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WIEN/ Staatsoper: DON CARLO – Dunque il trono piegar dovrà sempre all’altare!

Wien/ Staatsoper am 7.9.2026: Don Carlo

Dunque il trono piegar dovrà sempre all’altare!

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 Wozu und wie rezensiert man eine Vorstellung? Wir kennen jene, die sich im Lob aller überschlagen, ebenso wie jene, die alles niedermachen. Wahrscheinlich liegt – alles in allem – die Wahrheit dazwischen und es ist den Versuch differenzierter Betrachtung wert.

Vorweg: Bogdan Roscic ist, wenn er sich nicht gerade attackiert fühlt, ein kluger und kenntnisreicher Mann, dessen Liebe zur Oper vollkommen glaubwürdig ist. Und trotzdem passieren Produktionen (bewusst wird nicht „Inszenierungen“ verwendet), die fassungslos machen. Dazu zählt dieser Don Carlo in allererster Reihe. Da hat jemand – warum den Namen nennen? – einen anekdotischen Eindruck eines fernöstlichen Kostüminstituts dazu aufgeblasen, Verdis Don Carlo neu zu erzählen – wenn man das überhaupt Erzählung nennen will. Provokante Bilder, keine Personenführung, Texttafeln aus dem Schulfunk. Weder die vertrackte Familienkonstellation, die eine junge, hoffnungsvolle Prinzessin mit ältlichem Gemahl, jungem Stiefsohn (statt erhofftem Verlobten), der Mätresse des Alten und einem sonderbaren Schwärmer (als vielleicht nicht völlig unerotischem Gefährten des Jungen) verstrickt, noch der Konflikt zwischen Staat und Kirche, der wohl Verdis politischen Standpunkt widerspiegelt, werden entwickelt. Und wenn die Fetzen fliegen, dann buchstäblich und im Rahmen eines Aufstands – nicht gegen die Staatsmacht, sondern gegen die Massentextilproduktion. Pardon, Herr Direktor, aber das war einfach gar nichts!

Der Wiener Opernfreund liebt seinen Don Carlo und kommt in die allerdings weder überlaufene noch bis zum Ende alle Besucher haltende Aufführung eben der Musik wegen. Aber ach, auch deren Realisation passt sich geradezu dem szenischen Desaster an: Pier Giorgio Morandi zeigt wieder einmal, dass ihn das Orchester nicht eben favorisiert; was da an zähem, faden, lähmenden Einheitsbrei in viel zu hoher Lautstärke buchstabiert aus dem Graben tönt und selbst so delikate wie geliebte Soli wie von Englischhorn und Cello niederzieht, führt auch zu Chorwacklern und zu Sängerleistungen, die hinter dem Erwarteten zurückbleiben.

Am wenigsten noch bei Vittorio Grigolo, der sich mit Vollgas und höchster Lautstärke in die Rolle des Infanten stürzt, stets das Orchester übertönt, ab und zu auch schöne leisere Phasen und einen leidenschaftlichen Liebhaber präsentiert. Ist Carlo sonst oft die blasseste Figur im Stück, so kann Grigolo ihn in ungewohntem Ausmaß dominieren lassen. Und die wunderbare Elena Stikhina singt ihre Elisabetta seelenvoll, schön, ausgeglichen. Auch ein ausgeruhter Dan Paul Dumitrescu modelliert weiterhin ein wohlklingendes Cameo als Frate (Carlo V?), Ilia Staple zirpt den Pagen, der hier eine Praktikantin sein muss, zufriedenstellend und Florina Ilies hübscher Sopran strömt aus dem Luster als rechte voce del cielo.

Etienne Dupuis wirft sich szenisch in den Ökorevoluzzer, der einmal – als Inszenierungen noch etwas mit dem Werk zu tun hatten – ein zukunftsvisionärer Freiheitskämpfer war und singt die Rolle mit voller Seele, Morandis Holzhackerstil manches Piano abtrotzend, das denn auch gelegentlich überlärmt wird. Auch Eve Maud Hubeaux geht nicht selten in dem Orchesterbrei (der Begriff Orchesterfluten würde eine Beweglichkeit evozieren, die es nicht gab) unter. Dass aus ihrer Eboli keine Figur wird, liegt nicht nur an ihr. Selbst die Garanca stand da vor zwei Jahren auf aussichtslosem Posten. Ain Anger dröhnt als Großinquisitor fast wie in alten Zeiten. Eine Figur bringt auch er in dieser Produktion nicht zusammen, am wenigsten die rigorose kirchliche Autorität.

Und die staatliche, der Kirche unterlegene Autorität? Niemand zweifelt daran, dass Günther Groissböck szenisch einen imposanten Filippo secondo geben könnte, zumindest außerhalb eines szenischen Arrangements im kleinkarierten Sakko. Was aber von der Stimme erhalten geblieben ist, zeigt zumindest vokal, dass von Philipp nach dem Dialog mit dem Großinquisitor nur noch heiße Luft übrigbleibt. Wahrscheinlich nicht beabsichtigt, aber der einzige Moment, in dem so etwas wie Don-Carlo-Authentizität aufkommt: Der Thron musste derart dem Altar weichen, dass vom Throninhaber kaum mehr etwas zu merken war.

Ein fähiger Dirigent wäre ja gerade in Wien. Der musste aber neben der Adriana Lecouvreur auch noch kurzfristig das Opern-Air übernehmen (baldige Genesung an Axel Kober!) und kann auch nicht jeden Tag ans Pult treten. Trotzdem: Besser wäre es gewesen. Jedenfalls haben Wiederbegegnungen mit dem Regisseur und dem aktuellen Dirigenten, auch das nochmal vor allem dem Herrn Direktor gesagt, eine äußerst geringe Priorität.

Robert Fucik

 

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