denn als tragisches Unglück. Aus einem Gerangel und dem Kampf ums Gewehr löst sich ein Schuss. Der Tisch wird zum Sterbebett.

Wie präzise diese Regie arbeitet, zeigt sich in zahllosen Details. Besonders eindrucksvoll ist die Briefszene. Nachdem Tatjana ihren Brief abgeschickt hat, bleibt sie allein zurück und beginnt in ihrer Fantasie verliebte Gespräche mit Onegin zu führen. Ausgerechnet die junge Frau, die ihm gegenüber zuvor kaum ein Wort herausbekommen hat, spricht nun mühelos und charmant mit ihm über eine gemeinsame Zukunft.

Als die nächste Szene beginnt, ist die Nacht vergangen. Das Licht des Morgens hat die Träume verdrängt. Tatjana sitzt mit Kopfschmerzen noch immer am Tisch und wartet auf eine Antwort, die nicht kommt. Stattdessen ist sie schon jetzt dem Gespött selbst der Bediensteten im eigenen Haus ausgesetzt. Derselbe Tisch, der zuvor Gemeinschaft gestiftet hat, wird nun zum Ort tiefster Einsamkeit. Tatjana erscheint nach der kurzen Phase der Euphorie wie erstarrt.

Die nächste Begegnung mit Onegin findet einige Wochen später statt. Auf Drängen Lenskis besucht er Tatjanas Namenstagsfest. Er hat ihr sogar weiße Rosen und ein Geschenk mitgebracht. Doch nach seiner Zurückweisung ist Tatjana wie versteinert. So versteinert, dass sie weder Blumen noch Geschenk annehmen kann. Beim anschließenden Walzer holt Onegin sie zum Tanz ab. Beide nehmen die Tanzhaltung ein, ohne jedoch tatsächlich zu tanzen. Es ist ein ebenso schlichtes wie eindringliches Bild für ihre gesamte Beziehung. Es hätte so schön sein können, aber der Moment stellt sich nicht her. Ohne eine einzige Drehung bringt Onegin Tatjana wieder zurück an ihren Platz, wo sie steht wie bestellt und nicht abgeholt. Onegin will daraufhin den Ball sofort wieder verlassen, wird jedoch von Lenski aufgehalten. Enttäuscht über die gescheiterte Annäherung an Tatjana und den für ihn demütigenden Besuch, sucht er einen Ausweg für seinen Frust. Da er Lenski die Schuld daran gibt, überhaupt hier zu sein, beginnt er aus Trotz mit Olga zu flirten. Olga nimmt das gerne an. Nicht aus tieferem Interesse an Onegin, sondern weil sie von Natur aus lebenslustig und unbeschwert ist. Wenn sich eine Gelegenheit zu Tanz und Vergnügen bietet, warum solltesie sie ausschlagen?
Mit Lenski ist sie seit Kindheitstagen vertraut, sie sind miteinander aufgewachsen. Vielleicht ist gerade deshalb der Reiz des Neuen längst verschwunden. Besonders deutlich wird das in Lenskis berühmter Arie vor dem Duell. Während er bereits von dunklen Vorahnungen erfüllt ist, singt er gewissermaßen für sich selbst und für eine ältere Dame, die ihm aufmerksam zuhört. Olga hingegen sucht nach einem Ohrring, den sie beim Fest verloren hat. Ein kleines Detail, das viel über diese Figur erzählt.

Auch das Duell nimmt sie zunächst nicht wirklich ernst – ebenso wenig wie die übrigen Gäste. Bis aus dem Spiel plötzlich tödlicher Ernst wird. Solche Übergänge entwickelt Tcherniakov mit einer psychologischen Wahrhaftigkeit, die mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt.
Ebenso meisterhaft ist sein Gespür für Timing. Wenn Onegin im dritten Akt aus seiner selbstgewählten Verbannung zurückkehrt und direkt einen Petersburger Gesellschaftsabend betritt, erlebt man eine Kette kleiner Demütigungen: Niemand schenkt ihm besondere Aufmerksamkeit. Das Personal nimmt ihm nicht einmal den Mantel ab. Er muss sich selbst einen Platz suchen und einen Stuhl holen. Gesprächspartner wenden sich ab oder hörenihm nicht zu. Die Ausgrenzung entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch viele kleine Momente, die fein aufeinander abgestimmt sind.
Dass diese komplexe Personenregie funktioniert, liegt auch an einem Ensemble, das sie mit großer Hingabe umsetzt. Bei Familienfeiern, beim Namenstagsfest mit Luftballons, Geschenken und unzähligen parallelen Handlungen wirkt die Bühne bevölkert von echten Menschen, nicht von Statisten. Hier zeigt sich eindrucksvoll, welch herausragende Repertoirepflege an der Wiener Staatsoper betrieben wird. Dass eine derart detailreiche Produktion über viele Jahre hinweg in dieser Qualität lebendig gehalten wird, verdient größte Anerkennung.

