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WIEN / Staatsoper: DIE FLEDERMAUS von Johann Strauß

Daniela Fally und Adrian Eröd als Ehrenretter eines durchwachsenen Operettenabends

07.01.2020 | Allgemein, Oper

Daniela Fally als Adele und Adrian Eröd als Einenstein. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: DIE FLEDERMAUS von Johann Strauß

175. Aufführung in dieser Inszenierung

6. Jänner 2020

Von Manfred A. Schmid

Vor 30 Jahren, am 31. Dezember 1979, erlebte die prickelnd stimmungsvolle Schenk-Inszenierung in der gediegenen Ausstattung von Günther Schneider-Siemssen ihre Premiere im Haus am Ring. Die Tradition, Die Fledermaus alljährlich zu Silvester aufzuführen, geht allerdings bereits auf das Jahr 1900 zurück. Bei der diesjährigen Reprise am Neujahrstag also auch schon ein 120 Jahre zurückliegendes Ereignis. Ob diesmal beim Jahreswechsel in der Staatsoper dieser beiden Jubiläen gedacht worden ist, ist dem Rezensenten unbekannt. Besucht wird nämlich die vierte und letzte Vorstellung der aktuellen Aufführungsserie. Doch auch diese hätte mit einer durchaus feierwürdigen Zahl aufzuwarten, handelt es sich dabei doch um die 175. Aufführung in dieser Inszenierung.

Das Publikum ist sichtlich in Feierlaune gekommen und unterhält sich offenbar prächtig, was angesichts der genialen Musik von Johann Strauß, des Melodienreichtums seiner Arien, der mitreißenden Walzer- und Polka-Rhythmen sowie der feinen Instrumentierung – die allerdings zum Großteil nicht vom König der Wiener Operette stammt, sondern von seinem Librettisten und Komponistenkollegen Richard Genée – gewiss kein Wunder ist. In der musikalischen Umsetzung gibt es an diesem Abend jedoch vielerlei Mängel. Wichtige Rollen sind nur unzureichend besetzt. Das beginnt mit Laura Aikin, die als Rosalinde mit der Tessitura dieser Partie nicht und nicht zu Rande kommt, einen ziemlich müden Csárdás („Klänge der Heimat“) hinlegt und Temperament und Leidenschaftlichkeit weitgehend vermissen lässt.

Eine Enttäuschung ist auch Zoryana Kushpler, die sich als Prinz Orlofsky überfordert zeigt und der bizarren Figur des geheimnisumwitterten, großzügigen und höchst eigenwilligen Gastgebers wenig abzugewinnen weiß. Beim Versuch, einen Hauch von Androgynítät auf die Bühne zu stellen, merkt man ihr die gekünstelte Angestrengtheit an. Der markante, stets wiederkehrende Spitzenton in ihrer Auftrittsarie „Ich lade gern mir Gäste ein“ darf zwar üblicherweise durchaus etwas schräg klingen, in ihrem Fall aber ist es ein Schrei, der einfach nicht wohltut.

Jochen Schmeckenbecher ist für den Gefängnisdirektor Frank ebenfalls alles andere als eine Idealbesetzung. Es könnte zwar durchaus reizvoll sein, diese Rolle einmal mit einem Bariton zu erleben, der hörbar aus Deutschland stammt. In diesem Fall aber wirkt er doch etwas zu derb und plump. Wienerischen Schmäh wird man auch bei Peter Schimonischeks Frosch vergeblich suchen, aber seine steirische Variante eines subalternen k.u.k. Beamten fügt sich gut in das Setting ein, das einen bunten Querschnitt der Wiener Gesellschaft im ausklingenden Habsburgerreich bietet: Die Unterschicht wird hier repräsentiert durch die meist aus Böhmen stammenden Dienstmädchen und durch den „Zuagrasten“ aus der Steiermark, dann gibt es  – auf Orlofskys großem Ball – die pseudo-„ungorische“ Gräfin, Gäste aus den Kronländern, den schwerreichen Russen, die gehobene Bürgerschicht der Doctores und der führenden Beamten, man sieht hohe Militärs in schmucken Uniforme, und schließlich die Adeligen, die sich auf Kosten des aufstrebenden Bürgertums amüsieren wollen.

Clemens Unterreiner als Dr. Falke. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Clemens Unterreiner ist ein ansprechender Dr. Falke, darstellerisch wendig und stimmlich stets präsent. Bei seiner Eröffnung des großen Chorwalzers „Brüderlein und Schwesterlein“ fehlt seinem eleganten, nicht sehr großen Bariton aber der gewisse Schmelz. Benjamin Brus singt sich als Alfred unverdrossen und rollendeckend durch das gängige Tenorrepertoire. Die Ida von Valeriia Savinskaia überzeugt durch ihr Spiel mehr als durch ihre – freilich in der Partitur sehr spärlich gehaltenen – gesanglichen Einschübe. Csaba Markovits als Iwan liefert das 0815-Klischee eines Dieners ab.

Von dieser in wesentlichen Teilen suboptimalen Fledermaus gibt es zum Glück noch weiteres Erfreuliches zu berichten. Gesanglich und darstellerisch überzeugen können Daniela Fally und Adrian Eröd. Wie die koloraturenstarke, mit komödiantischer Lust ans Werk gehende Daniela Fally als quicklebendige Adele durch die Aufführung fegt, ist geradezu atemberaubend. Sie ist in dieser Rolle eine Edelsoubrette erster Güte und zeigt, warum es Sinn macht, dieses Paradestück der Wiener Operette an einem erstklassigen Wiener Opernhaus spielen zu lassen. Denn besser und variantenreicher lässt sich „Mein Herr Marquis“ und „Spiel‘ ich die Unschuld vom Lande“ kaum gestalten. Das gilt auch für Adrian Eröd, dem diese Partie des Eisenstein in den letzten Jahren offensichtlich sehr ans Herz gewachsen ist. Er bestätigt erneut seinen Ruf als begnadeter Sänger-Schauspieler. Davon kündet nicht nur sein hinreißend gestalteter Part im Uhren-Duett mit Rosalinde, sondern vor allem sein Auftritt als stotternder Dr. Blind im Gefängnis-Akt, wo er mit seiner Nachahmung des Winkeladvokaten den ohnehin komischen Auftritt des Tenors Peter Jelosits, der den „originalen“ Dr. Blind gibt, noch weit in den Schatten stellt. Fally und Eröd bewähren sich jedenfalls als Retter der Ehre der Wiener Staatsoper auf dem Gebiet der Fledermaus-Haltung.

Und wo bleibt das Orchester? – Hinter seinen Möglichkeiten. Der junge australische Dirigent Nicholas Carter, derzeit Chefdirigent des Kärntner Sinfonieorchesters und des Adelaide Symphony Orchesters, hat ein gutes Gespür für die Melodien des Walzer- und Operettenkönigs, vernachlässigt dabei aber zuweilen die rhythmischen Herausforderungen der Partitur. Manches wird da zerdehnt und verschleppt, was zu Diskrepanzen- z.B. beim großen Finale des 2. Akts – im Zusammenklang von Orchester und den Protagonisten auf der Bühne führt. Der Chor der Wiener Staatsoper macht seine Sache wie gewohnt gut, wirkt aber eine Spur zu routiniert. Die Balletteinlage „Unter Donner und Blitz“ als Ball-Höhepunkt im Palast des Prinzen Orlofsky, choreographiert von Gerlinde Dill, ist eine Augenweide. Zündend wie ein Feuerwerk.

Fazit: Mehr Schatten als Licht bei dieser 175. Aufführung. Geht so. Der Applaus war herzlich kurz.

 

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