WIEN/Staatsoper: DES GRIEUX ….. äh, MANON von Jules Massenet –
Der Abend des Benjamin Bernheim

Nein, ohnegleichen, kaum zu erreichen! […] Ach, wie so sanft ist seine Stimme! Und wie feurig kann sie klingen! Wenn man ihn hört … wenn man ihn hört. Niemand kann so zart bis auf den Grund uns‘rer Seele dringen! … Das singen die Nonnen zu Beginn der St. Sulpice-Szene (wenn man sich eine deutsche Übersetzung hernimmt) und sie meinen natürlich den Chevalier Des Grieux der in den Priesterstand einzutreten beabsichtigt. Doch im Grunde können sich diese Zeilen genauso auf den Interpreten jener Partie beziehen. Denn Benjamin Bernheim macht aus dem Chevalier die absolute Zentralfigur in der aktuellen Aufführungsserie der Massenet-Oper, die nach diesem Abend eigentlich Des Grieux heißen müsste. Bernheim, der seit einigen Jahren als weltbester Des Grieux gefeiert wird, unterstreicht auch in den Aufführungen an der Staatsoper, dass er in dieser Partie – wie auch in so manch anderer französischen Rolle (Romeo oder Werther) – das Maß aller Dinge ist. Stimmschönheit und die Wärme seines noblen französischen Timbres führt er stimmtechnisch meisterhaft mit Ausdruck und Passion, mit Pianokultur und kraftvoller, kerniger Attacke zusammen.
So besticht er mit einer wahrhaft traumhaft gesungenen Traumerzählung, in welcher er mit seiner formidablen Voix mixte mühelos in die Kopfstimme wechselt und dabei so zärtlich im Piano singt, dass man die berühmte herunterfallende Stecknadel im Heuhaufen hören könnte. So, genauso, muss das gesungen werden! Da wünscht man sich doch gleich auch noch den Nadir von ihm ….
Bei Ah, fouyez, douce image! im St. Sulpice-Akt trumpft er dann hingegen mit kräftigen Spitzentönen auf und lässt einen beachtlichen Stimmkern hören, der es ihm ermöglicht auch mit eigentlich lyrischen Tönen mühelos über den Orchesterklang hinweg zu singen. Die hohen Cs sitzen perfekt. Es macht ein Staunen mit welcher Kennerschaft, Natürlichkeit, ja, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit der französische Startenor die Partie zu singen weiß. Bis in die kleinste Nuance beherrscht er die Partie. In diesem Fach ist er heute absolut konkurrenzlos.
Auch darstellerisch hat Bernheim keine Mühe sich in die „moderne Inszenierung“ einzufinden. Sein engagiertes Spiel, welches auch viel von kleinen Details lebt, ist ein Hochgenuss. Da weiß einer genau was er singt und was er spielt.
Bei einem so perfekten Des Grieux hat es das Umfeld natürlich nicht leicht. Kristina Mkhitaryan kann in den ersten drei Bildern wenig von der jugendlich-verspielten Lebensfreude der Manon vermitteln, dafür erklingt ihr Sopran schon deutlich zu schwer. Vor allem im Cours -la-reine-Bild wird das nur allzu deutlich. Da fehlt es ihrem Sopran in der Gavotte an der notwendigen Leichtigkeit und den Koloraturen an Flexibilität. Spitzentöne prickeln einfach nicht, werden nur kurz angetastet und nicht exerziert oder gar zelebriert.
Deutlich mehr liegen der russischen Sopranistin dann die letzten drei Bilder, in denen ihr zur Dramatik neigender Sopran, der manchmal geradezu einen veristischen Anstrich aufweist, weitaus besser zur Geltung kommt. Im St.Sulpice-Bild gestaltet sie mit Bernheim ein packendes Duett und im Sterbeakt findet sie zu innigen lyrischen Tönen.
Vom Spiel her ist sie zu Beginn eine etwas zu extrovertierte junge Frau und man fragt sich wieso der so kultivierte, elegante Des Grieux Interesse zeigt. Aber vielleicht gerade deswegen …
Mit etwas müdem Bass stattet Dan Paul Dumitrescu den alten Graf Des Grieux aus, dessen angegraute balsamische Töne einen eher besorgten als strengen Vater erkennen lassen, während Stefan Astakhov als Manons Bruder einen kernigen Bariton hören lässt.
Andrea Giovannini überzeichnet den Guillot de Morfontaine in jeder Hinsicht, was die Figur eher zu einer Karikatur werden lässt. Clemens Unterreiner ist ein schleimiger Bretigny, während Hyejin Han, Florentina Serles und Teresa Sales Rebordao als Manons Freundinnen Poussette, Javotte und Rosette das Ensemble gefällig ergänzen.
Die Inszenierung von Andrei Serban stammt aus dem Jahr 2007 und hat sich gut gehalten. Allerdings wird nicht ganz klar, wann genau im 20. Jahrhundert sie eigentlich spielt. Zu Beginn sieht sie stark nach 20er oder 30er Jahre aus, aber in der Cours -la-Reine-Szene ist Manon in Kostüm und Frisur der 50er Jahre unterwegs und auf der Bühne steht das übergroße französische Filmplakat zu Die barfüßige Gräfin auf dem auch unverkennbar Hauptdarstellerin Ava Gardner zu erkennen ist. Und dieser Film kam 1954 in die Kinos.
Massenet hat für seine Oper für die Arien und Duette ganz wunderbare Melodien komponiert und auch die Ensembleszenen weisen sehr schöne Einfälle auf. Dennoch ist die Musik nicht so atmosphärisch dicht wie jene des genialen Meisterwerkes Werther vom gleichen Komponisten. Bertrand de Billy waltet am Pult seines Amtes und dirigiert diese Musik recht forsch und weniger delikat als man von einem französischen Dirigenten erwartet hätte. Er sorgt für eine eher straffe Wiedergabe, setzt mehr auf dramatische Akzente.
Am Ende gab es viel Jubel im Haus, bereits die Interpreten der kleineren Rollen kamen da schon auf ihre Kosten. Das kulminierte dann bei Benjamin Bernheim, der dank seiner fulminanten Darbietung natürlich den größten Jubel und Applaus des Abends einheimsen konnte.
Lukas Link

