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WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE

13.01.2019 | Oper


Christopher Ventris (Siegmund), Martina Serafin (Sieglinde). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN: DIE WALKÜRE – 12. Januar 2019

Mit der „Walküre“ scheint Dirigent Axel Kober, der das Wagnis auf sich nahm, diesen in der Saison 2018/19 einzigen Wiener „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner ohne Orchesterprobe zu machen, nun mit dem Orchester der Wiener Staatsoper in Gang gekommen zu sein. Wenn es auch einige Dehnungen im ohnehin so phantasielos inszenierten 1. Aufzug dieser als langweilig zu bezeichnenden Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf in den stehenden Bühnenbildern von Rolf Glittenberg gab, so nahm Kober mit dem 2. Aufzug an Fahrt und also Dynamik auf. Das brachte ihm zu Recht auch starken Auftrittsapplaus zu Beginn des 3. Aufzugs ein, in dem allerdings einiges zu laut geriet, aber ein musikalisch eindrucksvoller Feuerzauber gelang. Hier kamen endlich auch Bild und Musik mal überein, da es den Videos von fettFilm zu danken ist, dass es nach einer praktisch kaum vorhandenen Lichtregie (abgesehen vom Blauschimmer des Wonnemondes im 1. Aufzug) einen regelrechten Feuersturm als Feuerzauber gibt. Besser wäre es gewesen, hätte man diese optische Intensität auf den ganzen Abend verteilt. Im leading team wird interessanterweise auch gar kein Lichtdesigner erwähnt. So wurde es orchestral dann doch noch eine gute „Walküre“, wenngleich dieser Abend nicht an die Leistung von Ádám Fischer im April des Vorjahres herankommt, der damals in musikalischer und insbesondere dramatischer Qualität mit das Beste erreichte, was diese nun schon in ihr 12. Jahr gehende Inszenierung erlebt hat. Damals wurde Wagner in all seiner musikalischen Farbenpracht, Ausdrucksstärke und Facettenreichtum vom Orchester der Wiener Staatsoper wiedergegeben.


Iréne Theorin (Brünnhilde). Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die schwedische dramatische Sopranistin Iréne Theorin, die an jenem Abend ihr Rollendebut mit der Brünnhilde im Haus am Ring gab, das sich seit dem von Karajan/Preetorius-„Ring“ so schwer gerade mit seinen „Ring“-Inszenierungen tut, hat sich, seit ich sie 2008 im damaligen Rigaer „Ring“ hörte, enorm als Walküre verbessert. Nun kommen nicht nur die so fordernden Höhen kraftvoll und aus der gesanglichen Struktur heraus entwickelt, auch wenn ihr „Hojotoho“ etwas eigenwillig klingt. Theorin, die im „Ring“ einst als Gerhilde im Bayreuther „Flimm-Ring“ im Jahre 2000 begann, verfügt bei hoher Musikalität über einen modulationsreichen dramatischen Sopran mit perfektem Tonansatz und schöner Lyrik, wie sie nicht nur bei ihrem bewegend gesungenen „Der diese Liebe mir in‘s Herz gehaucht…“ unter Beweis stellte. Hinzu kommt ihr sehr engagiertes und in Bezug auf die Situation Sieglindes und Siegmunds auch emphatisches Spiel. Theorin ist mit dieser Leistung sicher eine der beste Brünnhilden unserer Tage.

Gerade das Finale konnte nicht nur wegen Theorins Schauspielkunst emotional einnehmen, sondern auch und gerade wegen des Wotans von Tomasz Konieczny, der in Wien auf diese Rolle abonniert zu sein scheint. Darstellerisch ist das nachvollziehbar, denn der Pole ist ein echtes Bühnentalent, was Rollenverständnis, dramatischer Ausdruck und entsprechende Mimik sowie Bewegung auf der Bühne angeht. Und hier demonstrierte er an diesem Abend wieder einmal sehr viel mehr, als er vom Regisseur bzw. seinen Assistenten je gesagt bekam, oft wirklich emotional einnehmend. Für den albernen Hubschrauberversuch per Speer beim Vertreiben der Walküren konnte er sicher nichts. Dennoch ging Konieczny nicht nur wegen seines jugendlichen Aussehens in Bezug auf sein Lieblingskind an diesem Abend nicht als Göttervater durch, auch wenn man Iréne Theorin eine unmögliche Perücke aufgesetzt hatte, die einem Verjüngungsversuch mit dem Zaunpfahl nahekam. Ein guter Wotan sollte aber auch die entsprechende Stimme haben, und das wäre nach Wunsch Richard Wagners ein „hoher Bass“, heute als Bassbariton verstanden. Und gerade der „Walküre“-Wotan stellt besondere Ansprüche im Bassbereich, was schon einem Weltklassesänger wie Bryn Terfel Probleme machte. In diesen Kontext passte es, auch wenn es ein sehr trauriger Anlass war, dass Staatsoperndirektor Dominique Meyer vor Beginn der Aufführung vor den Vorhang trat und sagte, dass sowohl die Künstler wie auch die Staatsoper diese „Walküre“ dem großen Sänger, und gerade auch Wagner-Sänger, Theo Adam, widmen wollten, der vor zwei Tagen im 92. Lebensjahr nach langer Krankheit verstorben war. Genau kann ich mich noch daran erinnern, als ich ihn 1971 zum ersten Mal im „Ring“ von Wolfgang Wagner in Bayreuth hören durfte, später alternierend mit dem ebenso großartigen Thomas Stewart, der ja dann auch den Wotan unter Herbert von Karajan in Salzburg sang. Was waren das für Wotane! Aber dann kamen der große Schotte Donald McIntyre, der Amerikaner James Morris, der Brite John Tomlinson, Alan Titus, Albert Dohmen und Falk Struckmann, alles hochqualifizierte Bassbaritone und Tomlinson sogar Bass. Und genau das fehlt eben Tomasz Konieczny, die Tiefe, und auch die entsprechende Resonanz in der Tiefe; er ist im Prinzip ein klassischer Heldenbariton und war ja auch ein guter Telramund 2016 in Dresden mit Anna Netrebko und Piotr Beczala, in Bayreuth im letzten Sommer jedoch nicht so erfolgreich. Aufgrund der unzureichenden tiefen Lage fehlt der Stimme ein facettenreicherer Gestaltungsspielraum für den Wotan. Das meiste wird, bei stets guter Diktion, in der – oberen – Mittellage gesungen, und vieles klingt deshalb in gewisser Weise unisono, auch wenn Konieczny die Höhen natürlich gut gelingen. Während sich das frühere Problem der Vokalverfärbungen scheinbar gelegt hat, ist die Stimme doch weiterhin recht kopflastig bis hin zu einem immer wieder nasal und damit eng klingenden Timbre. Das wurde gerade heute Abend auch wieder im finalen Bannspruch deutlich.

