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WIEN / Staatsoper: ELEKTRA

18.06.2012 | Oper

WIEN  /  Staatsoper:
ELEKTRA von Richard Strauss
59. Aufführung in dieser Inszenierung
18. Juni 2012 

Fünf große Rollen, davon vier Rollendebuts an diesem Abend. Grund genug, in diese „Elektra“ zu gehen, wo sich dann eine weitere Dame als der glanzvolle Star erwies: Simone Young war zuletzt für die „Daphne“ in Wien und erweist nun für diesen frühen und gerade wegen seiner „Schwere“ so extrem diffizilen Strauss das wahre Fingerspitzengefühl. Sie lotet alle schwankenden Stimmungen auf das differenzierteste aus, so dass man stets von neuem angesichts des Orchesters aufhorcht, nie lässt sie sich, auch wenn es ins Fortissimo geht, einfach zum Musikbrei verführen. Und – sie hört auf die Sänger, nimmt Rücksicht, trägt und führt sie. Das war sehr schön.

Linda Watson hat man immer wieder als hoch potente Brünnhilde erlebt. Ihr erster Wiener „Elektra“-Abend zeigte jene gewissermaßen „alternative“ Interpretation, die sie bereits mit Thielemann 2010 in Baden-Baden gezeigt hat – schon der „Agamemnon!“-Monolog zu Beginn ist kein großer, gewaltiger Ausbruch, sondern gewissermaßen mit halber Stimme gesungene, verinnerlichte Verzweiflung (man kennt sie, man weiß, dass sie an sich viel mehr „drauf hat“). Man hörte viele fabelhafte, tragfähige Pianissimi, aber die sind ja nicht unbedingt das Wesentliche der Elektra, darum befremdete diese Auffassung eher. Erst gegen Ende war dann genug gespart, da zeigte Linda Watson, dass sie eine der großen Kraft-Partien der Opernliteratur auch entsprechend singen kann… Aber es darf ja auch andere Konzepte geben, eine Rolle zu begreifen.

Allerdings passiert einer zurückhaltenden, mezzavoce- Elektra dann, dass ihre Schwester sie durchaus überflügelt, wie es Anne Schwanewilms als Chrysothemis immer wieder gelang – mit strahlenden Spitzentönen und manchmal mehr Kraft und Nachdruck (dieser auch als Forcement zu begreifen) als die die Kollegin. Jedenfalls stellte sie sich mit ihrem Flehen um ein „Weiberschicksal“ nachdrücklich ein, wenn sie auch nicht die manchmal gezeigte geradlinige Lichtgestalt war, sondern, wie Elektra, eine schwer neurotische Figur. Wie auch nicht in dieser Welt?

Agnes Baltsa, die einzige Nicht-Debutantin unter den Hauptrollen, war wieder die schlanke, ranke, blonde (und diesmal auch noch beneidenswert braun gebrannte) Klytämnestra, und ihre Stimme, die ja zwischendurch schon in etwas ramponiertem Zustand war, hat sich bemerkenswert erholt. Jedenfalls brechen ihr die Register nicht mehr auseinander, die Mittellage ist zwar nicht schön (da schleicht sich oft eine Art „quakender“ Ton ein), aber durchaus substanziell, die Höhe stark, und man hat den Eindruck, dass die Stimme immer heller wird (wie es ja auch bei Christa Ludwig in späteren Jahren der Fall war, als ihr herrliches Mezzo-Timbre einer weit helleren Klangfarbe wich). Denkt man, was Kolleginnen da an „zerrütteten“ Frauen auf die Bühne stellen, ist die Kämpferinnen-Attitüde der Baltsa eine  Interpretation für sich.

So stark wie selten, sonor, wortdeutlich – Albert Dohmen gab ebenso einen bemerkenswerten Orest wie Herbert Lippert ein starker Aegisth war. Die Herren profitierten natürlich von der Kürze ihrer Rollen und konnten konzentriert alles geben, wo vor allem die Schwestern ihren Kehlen ein Vielfaches abzuringen hatten.

Mit Janusz Monarcha als Pfleger, Marcus Pelz als altem und Benedikt Kobel als schrillem jungen Diener waren die weiteren Männerrollen gut besetzt. Neu Aura Twarowska (die nebenbei auch noch die zweite Magd sang) als Schleppenträgerin neben Simina Ivan als Vertrauter der Klytämnestra, zwei bösartige Gespenster, die die Königin umkreisen. Donna Ellen agierte wie eine böse Herrin als Aufseherin der Mägde, von denen die erste (Monika Bohinec) und die fünfte (Christina Carvin) neu waren, und sich im übrigen Aura Twarowska,  Stephanie Houtzeel und Elisabeta Marin  der relativ undankbaren Aufgabe unterzogen, dass man sie unter ihren Schminkmasken ohnedies nicht recht erkennen kann.

Dennoch bleibt diese Harry Kupfer-Inszenierung im Bühnenbild von Hans Schavernoch eine große Sache, wenn sie auch im Vergleich zu den „Elektras“, die seither auf den Bühnen herumgeistern (vor allem Kusej in Zürich, aber auch Lehnhoff in Salzburg) vergleichsweise „harmlos“ anmutet. Aber sie erzählt das Stück. Viel Beifall.

Renate Wagner

 

 

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