Im Zentrum des Abends steht jedoch Asmik Grigorian als Tatjana. Viele Sängerinnen betonen, dass diese Partie nicht allein mit einer schönen Stimme zu bewältigen ist. Sie verlangt Lebenserfahrung, emotionale Reife und die Fähigkeit, eine tiefgreifende Entwicklung glaubhaft zu gestalten. Grigorian besitzt all das. Ihre große Briefszene gehört zu den überwältigendsten Darstellungen, die ich in dieser Rolle erlebt habe. Jede Hoffnung, jede Unsicherheit, jede Euphorie und jede spätere Enttäuschung wird greifbar. Das hat mir den Stecker gezogen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so begeistert war von einer Inszenierung und zugleich wieder von Asmik Grigorian, die hier einmal mehr zeigt, dass sie eine Welt und eine Klasse für sich ist. Ihre Tatjana ist keine Opernfigur, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Boris Pinkhasovich gestaltet Onegin überzeugend als emotional verschlossenen Menschen, der die entscheidenden Momente seines Lebens immer erst dann erkennt, wenn sie bereits vergangen sind. Seine Zurückweisung Tatjanas wirkt nicht grausam, sondern beinahe hilflos.
Umso erschütternder gerät sein Zusammenbruch im Finale.  Besonders tragisch erscheint dabei sein letzter Versuch, Tatjana doch noch für sich zu gewinnen. Nachdem er sein Leben lang Distanz gewahrt und Gefühle kontrolliert hat, setzt er nun alles auf eine Karte. Sein Werben besitzt beinahe etwas Selbstzerstörerisches. Er klammert sich an die letzte Möglichkeit eines anderen Lebens. Als Tatjana sich dennoch gegen ihn entscheidet, verliert er nicht nur die Frau, die er liebt, sondern auch die letzte Illusion über sich selbst. Während Tatjana ihren Weg gefunden hat, bleibt Onegin allein zurück – ein Mensch, der zu spät verstanden hat, was ihm wirklich wichtig war.

Bogdan Volkov verleiht Lenski große Sensibilität und Verletzlichkeit. Seine berühmte Arie vor dem Duell gehört zu den bewegendsten Momenten des Abends. Daria Sushkova zeichnet Olga nicht als oberflächliche Kokette, sondern als lebensfrohen Menschen, der die Tragweite der Ereignisse lange nicht erkennt. Gerade dadurch wirkt ihr Verhalten umso glaubwürdiger. Dmitry Ulyanov gibt Fürst Gremin Würde, Wärme und menschliche Größe. Seine Liebe zu Tatjana erscheint glaubwürdig und tief empfunden.
Und auch Elena Manistina hinterlässt als Larina nachhaltigen Eindruck. Ihre Lebenserfahrung und ihr berühmter Gedanke, dass Gewohnheit ein Geschenk des Himmels sei, erhalten in dieser Inszenierung besonderes Gewicht. Denn letztlich wiederholt sich ihr Lebensweg auf andere Weise in dem ihrer Tochter. Tatjana entscheidet sich am Ende nicht für die Leidenschaft ihrer Jugend, sondern für die Verlässlichkeit und Beständigkeit, die sie bei Gremin gefunden hat. Darin liegt keine Niederlage oder eine Enttäuschung, sondern eine Form von Reife und Liebe. Gerade dieser Gedanke verleiht dem Schluss seine besondere Melancholie.

Musikalisch führt Timur Zangiev mit sicherer Hand durch den Abend. Er lässt Tschaikowskis Musik atmen, findet die Balance zwischen lyrischer Innigkeit und dramatischer Zuspitzung und bewahrt stets den großen Spannungsbogen. Das Orchester der Wiener Staatsoper
entfaltet dabei seinen charakteristischen warmen, farbenreichen Klang. Besonders die Streicher lassen die Musik immer wieder schwelgerisch aufblühen, ohne jemals ins Sentimentale abzugleiten. Auch der fantastische Chor fügt sich nahtlos in das hohe Niveau des Abends ein.

Am Ende bleibt die Bewunderung für eine Inszenierung, die ihre Figuren mit großer Menschenkenntnis betrachtet und ihre Wahrheiten nicht behauptet, sondern sichtbar macht.
Tcherniakov erzählt keine Operngeschichte. Er beobachtet Menschen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Produktion auch Jahre nach ihrer Premiere nichts von ihrer Wirkung verloren hat.
An Tschaikowskis schmerzlich schöner Musik kann ich mich ebenso wenig satt hören wie an dieser Inszenierung satt sehen. Und vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Opernabend machen kann: Man verlässt das Haus nicht mit dem Gefühl, ein Werk gesehen zu haben, sondern Menschen begegnet zu sein, Teil einer Familie und eines Schicksals gewesen zu sein. Genau das gelingt dieser Aufführung auf beeindruckende Weise.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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