Christopher Ventris ist weiterhin ein stimmlich erstklassiger Siegmund, den er vor allem gesanglich bei bester Diktion gestaltet, wobei er immer wieder schöne tenorale Klänge hören lässt und auch sehr höhensicher ist. Beim „Wälsungenblut“ gab es einen verzeihbaren kleinen Wackler, aber da gab er wie bei den Wälse-Rufen sein Bestes. Er könnte darstellerisch etwas engagierter sein, auch um das langweilige Spiel um und auf Hundings Küchentischen aufzulockern. Martina Serafin war für die erkrankte Catherine Naglestad eingesprungen und sang eine ausdrucksstarke Sieglinde mit guter Emphase und mimischem Ausdruck. Auch stimmlich konnte sie weitgehend überzeugen, stellte eher den dramatischen Charakter der Rolle heraus, hatte aber gegen Ende mit einigen Ermüdungserscheinungen bei den Spitzentönen zu kämpfen. Die Sieglinde ist wahrscheinlich eine Grenzpartie für Serafin.


Tobias Kehrer (Hunding). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Tobias Kehrer mit seinem Debut an der Wiener Staatsoper war als Hunding sowohl stimmlich wie auch – bei seiner begrenzten Rolle, denn er hat laut Kurt Rydl, und der muss es ja wissen, insgesamt nur etwa 4 Minuten zu singen – darstellerisch sehr gut. Sophie Koch machte ihr Rollendebut an der Wiener Staatsoper mit der Fricka, eine ja nicht ganz leichte Partie. Für mein Dafürhalten sang die zweifellos erstklassige und international bekannte Sängerin diese Partie etwas zu deklamatorisch, wenngleich das auch mit der Rollengestaltung der monierenden Ehefrau zu tun haben kann. Aber es fehlte an gesanglichem Fluss. Darstellerisch ließ Koch keine Wünsche offen, auch was die Optik betrifft. Das Walküren-Oktett war weitgehend stimmlich gut, wie folgt: Helmwige Fiona Jopson, Gerhilde Olga Bezsmertna, Ortlinde Anna Gabler, Waltraute Stephanie Houtzeel, Siegrune Ulrike Helzel, Grimgerde Monika Bohinec, Schwertleite Bongiwe Nakani und Rossweiße Svetlina Stoyanova.

 

PS
Immer wieder ärgere ich mich über das allzu simple und repertoireorientierte Bühnenbild dieser „Walküre“ von Rolf Glittenberg. Der quadratische Spielraum mit grauen klassizistischen Wandpanelen wirkt wie eine nahezu detailgetreue Nachbildung der gleichen Umwandungen der alten Kurt-Horres-Produktion in Düsseldorf und Köln, und diese wurde wiederum auch schon von Jürgen Flimm in seiner Bayreuther „Walküre“ 2000 übernommen. In Wien schließt Wotan die Türen in den Wänden genau in jenem Moment, in dem auch Alan Titus sie im Flimm-„Ring“ schloss! Im 2. Aufzug stehen dann auf einmal Baumstämme in Hundings Hütte, dem Ausgangspunkt dieses Raumes, und im 3. Aufzug acht Pferde. Nie eine Bewegung im Bühnenbild, weder rauf noch runter noch in der Drehung. Und dann der ramponierte Boden mit den vielen bunten Tixobändern, die die Lage der hellen Steinbrocken, welche die ursprünglichen Kinderbettgestelle der Premiere in Anlehnung an jene von Christine Mielitz in Dortmund ersetzten, markieren sollen und die wie Camembert- oder Brie-Scheiben aussehen. Wenn einmal Brünnhilde im Finale vorn an der Bühne sitzt, ist sie von fast zehn solcher Klebebänder umgeben. Das wirkt schon etwas lieblos und lässt einen fragen, warum in den beiden langen Pausen das Positionieren der Steinquader in der seit Jahren immer selben Formation nicht auch ohne diesen Fleckerlteppich geht. In den großartigen kürzlichen „Ring“-Inszenierungen in Kiel, Leipzig und Odense (Rezensionen im online-Merker), letztere sogar von einem Orchester veranstaltet, kam man auch ohne so etwas aus und gestaltete wesentlich fantasievollere und spannendere Interpretationen der Parabel um die Unvereinbarkeit von Macht und Liebe. Es ist zu hoffen, dass die neue Direktion auch an einen neuen „Ring“ herangeht und dabei etwas mehr Mut beweist.

Klaus Billand

 

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