4.09.2026 – „Don Carlo“ – Wiener Staatsoper
„Jede Musik hat ihren Himmel“

Alphonse Marie de Neuville/ „Meisterdrucke“ 1867
Zur diesjährigen Saisoneröffnung des Hauses am Ring war Giuseppe Verdis Meisterwerk „Don Carlo“ in der vieraktigen, Mailänder Fassung zu erleben. Das „Dramma Lirico“ mit dem Text von Camille du Locle, Achille de Lauzières & Angelo Zanardini übt, in bewährter Weise, eine überragende musikalische Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann.
In der Inszenierung von Kirill Serebrennikov, der auch für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnete, wurde man szenisch mit einem Institut für Kostümkunde konfrontiert, in dem historische Kostüme bewahrt, präpariert und hergestellt wurden. Serebrennikov ließ sich für seine Inszenierung von einem Besuch im japanischen „Kyoto Costume Institute“ inspirieren und brachte die Handlung von „Don Carlo“ in einen zeitgenössischen Kontext. Die Anproben der einzelnen Kostüme konnten auf einer großen Videoleinwand (Video: Ilya Shagalov) mitverfolgt werden und die schließlich eingekleideten Statisten wurden anschließend, die Vergangenheit symbolisierend, in die Inszenierung integriert.
Das hervorragende Solistenensemble repräsentierte die Gegenwart und agierte in moderner Alltagskleidung als Angestellte dieses Instituts. Gelegentlich vermischten sich Vergangenheit und Gegenwart, sodass auch die Solisten kurzfristig in historischen Kostümen wahrgenommen werden konnten. Der gesamte Chor, der zu den Besuchern dieses Instituts zählte und an Führungen durch dieses außergewöhnliche „Etablissement“ teilnahm, blieb modern gekleidet.
Auf der „Vergangenheitsseite“ wurde emsig an den Kostümen gearbeitet, während unmittelbar daneben, auf der Seite der Gegenwart, die Oper „Don Carlo“ zur Aufführung kam.
Musikalisch war diese Aufführung zur Saisoneröffnung ein hinreißender Hörgenuss!
Das exzellente Orchester der Wiener Staatsoper unter der souveränen musikalischen Leitung von Pier Giorgio Morandi entfachte mit enormer emotionaler Tiefe ein loderndes, verdianisches Feuer. Feine Differenzierungen in ekstatischer Verbindung mit aufwühlender Dramatik, musikalischer Exzellenz und spektakulärer Verve zogen eindrucksvoll in ihren Bann.
Günther Groissböck feierte sein Rollendebüt als Philipp II. an der Wiener Staatsoper.
Er beeindruckte mit seiner markanten, qualitätsvoll geführten Bassstimme, Textdeutlichkeit und authentischen Rollenidentifikation.
Vittorio Grigolo überzeugte als Don Carlo (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) mit durchschlagskräftigem, präsentem Tenor. Sein metallischer, tenoraler Biss in Verbindung mit seiner Höhensicherheit und intensiven Rollengestaltung sind prädestiniert für den Infanten von Spanien.
Étienne Dupuis präsentierte eine rollendeckende Gestaltung des Rodrigo (Marquis von Posa). Mit souverän geführter Stimme, Ausdruckskraft und Musikalität ergab er sich gekonnt in sein Schicksal.
Ain Anger beeindruckte in der Rolle des Großinquisitors. Seine mächtige, volltönende Bassstimme sowie seine Bühnenpersönlichkeit verliehen dieser Rolle ein ganz besonderes Profil.
Das berühmte Duett der Bässe, Großinquisitor und König Philipp II. „Son io dinanzi al Re?“ war einer der musikalischen Höhepunkte der Aufführung und wurde von beiden Künstlern packend dargebracht.
Bewährt, verläßlich und souverän, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch, Ensemblemitglied Dan Paul Dumitrescu als Mönch.
Elena Stikhina fesselte in der Rolle der Elisabeth (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper). Ihre fokussierte, warm timbrierte Stimme mit wohldosierter, belcantesker Verve, musikalischer wie darstellerischer Intensität und absoluter Hingabe verlieh der Elisabeth de Valois einen außergewöhnlichen Glanz.
Eve-Maud Hubeaux brillierte in der Rolle der Eboli. Mit ihrem markanten, ausdrucksstarken, höhensicheren und flexiblen Mezzosopran meisterte sie bravourös die Herausforderungen dieser anspruchsvollen Rolle, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Ihre schauspielerische Flexibilität kam ihr in dieser Inszenierung besonders zu Gute.
Ilia Staple verkörperte einen quirligen, präsenten und stimmlich souveränen Pagen Tebaldo.
Sehr gut ergänzten Hiroshi Amako (Graf von Lerma/ Herold) und Florina Ilie als engelsgleiche Stimme vom Himmel (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper).
Ausgezeichnet waren der Chor (Choreinstudierung: Martin Schebesta), der Extrachor und die Chorakademie, das Bühnenorchester und die Komparserie der Wiener Staatsoper.
Eine musikalisch exzellente Aufführung, die das Verdi‘sche Oeuvre fulminant repräsentierte!
Marisa Altmann-Althausen

