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WIEN / Staatsoper: ELEKTRA

Archaisches Psychodrama,. das an den Nerven zerrt und begeistert

WIEN / Staatsoper: ELEKTRA

73. Aufführung in dieser Inszenierung

5. Jänner 2023

Von Manfred A. Schmid

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Nina Stemme. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Elektra an der Wiener Staatsoper. Eine kleine Rezeptionsgeschichte: Die Premiere 1989 der inzwischen legendär gewordenen Inszenierung von Harry Kupfer entfachte einen Sturm der Entrüstung. Nicht nur der Regisseur, sondern auch der Dirigent Claudio Abbaddo, damals Generalmusikdirektor des Hauses, wurden heftig ausgebuht. Wie so oft, begann sich das Publikum an die archaische anmutende Inszenierung im spartanisch eindrucksvollen Bühnenbild von Hans Schavernoch aber mehr und mehr zu gewöhnen und ihr auch gute Seiten abzugewinnen. So richtig ins Herz geschlossen hatte man sie aber – wir sind ja in Wien, wo bekanntlich erst eine schöne Leich‘ zum unsterblichen Ruhm führt – ab dem Zeitpunkt, als sie nicht mehr zu sehen war, sondern durch die alsbald als „Kohlenkeller-Inszenierung“ bekannt gewordene Neuproduktion von Uwe Eric Laufenberg abgelöst wurde. Diese löste laustarke Proteste aus, während Kupfers Inszenierung nostalgisch verklärt und in den Regiehimmel gehoben wurde. Vereinzelt fand Laufenbergs Elektra und ihr szenischer Höhepunkt, die Paternoster-Höllenfahrt des arg zugerichteten Leichnams von Klytämnestra auch überzeugende Fürsprecher. Aber das Aufatmen war hörbar groß, als Staatsoperndirektor Roscic 2020 am Beginn seiner Amtszeit wieder zur Harry-Kupfer-Inszenierung zurückzukehrte. Der Jubel war enorm, was zum Teil wohl auch daran lag, dass Franz Welser-Möst nach langer Absenz wieder an der Staatsoper war und für eine musikalisch äußert gelungene Premiere sorgte.

Zweieinhalb Jahre später kann man vereinzelt wieder zunehmend auf Sympathiebekundungen für die abhandengekommenen Laufenberg-Inszenierung stoßen, die das Kammerspielartige der griechischen Tragödie herausarbeitet. Die Aussprache Elektras mit Chrysothemis und ihre psychokriegerische Auseinandersetzung mit Klytämnestra finden hier in einem intimen Rahmen statt. Der „Kohlenkeller mit Aufzug“ (Bühne Rolf Glittenberg) verweist aber auch auf die Selbstisolierung und Abkapselung Elektras. Dort lebt sie in ihrer ganz eigenen Welt, wälzt wie besessen ihre blutrünstigen Rachepläne und sehnt den Tag der Abrechnung herbei. Latente Spannungen und real ausgelebte Aggressionen in den Reihen der Diener und Mägde sowie das Beil, mit den Agamemnon getötet wurde und das sich Elektra für die Rache gesichert hat, unterstreichen die blutgetränkte Atmosphäre die sich am Schluss grausam und brutal entlädt.

 Bei Harry Kupfer ist das Aggressionspotenzial der Akteure sublimierter. Es gibt es eine weitläufige Bühne, die von der riesigen, teilweise zerstörten Statue Agamemnons und seinem am Boden liegenden, abgeschlagenen Kopf beherrscht wird, sowie von einer Erdkugel, auf die der Heerführer selbstbewusst seinen Fuß gesetzt hat. Hier könnte jede einzelne Figur leicht verlorengehen, überhaupt erscheint die Personenführung nicht ganz zufriedenstellend gelöst. Ordnung ins Zentrum der Handlung bringt Kupfers Bühnenbildner Hans Schavernoch, indem er von der Statue Seile herunterhängen lässt, die die traumatische Verstrickung der Familienmitglieder deutlich machen. Elektra, Chrysothemis, Klytämnestra und auch der heimkehrende Orest verfangen sich in diesen Seilen, zerren daran und hantieren damit.  Sie können sich von ihrem schicksalsträchtig verbindenden Trauma nicht losreißen: Familie als programmierte Tragödie. Elektra erhängt sich schließlich in den Seilen. Der blutige Rachefeldzug ist abgeschlossen – und damit alles, was in ihrem Leben wichtig war. ihr Leben hat sich erfüllt.

