WIENER STAATSOPER / 6.10.2026E: ine florentinische Tragödie / Herzog Blaubarts Burg. Aber das ist eine (?) neue Geschichte
Staatsoper: Eine florentinische Tragödie / Herzog Blaubarts Burg
Aber das ist eine (?) neue Geschichte
Manche Regisseure – und nicht die unbegabtesten – haben eine Idee, die sie konsequent durcherzählen. Manchmal funktioniert das, zumindest wenn man den vorgegeben Text ausblendet. Vasily Barkhatov hat eine Klammer um die beiden Stücke gezogen, sieht sie als Story um ein einziges Paar, im ersten Stück teils gestört, teils animiert von einem Psychotherapeuten, im zweiten Stück ihre Traumata allein aufarbeitend. Im Programmheft liest es sich spannend, schlüssig, interessant – aber Aufführung und Programmheft sind doch zwei verschiedene Dinge. Ob das Einheitsbühnenbild von Christian Schmidt (einmal nicht nur in weiß), die gleichen Kostüme und zwei recht typähnliche Baritone dies Verbindung ausreichend glaubwürdig machen, ist beim ersten Ansehen kaum befriedigend zu beantworten.
Aber die Musik! Die ist in den beiden Stücken im Abstand weniger Jahre (um 1917) in Mitteleuropa entstanden und dennoch höchst unterschiedlich. Fin de Siècle, sehr geschickt komponiert, teils etwas an Mahler, teils an Strauss erinnert, glitzernd, aber doch etwas oberflächlich der Zemlinsky, Frühmodern, höchst originell und von höchster Intensität der Bartok. Beides ideales Futter für jenes Staatsopernorchester, das in besseren Momenten eben doch wie die Wiener Philharmoniker klingt (Staatsopernorchester = Pflicht; Wiener Philharmoniker = Kür derselben Menschen). Und wie sie unter Alain Altinoglu klingen! Altinoglu hat schon einige Glanzleistungen im Graben am Ring geliefert (und mag das in Zukunft vielleicht auch in Salzburg häufiger tun), diesmal aber ganz besonders bewegt.
Sängerisch ist auch alles nahezu tadellos. Der trompetenhafte Tenor von Dmitry Golovnin ist vielleicht nicht die prächtigste Wahl eines jugendlichen Heldentenors, aber sehr sicher und nicht einmal unwitzig im Spiel. Christopher Maltman dominiert den Abend in der umfangreichsten und forderndsten Partie des Simone mit uneingeschränkt tragender Stimme und engagiertem Spiel. Die Quasi-Fortsetzung der Rolle übernimmt nicht er, sondern Florian Boesch mit zahllosen Ausdrucksnuancen und ausreichendem Volumen. Und der Star aller Stars der Ära Roscics, Asmik Grigorian, fasziniert wie immer im Spiel zu 120%, gesanglich zu 80%. Im mathematischen Mittel ein 100%iger Erfolg. Ihre Bianca kam mir nicht teilnahmslos, sondern auf eindringliche Weise von ihrer männlichen Umgebung – nicht nur von Simone, auch von Guido – ennuyiert vor, ihre Judit verzehrte sich in Leidenschaft, ob im violetten Kleid oder knappen schwarzen Dessous.
Insgesamt unbedingt hörenswert.
Robert Fucik

