Wiener Staatsoper: 12.5. 2026. DER ROSENKAVALIER

Glücklicher Octavian
„Da geht er hin, der aufgeblas’ne schlechte Kerl“ – Mit diesen Worten läutet die Marschallin bekanntlich das Ende des ersten Aktes ein. Was folgt, ist ein Sinnieren über das Leben, die Liebe, das Altern und Gott. Kaum eine andere verleiht diesem wohl wichtigsten Teil des Rosenkavalier so viele gesangliche Noten, Farben und Töne wie die wunderbare Camilla Nylund, glücklicherweise seit vielen Jahren Dauergast an der Wiener Staatsoper. Eine ideale Verkörperung dieser so schwierig zu gestaltenden Rolle: Nylund gleitet mit größtmöglicher Eleganz niemals in Larmoyanz oder Selbstmitleid ab, sie beobachtet sich und die Menschen und zieht ihre Schlüsse und Konsequenzen daraus. Am Ende mit einer gehörigen Spur Bitterkeit und fast ein bisschen nachdrücklicher Aggression – hier kommt ihr ihre Brünnhilden-Erfahrung zu Gute –, wenn sie ihren vormaligen Geliebten in die Arme seiner neuen Liebsten treibt, dann sich aber nach kurzer Nachdenkpause ihrer eigenen Philosophie besinnt, die sie im ersten Akt so deutlich zum Ausdruck gebracht hat („leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen“) und gemessenen Schrittes abgehend das junge Glück alleine lässt. Jede Facette ist durchdacht, jede Phrase sitzt, egal ob sie ihren aufgeblasenen Vetter maßregelt, mit dem Polizeikommissar flirtet oder zuletzt beschließt, mit dem reichen Neugeadelten die nächsten Stunden zu verbringen. Ein Glücksfall.
Ihre Konkurrentin um Quinquins Gunst, Sophie, steht ihr an Attraktivität um nichts nach: Die junge deutsche Sopranistin Nikola Hillebrand verfügt über ein wahre Silberstimme und lässt die Töne über alle Lagen hinweg flirren. Mühelos erklimmt sie die Höhen und weiß in den Ensembles wohlklingende Spitzentöne zu setzen. Dazu kommt ihr reizendes Aussehen, mit dem sie zweifelsohne nicht nur den Grafen Rofrano zu betören vermag. Sie spielt einen entzückenden Backfisch, der völlig unsicher zwischen Emotionen und töchterlicher Pflichterfüllung hin- und hergerissen ist, und sich zuletzt für die Liebe – oder was sie dafür hält – entscheidet. Ein Glücksfall.
Glücklich also dieser Oktavian, der die Wahl zwischen diesen beiden Damen hat! Dieser erscheint in Gestalt von Samantha Hankey, US-Amerikanerin und Absolventin der Juilliard School, sowie Operalia-Preisträgerin, die in den letzten Jahren immer wieder auf vielen großen Bühnen von sich hören ließ. Die Schönheit ihrer Stimme erreicht nicht das Niveau ihrer beiden Angebeteten, allerdings liefert sie mit eher hartem Timbre eine mehr als solide Leistung ab. Im Schlussterzett kann sie erstmals auch mit weicherer Stimmfärbung punkten.
Günther Groissböck in seiner Paraderolle als Baron Ochs hat sich nach seinem Sensationsdebut bei den Salzburger Festspielen 2014 gewandelt, ist reifer, fast ein wenig zynischer und selbstironischer geworden. Damals noch als junger Feschak quasi „gegen den Typ“ besetzt, ist er nunmehr in des Lerchenauischen mittleren Jahren angekommen und spielt eine wahrhaft ekelhaften polternden manierenlosen Landadeligen, der heutzutage zu Recht Zielscheibe jeder Me-too-Kampagne wäre. Jede Geste ist durchdacht, jedes verschmitzte Lächeln sitzt, jeder Grapscher findet seinen Platz. In stimmlicher Hinsicht ist das Volumen des Vielbeschäftigten nicht mehr ganz auf dem Niveau, auf dem er ehedem in das Ochs-Geschehen eingestiegen ist. Trotzdem erscheint es schwer vorstellbar, derzeit einen anderen Baron zu sehen.
Mit Adrian Eröd weiß die Wiener Staatsoper einen idealen Darsteller für den Faninal ihr eigen. Vor allem auf seinen Ruf bedacht ist es ihm vornehmlich wichtig, dass die „Neidhammel“ recht eifersüchtig auf den fetten adeligen Fang sind, den er für sein Töchterlein ausersehen hat. In geradezu ängstlicher Betulichkeit versucht er alles, um den von ihm so ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg zu erreichen und weiß diesem Ansinnen auch stimmlich mit hinreichender Deutlichkeit Nachdruck zu verleihen.
Von den kleineren Rollen ragen Thomas Ebenstein als übel-intriganter Valzacchi, Wolfgang Bankl als persönlichkeitsstarker Polizeikommissar und Jörg Schneider als betulicher Wirt heraus.
Bleibt noch die Luxuseinlage beim Antichambrieren in Gestalt von Michael Spyres als italienischem Tenor zu erwähnen: Fast schon selbstverständlich erklimmt er mit seinem charakteristischen baritonalem Timbre jeden auch noch so hohen Ton und parodiert dabei noch gekonnt seine Zunft.
Bei Alexander Soddy und dem fabelhaft aufspielenden Orchester der Wiener Staatsoper ist die Wienerischste aller Opern in den allerbesten Händen. Jeder Ton sitzt, jedes Tempo passt, Witz und Schalk sitzen im Graben, und die Streicher entführen das Publikum in den rührseligsten aller Straussschen Pianissimi-Himmel.
Sabine Längle

