7.9.2026 DON CARLO
Größter Anzunehmender (Regie) Unfall
Giuseppe Verdi
Es ist müßig, über das größte Regiedesaster, das derzeit an der Wiener Staatsoper stattfindet noch ein Wort zu verlieren. Alles, was es dazu zu sagen gibt, wurde bereits gesagt. Doch es ist tatsächlich bemerkenswert, wie man einerseits so am Verdi/Schillerschen Makrokosmos vorbei inszenieren kann (Kirche – Staat – ein Konflikt, der über Jahrhunderte die Welt dominierte), und es andererseits nicht schafft, die scharf konturierten Protagonisten miteinander in Beziehung zu setzen, sondern an deren Stelle eine Armada von Statisten einzuführen, die in ein ständiges Aus- und Anziehgeschehen inkorporiert ist. Was auch immer die Motivation gewesen, sein mag, Kirill Serebrennikov als Regisseur für eines der wohl bedeutendsten Werke der gesamten Opernliteratur zu engagieren, spätestens nach der Premiere wäre es am Intendanten gewesen, einem Unternehmer gleich das kontaminierte Produkt zurückzurufen und auf die nicht sehr inspirierende, aber praktikable Vorgängerproduktion zurückzugreifen und sich für den Fehlgriff zu entschuldigen. Kommt in jeder guten Firma vor. Ist auch keine Schande.
Nun denn, es geschah nicht dergestalt, und so wird zumindest eine Generation von Opernliebhabern gezwungen sein, sollte es an Zeit und Geld fehlen, in andere Städte zu reisen, um dieses – italienischen – Meisterwerkes ansichtig und -hörig zu werden, sich diesem zudem völlig unästhetischen Unfug, der dem Haus zu Ärgernis und Schande gleichermaßen gereicht, auszusetzen.
Der weitere „Glückgriff“ fand im Engagement des italienischen Dirigenten Pier Giorgio Morandi statt, der das Gesamtgeschehen vom ersten bis zum letzten Karl V-Auftritt in einen akustischen Einheitsbrei hüllt, der mehr oder minder in Takt-schlagen besteht, aber mit einer Interpretation, wie man sie am Haus am Ring – vom Intendanten am Abend davor bei seiner Opern-Air-Moderation mit einer gehörigen Portion Begeisterung auch über sich selbst als das beste der Welt gelobt – zweifelsohne erwarten kann, nicht einmal ansatzweise etwas zu tun hat. Spannungsärmer und langweiliger hat man dieses neben Otello wohl größte Werk des Meisters aus Roncole an der Wiener Staatsoper noch nicht gehört. Es bedarf eines gehörigen „Könnens“, das in seiner musikalischen Dichte kaum überbietbare 1. Bild des dritten Aktes trotz eindrücklichen Solocellos bar jeglichen Aufbaus, fern jeglicher Dramatik und außerhalb jeglicher Tragik zu interpretieren: Wie sollte man mit Philipp mitleiden, den Großinquisitor hassen, die Königin beweinen und die Prinzessin verachten? Nichts davon da. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende in San Yuste.
Die einzigen Momente, die wenigstens für ein paar Sekunden den Zuhörer daran erinnern lassen, dass er sich mitten in einem der eindrücklichsten Geschehen der gesamten Opernliteratur befindet, sind die beiden Duette zwischen dem unglücklichen Liebespaar – eine magere Ausbeute – und vor allem dem interpretatorischen Kraftakt des Vittorio Grigolo geschuldet, der mit wohltönender lirico-spinto-Stimme ausgestattet wenigstens versucht, den Infanten (bzw einen Mitarbeiter des Kostümmuseums, in dem das Geschehen angesiedelt ist) auf die ihm eigene temperamentvolle Weise glaubhaft darzustellen.
An seiner Seite als Elisabetta ebenfalls durchaus erfreulich Elena Stikhina, vielseitig einsetzbar, mit Silberglanz auch die Klippen der letzten Arie perfekt meisternd.
Étienne Dupuis war schon in der Premierenserie Posa bzw ein Klimakleber, der sichtlich zumindest ein wenig Spaß am Revoluzzertum zu haben scheint und herzzerreißend von der Welt und seinem Freund Abschied nimmt, bevor ihn eine Marsmännchenrotte gefangen nimmt.
Eine der wohl spannendsten Figuren der gesamten Opernliteratur ist die Prinzessin Eboli, die mit „O don fatale“ eine der mitreissendsten Mezzoarien interpretieren darf. Eve-Maud Hubeaux tut dies auf die denkbar langweiligste Weise. Nicht nur, dass ihre grundsätzlich wohlklingende Stimme über keine feste Grundiertung verfügt, weist sie zudem auch keine unterschiedlichen Farben auf. Darstellerisch bleibt sie blass.
Nun ist Günther Groissböck zu Recht ein wahrer Publikumsliebling und zeigte vor einigen Jahren in Klosterneuburg in seiner eigenen Inszenierung, dass er ein „commanding emperor“ sein kann. Darstellerisch fällt dies natürlich schwer, wenn man nicht Philipp II sein darf, sondern Buchhalter oder Kostümmuseumsabteilungsleiter sein muss, und stimmlich macht sich die eine oder andere Abnutzungserscheinung beim allzu viel beschäftigten Niederösterreicher bemerkbar.
Auch Ain Anger hat stimmlich schon bessere Zeiten gesehen, und so bleibt sein Großinquisitor hinter den Erwartungen zurück. Im großen Duett wird nicht die neue/alte Weltordnung ausgehandelt, sondern die Bestückung des Museumslagers besprochen.
Etwas zurückgenommen Ilia Staple als Tebaldo, tadellos Florina Ilie als Stimme vom Himmel. Gewohnt solide Dan Paul Dumitrescu als Karl V, aufhorchen lässt Hiroshi Amako als Herold/Lerma.
Wenn nicht einmal der routiniert volltönende Wiener Staatsopernchor die Vorstellung bzw die Ketzer retten kann – wer soll es tun? Die Klimakleber sind’s jedenfalls nicht.
Sabine Längle

