25.5.2026 DIE WALKÜRE
Ein sensibles Vater-Tochter-Gespann

Der sommerliche Pfingstmontag bescherte dem Wiener Ring-Publikum des Bühnenfestspiels Ersten Tag, und vielleicht war es den hitzigen Temperaturen geschuldet, dass das von Pablo Heras-Casado gelenkte Ring-Gespann zunächst nicht wie erwünscht ins Rollen kam:
Fahrig, uneinheitlich, langsam, zerdehnt, als wäre der waffenlose Siegmund nicht auf der Flucht vor Hundings Mannen, sondern vor einer Horde von Schnecken. So gestalten sich der anfängliche Dia- und der darauf folgende Trilog (Günther Groissböck gewohnt persönlichkeitsstark stört hier das sich anbahnende Glück zwischen Michael Spyres’ Siegmund und Simone Schneiders Sieglinde), zunächst etwas schwerfällig. Spyres lässt sodann insbesondere mit dem ersten der Wälse-Rufe richtig aufhorchen. Mit den Winterstürmen kommt dann doch die nötige Leidenschaft auf, die in der Heldenzeugung endet. Ein wenig hat der Baritenor mit den finalen Höhen zu kämpfen, seine Sieglinde, die im Haus am Ring in dieser Rolle sehr erfahrene Simone Schneider, assistiert als inzestuöse Ehebrecherin gewohnt verlässlich.
Der zweite Akt unter gänzlich anderen Vorzeichen: Trotz seines komplexen Aufbaus wie aus einem Guss: Ein zunächst in sich gekehrter Michael Volle als Göttervater, die Brünnhilden-Rufe einer klug dosierenden, aber sicherlich nicht hochdramatischen Camilla Nylund, und eine imposante Fricka-Szene mit einer wohl- und vollmundig klingenden Szilvia Vörös als unerbittlicher und gekränkter Gattin: Eine frische Stimme, die in sämtlichen Lagen über genügend Fülle verfügt und dabei noch genau die richtige Mischung aus Autorität und Bitterkeit ausstrahlt. Diese Rolleninterpretation ist wohl ein weiterer Schritt in Richtung einer ganz großen Karriere. Volle zeigt sodann in der anschließenden Erzählung auf, welch großartiger Sängerdarsteller er ist: Die Färbung genau richtig zwischen helleren Tönen und dunklem Bassbariton, die Deklamation tadellos, die (vor allem resignativen) Emotionen gewaltig. Ein weiterer, wahrscheinlich DER Höhepunkt des Abends die Todesverkündigung: Spyres mit wunderschönen baritonalen Kantilenen, Nylund elegant und stringent in Stimme und Ausdruck. Das Ende des Aktes mit der gewohnten und erwarteten allseitigen tödlichen Leidenschaft.
Im dritten Akt zeigen die Walküren mit ein eindrucksvoller Verve, was ihre Aufgabe im Götterreich ist: Mit viel Engagement – besonders die dunklen Stimmen überzeugen sämtlich – geleiten sie die gefallenen Helden nach Walhall, um sich dann – nur bedingt mutig – vor ihre gefallene Schwester zu stellen. Vor dem finalen Eintreffen des rächenden Vaters gelingt mit Schneiders „O hehrstes Wunder“ ein weiterer musikalischer Höhepunkt des Abends. In der abschließenden Scala-erprobten Vater-Tochter-Kombination zeigen Volle und Nylund, dass sie ein sängerisch und darstellerisch gleichwertiges und ideal zusammenpassendes Konfrontationsgespann sind: Textdeutlichkeit bei beiden, selbstbewusstes Flehen bei ihr – gezwungen-zwingende Autorität bei ihm. Beide nicht mit üppigem, eher mit klarem Klang in Wort und Stimmfärbung. Sanft und traurig bettet er seine geliebte Tochter mit einem hingebungsvollen Abschied zur Ruh. Loge erscheint, die Walküren-Pferde nunmehr umgeben von wabernder Lohe. Die Tochter schläft, bis sie ihr Neffe – wohl in Gestalt von Andreas Schager – kommenden Samstag erwecken wird.
Sabine Längle

