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WIEN/ Staatsoper: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. Premiere


Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – Staatsoper-Premiere am 12.10.2020

(Heinrich Schramm-Schiessl)

Vorweg sei die Feststellung gemacht, dass es positiv ist, dass dieses Werk nach zwanzig Jahren wieder auf der Bühne der Wiener Staatsoper zu sehen ist. Damit bin ich aber mit meinen positiven Feststellungen vorläufig auch schon wieder am Ende.

Direktor Roscic sagte zum Spielplan seiner ersten Saison, dass er maßstabgebende Inszenierungen der internationalen Opernszene an das Haus bringen möchte, da Wien (angeblich) hier einen Nachholbedarf hat. Nun, was an dieser Uralt-Produktion von Hans Neuenfels (Premiere 1998) maßstabgebend sein soll, hat sich mir den ganzen Abend über nicht erschlossen. Für mich war es eine langweilige Nichtigkeit, die weder genial noch provokant war, es sei denn, man sieht die Verlesung eines Mörike-Gedichtes durch den Bassa nach dem offiziellen Ende der Oper als Provokation. Für mich war es nur Nonsens.

Das besondere Merkmal dieser Inszenierung ist der Umstand, dass alle Gesangsrollen eine(n) Schauspieler(in) als Double für die Dialoge haben. Man kann natürlich nachdenken, was das bedeutet – ich hätte gemeint, dass die Schauspieler das Alter Ego der jeweiligen Figur darstellen. Die Antwort ist aber viel einfacher. Neuenfels wollte, dass die Dialoge besser gesprochen werden, als dies Sänger meistens tun. Nun, ich habe bisher mit nicht so super klar gesprochenen Dialogen leben können. Wobei die eingesetzten Schauspieler alles andere als überzeugend waren – doch davon später.

Das ganze spielt in einem eher heruntergekommenen Theatersaal (Bühnenbild: Christian Schmidt), dessen Bühne für gewisse Auftritte verwendet wird, die Hauptaktion spielt sich allerdings im Saal davor ab. Die Kostüme (Bettina Merz) sind zeitlich bunt gemischt. Sie sehen teilweise nicht schlecht aus, teilweise sind sie Augenschocker (Pedrillo).

Die Personenführung ist, wenn überhaupt vorhanden, konventionell. Einige Aktionen bleiben unverständlich, z.B. warum Pedrillo und Blonde bei ihren Arien im zweiten Teil als Hahn und Henne auftreten müssen ist genauso unklar wie die plötzlich auftretenden Kinder oder die Ritterrüstung die man Belmonte bei seiner letzten Arie gegenüber setzt. Es ist letztlich die übliche Masche, wenn einem Regisseur zu einem Werk nicht wirklich etwas einfällt. Unverständlich für mich auch, warum man die Pause mitten im zweiten Akt nach der Marternarie plaziert. Meines Erachtens haben sich Librettist und Komponist bei der Gliederung des Stückes etwas gedacht und Generationen von Opernbesuchern haben damit gelebt, dass der erste Teil einer Aufführung dieses Werkes länger ist als der zweite.

Nicht nur einmal habe ich an diesem Abend wehmütig an die geniale Inszenierung von Giorgio Strehler in Salzburg (1965) gedacht, die wirklich ein Modell war und heute noch an der Mailänder Scala gespielt wird.


Lisette Oropesa, Emanuela von Frankenberg und Christian Nickel, Foto: Michael Pöhn

Musikalisch war der Abend durchwachsen. Die beste Leistung bot ohne Zweifel Lisette Oropesa als Konstanze. Sie sang mit großer Dynamik, gutem Ausdruck und schön geführter Stimme. Über den einen oder anderen nicht ganz geglückten Ton kann man angesichts der sehr guten Gesamtleistung hinwegesehen. Ihr am nächsten kam Daniel Behle als Belmonte. Im ersten Teil hat er mir nur bedingt gefallen, obwohl er die beiden Arie durchaus schön und ausdrucksvoll sang. Es klang alles ein bißchen verhalten. Nach der Pause legte er seine Debut-Nervosität dann ab und ging wesentlich mehr aus sich heraus.

Womit wir mit den positiven Gesangsleistungen dieses Abends schon am Ende sind. Regula Mühlemann ist als Blonde viel zu soubrettig. Da klingt vieles sehr dünn und die hohen Töne werden nur mit Mühe erreicht. Michael Laurenz, sonst ein verlässlicher Sänger, hatte entweder einen rabenschwarzen Abend oder er war indiponiert. Da er nicht angesagt wurde, dürfte ersteres der Fall gewesen sein. Vor allen Dingen in seiner großen Arie sang er mit belegter Stimme und die hohen Töne wurden zu unüberwindlichen Klippen. Goran Juric als Osmin hatte weder die Tiefe, die für diese Rolle nötig ist noch die notwendige Schwärze in der Stimme. Christian Nickel als Bassa war ebenfalls eine Enttäuschung. Weder darstellerisch noch sprachlich konnte er diese Rolle ausfüllen. Die übrigen Schauspieler (Emanuela von Frankenberg/Konstanze, Stella Roberts/Blonde, Christian Natter/Belmonte, Ludwig Blochberger/Pedrillo und Andreas Grötzinger/Osmin) konnten den Nachweis für die Richtigkeit der Doppelbesetzung nicht erbringen.

Antonello Manacorda am Pult des gut spielenden Orchesters hatte einen etwas wechselhaften Abend. Vieles war sehr schön gespielt, z.B. die Ouvertüre oder die Begleitung der Marternarie, manches klang hingegen wieder etwas beiläufig, bzw. ließ er das Orchester zuwenig atmen. Gut der von Martin Schebesta einstudierte Chor.

Sowohl während der Vorstellung als auch am Ende eher müder Beifall mit Ausnahme von Oropesa und Behle, die bejubelt wurden. Für das Regieteam gab es nicht wenige Buhs.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

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