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WIEN/ Staatsoper: DIE FRAU OHNE SCHATTEN

Manchmal kommt es anders ...

07.06.2019 | Oper


Camilla Nylund. Foto: Wiener Staatsoper/ Michal Pöhn

6.6.2019 „DIE FRAU OHNE SCHATTEN“ – Manchmal kommt es anders …

Seiner Sorge, den ausführlichen Besprechungen der bisherigen Vorstellungen der „Frau ohne Schatten“ anlässlich der 4. Aufführung nach der Jubiläumspremiere nichts mehr Nennenswertes hinzufügen zu können, wurde der Rezensent (nach der Ansage des Hausherrn vor Beginn der Vorstellung zu schließen) durch ein offenbar überaus aggressives Virus enthoben, das gleich drei Umbesetzungen (Färberin, Amme, Geisterbote) erzwungen und – aus Rücksicht auf die Einspringer – die neuerliche Schließung der eben erst aufgemachten Striche erforderlich gemacht hatte. Doch dank der Flexibilität und Einsatzbereitschaft aller Beteiligten (am Ende des 2. Aktes, im Hin und Her zwischen geschlossenen oder doch offenen Strichen, bewahrte die Kaiserin durch ein paar geistesgegenwärtig auf offener Bühne eingesungene Takte der Färberin diese vor einem Total-Schmiss) ging der Abend doch relativ friktionsfrei über die Bühne und konnte am Ende mit der feierlichen Ernennung der Sängerin der Titelpartie zur österreichischen Kammersängerin abgeschlossen werden. Wobei manallen berechtigten Einwänden gegen die Inszenierung zum Trotz dieser zu Gute halten muss, dass sich gerade ihre streckenweise Belanglosigkeit in einer solchen Situation eher als Vorteil erwiesen hat, als es der Fall gewesen wäre, wenn die neu ins Ensemble gekommenen Darsteller auch noch die Vorgaben einer komplexen Personenführung zu beachten gehabt hätten.

Deren Reihe wurde eröffnet durch Linda Watson, die sich in Wien erstmals als Amme präsentierte und nach anfänglichen Schwierigkeiten, ihre Stimme „in Bewegung zu bringen“, spätestens ab dem 2. Akt eine souveräne, in allen Lagen markante Interpretation der heiklen Partie bot und sich dabei auch hörbar ihre Erfahrung mit den großen hochdramatischen Sopranpartien zunutze machen konnte. Darstellerisch war es naturgemäß nicht möglich, sich in der kurzen Zeit alle Facetten des Konzepts, das auf die gänzlich anders geartete Persönlichkeit von Fr. Herlitzius zugeschnitten ist, anzueignen. So ist ihre Amme mehr die dominante Über-Mutter als die behände die Fäden des Geschehens ziehende dämonische Gestalt. Wolfgang Bankl ist als Geisterbote für das Wiener Publikum kein Unbekannter, wiewohl man ihn in dieser Rolle (vor allem in der Höhe) schon volltönender gehört hat. Am schwierigsten war es vermutlich, für die erkrankte Nina Stemme einen Ersatz zu finden – wodurch die australische Sopranistin Rebecca Nash die Gelegenheit hatte, ihr Wien-Debut zu begehen und damit die Vorstellung zu retten. Nachdem es gute Gewohnheit ist, sich in einem solchen Fall auf die dankenswerte Erwähnung dieses Umstands zu beschränken, sei eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dieser Künstlerin auf eine spätere Gelegenheit verschoben – für die nach dem Geschmack des Rezensenten allerdings keine Eile besteht.

An der Spitze des angestammten Ensembles dieser Produktion erfreute sich der unverwüstliche Stephen Gould als Kaiser offensichtlich bester Verfassung. Die Partie liegt dem Parade-Tristan und –Siegfried mit seinem breiten, samtig-baritonalen Timbre ja, wie er selbst in einem Interview vor Kurzem angedeutet hat, nicht „von Natur aus“ in der Stimme: umso beachtlicher, wie kraftvoll die unangenehm liegenden Höhen saßen und die Mittellage (wie man es von ihm ohnehin gewöhnt ist) strömte. Dass dem Regisseur zu seiner Figur eigentlich nicht wirklich etwas eingefallen ist und er daher streckenweise dazu verurteilt ist, eher unbeholfen im Bühnenraum herum zu schreiten (bzw. angehalten ist, sich viel zu früh, nämlich noch bevor die Kaiserin ihren entscheidenden Verzicht ausgesprochen hat, die steinerne Maske vom Gesicht zu nehmen), kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Zunächst als Objekt seiner Jagdleidenschaft, dann als Gegenüber seiner Liebe war wieder Camilla Nylund als Kaiserin zu erleben, die die Wandlung vom kindlich-verspielten Feenwesen zur tief empfindenden, menschlich-empathischen Frau überaus glaubhaft machen konnte, was auch insofern bemerkenswert erscheint, als viele ihrer Rollenvorgängerinnen neben der Färberin, einer Frau „aus Fleisch und Blut“, eher als eine entrückte, gläserne Gestalt erschienen sind. Besonders berührend der Ausdruck ihres erwachenden Mitgefühls mit dem gepeinigten Färber und ihre Ablösung von der Amme am Beginn der Gerichtsszene. Stimmlich bewegt sie sich, das ist gelegentlich auch kritisch angemerkt worden, zweifellos am lyrischen Ende des für die Kaiserin möglichen Spektrums, sodass sie nicht immer ohne Weiteres gegen die orchestralen Wogen ankommt. Doch ermöglicht ihr gerade das lyrische Timbre eine besonders sensible Gestaltung der zentralen Szenen wie etwa des „Vater, bist Du’s“, in denen sie auch ihre Legato-Kultur und die bombensichere Höhe ausspielen kann.