Fazit: Es ließe sich mit beiden Inszenierungen eigentlich recht gut leben. Derzeit aber steht ohnehin die von Harry Kupfer auf dem Spielplan und bietet eine ansprechende Bühne für einen anspruchsvollen Opernabend. Alexander Soddy hat schon in der von ihm an der Wiener Staatsoper dirigierten Salome sein gutes Gehör und Gespür für Richard Strauss gewinnbringend eingesetzt. In der musikalisch noch etwas kühneren Elektra, in der Komponist laut eigener Aussage „bis an die äußersten Grenzen der Harmonik, psychischer Polyphonie (Klytämnestras Traum) und Aufnahmefähigkeit heutiger Ohren“ gegangen ist, lässt Soddy die Klangballungen ekstatisch und orgiastisch erglühen, geht in den von zärtlichen Regungen erfüllten Episoden der Titelheldin mit ihrer Schwester und ihrer Mutter aber sehr feinfühlig und sängerfreundlich ans Werk. Die Abstimmung zwischen Orchestergraben und Bühne funktioniert einwandfrei. Blech und Streicher in Bestform, mit einem fantastischen Schlagwerker an den Pauken.

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Violeta Urmana. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Davon profitieren die Sängerinnen und Sänger, allen voran Violeta Urmana als Klytämnestra, der als dramatischer Sopranistin zugutekommt, ihre Karriere als Mezzosopranistin begonnen zu haben. Ein Bereich, dem sie sich in letzter Zeit wieder verstärkt zugewendet hat und der der Stimmlage dieser Rolle entgegenkommt. Die von Alpträumen heimgesuchte Witwe Agamemnons hat man zwar schon exzentrischer und darstellerisch einprägsamer erlebt. Stimmlich aber ist hier wenig auszusetzen.

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Simone Schneider. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Simone Schneider, die schon bei der letzten Aufführung der Laufenberg-Inszenierung im Einsatz war und viel Lob bekommen hatte, ist auch in Kupfers Elektra eine exzellente, höhensichere Chrysothemis. Oft als schwacher, oberflächlicher Charakter dargestellt, ist Elektras Schwester in Schneiders Gestaltung eine selbstbewusste, dem Leben zugewandte Frau, die den Blick in die Zukunft dem Nachtrauern der Vergangenheit vorzieht und genau weiß, was sie will. Ein höhensicherer, leuchtender Sopran mit einem silbrig-metallischen Kern. Hervorzuheben auch die Wortdeutlichkeit, die dem anspruchsvollen Libretto Hugo von Hofmannsthals sehr entgegenkommt.

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Christoph Fischesser. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

 

Wortdeutlichkeit ist auch eine der Stärken von Christof Fischesser, der bei seinem Rollendebüt als Orest vor allem aber mit seinem sattem, wohltimbrierten, geradezu einschmeichelnden Stimme punkten kann. Ein Bariton mit starker, einnehmender Bassgrundierung.  Imponierend.

Thomas Ebenstein, vor gar nicht so langer Zeit noch als Diener auf Besetzungslisten für Elektra zu finden, hat sich ob seiner Vielseitigkeit inzwischen längst als stimm- und ausdrucksstarkes Ensemblemitglied profiliert. Den in seiner Kürze fordernden Auftritt als Aegisth, der in Kupfers Inszenierung von Orest und seinem Begleiter (Marcus Pelz),  von Hofmannsthal als „Pfleger des Orest“ ausgewiesen, in Freistil-Ringkampfmanier ermordet wird, gestaltet er famos.

Fehlt noch Nina Stemme, die ihren Ruf als eine der derzeit besten Besetzungen für die stimmlich und darstellerisch kräfteraubende Titelpartie wieder einmal eindrucksvoll bestätigt. Elektra, eine Frau stets am Rande eines Nervenzusammenbruchs, mit einem unstillbaren, geradezu zwanghaften Drang nach blutiger Vergeltung, ist der schwedischen Sopranistin geradezu Fleisch und Stimme geworden. Dass sie dabei an manchen Stellen an ihre Grenzen stößt, ändert nichts an ihrer anhaltenden Ausstrahlung als Personifizierung unerbittlicher Rache.

In den dramaturgisch wie auch musikalisch wichtigen Auftritten des Personals werden bestens vertraute und bewährte Kräfte aus dem Ensemble aufgeboten. Genannt seien diesmal neue Nachwuchskräfte mit vielversprechenden Potenzialen. Miriam Kutrowatz hat sich in ihrer kurzen Zeit als Mitglied des Opernstudios seit Beginn der Saison schon in mehreren Rollen hervorgetan und ist diesmal als Die Vertraute erneut auf sich aufmerksam, was auch für ihre Kolleginnen Alma Neuhaus als Schleppträgerin und Daria Sushkova als Dritte Magd gilt.

Ein Repertoire-Opernabend auf beachtlichem Niveau, der heftig beklatscht wird, gerade weil er keine leichte Kost ist, sondern das Publikum mit seiner oft fast schon unerträglichen, nervenzerrüttenden Spannung herausfordert. Eindreiviertelstunden Psychodrama, musikalisch und darstellerisch packend auf die Bühne gebrac

 

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