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WIEN/ Staatsoper: ELEKTRA

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Ausrine Stundyte. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/ Staatsoper: 22.6.2021:  ELEKTRA

Mit einiger Erleichterung nahm das Wiener Opernpublikum zu Beginn der ersten Spielzeit der neuen Direktion die Befreiung von der unsäglichen 50er Jahre Tanzstunde im Kohlenkeller und der Leichen-Parade im Pater Noster bzw. die Wiederbegegnung mit der Kupfer’schen Sicht auf die Atriden-Tragödie von Strauss/Hofmannsthal auf. Nun wird am Ende der selben, Corona-bedingt verkürzten Saison die Produktion noch einmal gezeigt, bevor (was es auch lange nicht mehr gab) das Werk im nächsten Jahr gänzlich vom Spielplan verschwindet.

Dabei war Aušriné Stundyté erstmals in Wien in der Titelpartie zu erleben, nachdem sie in dieser Rolle im Vorjahr an der Salzach debütiert hatte. Verglichen mit ihren Vorgängerinnen in der recht martialischen Auslegung (und Ausstattung) Kupfers – man denke etwa an Eva Marton oder Deborah Polaski – wirkt sie in Statur und Gehabe mädchenhafter, verletzlicher und verletzter, nicht so unbedingt in ihrem Rachedurst. Eine geschlagene Kreatur, die mehr Erbarmen weckt als Furcht verbreitet. Im Finale gelingt es ihr, das Spiel mit den Stricken, die von der monumentalen Statue ihres Vaters herabhängen, in packendster Weise auf die Musik auszurichten, wie es der Rezensent bis dato noch nicht erlebt hat, der sich mit dieser Version des „konvulsivischen Tanzes“ nie so ganz hatte anfreunden können. Ob die litauische Sopranistin allerdings auch stimmlich einmal in einem Atem mit den großen Interpretinnen der mörderischen Rolle genannt werden wird, dagegen würde er gewisse Zweifel anmelden. Denn eine Hochdramatische ist Stundyté nicht. Natürlich vermag sie ihr Material so einzuteilen, dass auch für das abschließende „schweigen und tanzen“ noch Substanz übrigbleibt. Doch bis dahin fehlt es, vor allem in der Mittellage, einfach an der Wucht des Ausbruchs, etwa in der Abrechnung mit der verhassten Mutter, wird zu oft Zuflucht in deklamatorischen Sprechgesang genommen. 

Dass die Sache so lag, kam im Zusammenklang (und Vergleich) mit ihren beiden „Geschwistern“ besonders deutlich zum Ausdruck, die beide einen überaus souveränen Eindruck hinterließen. Camilla Nylund, die mit der Chrysothemis zweifellos an ihre Grenzen geht, konnte sich im Vergleich zum September noch steigern und beeindruckte durch schier unbeschränkt strömende Höhen, klare Phrasierung und Wortdeutlichkeit. (Wie schön wäre es, sie in dieser Verfassung auch noch als Ägyptische Helena zu erleben.) Auch Derek Welton gestaltete den Orest beinahe liedhaft präzise und verbreitete mit samtigem Bariton gelassene Ruhe vor der schrecklichen Tat. Michaela Schuster gab ihr Debut als zerrüttete Mutter der drei Atriden-Kinder, entledigte sich ihrer Aufgabe aber eher solide mit den Mitteln, die ihr nach einer langen Karriere im dramatischen Fach zur Verfügung stehen, ohne das Abgründige dieser psychologisch so eindrücklich gezeichneten Figur wirklich auszuloten. Jörg Schneider war ein schönstimmiger, in Timbre und Auftreten weich(lich)er Ägisth, einer, von dem man sich denken kann, warum Elektra ihn verachtet, aber keiner, von dem Angst und Terror ausgehen.

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Jörg Schneider (Aeghist). Foto: Michael Pöhn

Wolfgang Bankl als Pfleger des Orest einzusetzen, zeugt von einem gewissen verschwenderischen Umgang der Direktion mit bewährten Kräften des Ensembles. Auch die Szenen der Mägde, die von der imposanten Monika Bohinec (1.) angeführt wurden, bewegten sich dank Szilvia Vörös (2.), Margareth Plummer (3.), Regine Hangler (4.) und Vera-Lotte Boecker (5.) auf hohem Niveau – wobei sich letztere Partie wieder einmal als ziemliche Herausforderung für eine eigentlich lyrische Stimme erwies. Bei Donna Ellen´s Aufseherin waren die langen Jahre des Dienstes am Hof nicht zu überhören. Unauffällig blieben Patrizia Nolz als Vertraute, Stephanie Maitland als Schleppträgerin, Robert Bartneck als junger und Dan Paul Dimutrescu als alter Diener. Den Chor des Hauses, der ja buchstäblich im Hintergrund agiert, hatte Martin Schebesta einstudiert.

Wie bereits im Herbst (und davor in Salzburg) lag die musikalische Gesamtverantwortung wieder bei Franz Welser-Möst, der mit energischem Zugriff einen beeindruckenden Farbenreichtum aus dem Orchester der Wiener Staatsoper herausholte. So gerieten die symphonisch dominierten, emotional aufpeitschenden Passagen wie der Auftritt der Klythämnestra oder auch der finale Jubel zu wahrhaftigen Höhepunkten des Abends. Die ganz leisen Töne, das Filigrane, das es (z.B. in der Schilderung von Klythämnestras Alpträumen) auch gibt, sind seine Sache nicht unbedingt. So ist er auch den Sängerinnen und Sängern – vor allem jenen, denen nicht per se über uneingeschränktes Volumen verfügen – ein fordernder Begleiter.

Valentino Hribernig-Körber

 

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