Den Färber Barak gab wiederum Wolfgang Koch, solide, verlässlich, wenngleich doch stimmlich sich immer wieder an der Grenze seiner Möglichkeiten entlang arbeitend, wodurch in seiner Rollengestaltung die Aspekte des seiner Frau gegenüber hilflosen Schwächlings dominieren und auch noch sein Ausbruch im Finale des 2. Aktes ein wenig aufgesetzt erscheint.

Von den Darstellerinnen und Darstellern der kleineren Rollen seien explizit Samuel Hasselhorn, Ryan Speedo Green und Thomas Ebenstein als präsentes Brüderpaar des Färbers, Maria Nazarova als höhensichere Stimme des Falken und Hüterin der Schwelle des Tempels, Benjamin Bruns als prächtige Stimme eines Jünglings und Monika Bohinec als viel zu kräftig verstärkte Stimme von oben erwähnt. Überhaupt will es nicht recht einleuchten, warum es bei der Akustik des Hauses erforderlich ist, sie oder auch die Stimmen der Ungeborenen elektronisch zu verstärken – und sich dabei auch noch deutlich in der Lautstärke zu vergreifen.

Tosenden Applaus erhielten bereits zu Beginn des 2. Aktes, dann wieder vor dem 3. Akt und schließlich auch am Ende das Orchester der Wiener Staatsoper und sein Dirigent Christian Thielemann, der auch für das Zusammenwirken des Chors der Wiener Staatsoper (einstudiert von Thomas Lang) und des Bühnenorchesters sowie der Kinder der Opernschule verantwortlich war. Der heraus ragende Zugang des ausgewiesenen Strauss-Experten wurde schon im Vorfeld der Premiere und in deren Besprechungen ausführlich gewürdigt. Der Rezensent darf sich daher auf einen bescheidenen Hinweis auf die ersten Takte des Abends beschränken: wer die diffizilen Abstufungen und dynamischen Nuancen im dreimaligen Keikobad-Motiv, seinerseits bestehend aus nur drei Tönen, bewusst wahrnimmt, wird einen Vorgeschmack von der Interpretation gewinnen, die in den folgenden viereinhalb Stunden auf ihn zukommt.

Ganz anders geartet ist die szenische Umsetzung durch Vincent Huguet/Aurelie Maestre/ClemencePernoud/BetrandCouderc, die mit einer anmutigen Aufwach-Szene der Kaiserin in einem hübschen orientalischen Pavillon die Erwartung auf eine märchenhafte Auslegung der Hofmannsthalschen Geschichte weckt, was mit fortschreitender Handlung je länger, je weniger eingelöst wird. Zwar gibt es immer wieder Momente, die andeuten, dass das Leading Team vielleicht doch zwischendurch einen Einfall gehabt haben könnte: wenn etwa der Kaiser auf seinem Weg in die Menschenwelt auf Kriegstote trifft, wenn der verzweifelte Färber in seiner Traurigkeit bei der Kaiserin Trost sucht oder wenn die Kaiserin in der alles entscheidenden Prüfung die Lebensentwürfe des Färber-Paares und den eigenen als scheinbar einander ausschließend plastisch übersteigert vor sich sieht. Zu guter Letzt bleibt man aber ratlos angesichts der vielen verschenkten dramatischen Höhepunkte des Geschehens und genervt über das zum Ende hin immer häufigere Vorhang auf – Vorhang zu bzw. (in Bezug auf die sinnstörend für unterschiedlichste Zwecke genutzte Luke im Gebirge) Türchen auf – Türchen zu.

Das letzte Wort hatte an diesem Abend aber ohnehin die frisch gebackene österreichische Kammersängerin Camilla Nylund, die diesen Berufstitel nach fast fünfzehn Jahren an der Wiener Staatsoper (in zahlreichen großen Rollen von ihrem Debut als Salome bis zuletzt als Agathe und nun Kaiserin) aus der Hand eines Vertreters des Bildungsministers erhielt, der in launigen Worten darauf anspielte, dass es in der gegenwärtigen politischen Situation in Österreich gar nicht so einfach ist herauszufinden, wer gerade als zuständiger Minister ein solches Dekret zu unterzeichnen hat. Camilla Nylund, von Direktor Meyer als eine unkomplizierte, „alles kein Problem“-Künstlerin bezeichnet, bei der man eine Ahnung davon bekomme, wie der Gesang der Engel klingen könnte, bedankte sich bei allen, die ihre Karriere begleitet und ermöglicht haben, und beim Wiener Publikum für seine Wertschätzung. Das Wiener Opernhaus sei das einzige in der Welt, in dem man immer von einem freundlichen Lächeln begrüßt wird. Das Publikum dankte ihr für das Kompliment mit kräftigem Applaus.

(Valentino Hribernig-Körber)

 

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