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Wien / Staatsoper: DER ROSENKAVALIER

21.11.2014 | Oper

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Soile Isokoski / Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
DER ROSENKAVALIER von Richard Strauss
358. Aufführung in dieser Inszenierung
20. November 2014 

Wenn, was man gut und gerne annehmen kann, das Vorspiel zum „Rosenkavalier“ die „Beischlaf-Musik“ ist, dann haben die Marschallin und Octavian eine ungewöhnlich wilde Nacht hinter sich: So, wie Kirill Petrenko bei seinem ersten Wiener „Rosenkavalier“ das Orchester lospreschen ließ, wurde man geradezu aus den Sitzen gehoben. Und der – sagen wir einmal  –  „packende“ Zugriff hielt mehr oder minder den ganzen Abend an. Wo es bei Strauss musikalisch turbulent wird (oft genug), wurde es bei Petrenko noch turbulenter, und er deckte Sänger zu, die an sich gut bei Stimme waren. Auch zog er das Tempo mitunter bedrohlich an, so dass in Ensembles völlig neue Stimmmischungen zu entstehen schienen – sich aber auch flackernde Unruhe einstellte. Kurz, es war ein meist sehr lauter Abend, der nichts von der strömenden Harmonie hatte, mit der man das Werk schließlich auch interpretieren kann. Dennoch – warum nicht auch einmal so?

Ganz neu, nicht für Wien, aber für die Staatsoper war die Britin Alice Coote, die man erst kürzlich im Theater an der Wien als potente Partnerin von Joyce DiDonato in „Alcina“ kennen gelernt hat. Sie singt den Octavian allerorten, hat es anderswo vielleicht leichter als in Wien, wo man beim „Rosenkavalier“ heikel ist, auch bezüglich der Erscheinung. Nein, einen 17jährigen Jüngling aus gutem Haus kann die stämmige Dame nie veranschaulichen, sie scheint eher aus dem Geschlecht der Lerchenauer zu kommen, folglich ist sie im letzten Akt als rustikales Mariandl noch am überzeugendsten. Stimmlich hat sie einen in der Tiefe und Mittellage schönen, kräftigen Mezzo zu bieten, der in der Höhe an Qualität verliert und dann leicht blechern klingt. Darstellerisch wusste sie mit der Rolle durchaus etwas anzufangen, auch ist ihr Deutsch (wie so oft bei den Briten – Kollege Peter Rose bewies es gleichfalls an diesem Abend) geschliffen und verständlich.

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Alice Coote / Chen Reiss

Soile Isokoski sang wieder einmal die Feldmarschallin, derzeit wohl eine ihrer idealen Rollen. Ihre Stimme hat sich die unglaubliche Qualität bewahrt, hell und strahlend und locker geführt, von wunderbarer Leichtigkeit in der Höhe. Zu Beginn ist sie vielleicht nicht die überzeugende tändelnde Liebende, die da aus dem Bett steigt, aber sobald „die Frau Fürstin Feldmarschall“ das Ruder übernimmt, souverän kopfschüttelnd über den Ochs, traurig und betroffen über die Zeit philosophierend, steht sie voll in der Figur. Und wie sie im dritten Akt alles „richtet“ und dann mit ihrem kostbaren Sopran das Terzett krönte, war ebenso schön.

Chen Reiss ließ sich entschuldigen, so etwas hilft den Nerven, wenn man sich nicht hundertprozentig fühlt, aber sie sang mit dem nötigen Silbersopran eine sehr ordentliche Sophie, die nur darstellerisch ein wenig langweilig war. Vielleicht nimmt sich ein versierter Abendregisseur des Hauses ihrer an und zeigt ihr ein paar Reaktionen, damit ihre Figur nicht so unscheinbar am Rande bleibt.

Peter Rose ist der erstaunliche Fall eines fast vollgültigen Ochs, der nicht mit Donaukanal-Wasser getauft wurde und den „aufgeblasenen, schlechten Kerl“ dennoch Wienerisch und kompetent (und als Figur nicht einmal so ekelhaft) in den Griff bekommt. Nur in den allertiefsten Tiefen fühlt er sich nicht wohl – aber das Finale des 2. Aktes hielt er wacker, so lange es nur ging…

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Peter Rose / Clemens Unterreiner

Clemens Unterreiner singt den Herrn von Faninal nun schon ein paar Jahre – lustig, wenn er über die „jungen Leut’“ redet und vielleicht jünger ist als diese. Aber er macht sich in der Rolle gut, plustert sich stimmlich und darstellerisch nach allen Regeln der Kunst auf, was bei diesem Wichtigmacher legitim ist (zumal, wenn man wie er über die Mittel dazu verfügt), und in 20 Jahren ist er dann wohl auch in der Eigenschaft als „Papa“ überzeugend… wenn er nicht längst in andere Fächer übergegangen ist.

Das glückliche Rollendebut des Abends war Benjamin Bruns in der Rolle des Sängers. Abgesehen davon, dass er gelungen die Parodie eines eitlen Tenors spielte, ließ er seine Stimme zu Umfang und Schmelz eines genuinen Italieners anwachsen – ein technisches Kunststückl, das man sich leisten kann, wenn man nur eineinhalb Strophen einer Arie zu singen hat…

„Ansonsten das gewöhnliche Bagagi“, das in der Staatsoper ja sehr ordentliche Besetzungen für Haushofmeister und Duennas, für Notare (sogar in Personalunion mit Polizeikommissaren) und adelige Witwen umfasst. Als Fehlgriff hörte sich die neue Annina an.

Es war ein ungewöhnlich schlecht besuchter Abend, das Interesse des Stehplatzes minimal, viele Sitze blieben frei (nach dem zweiten Akt traditionsgemäß noch mehr). Wer solche Rätsel lösen könnte (mal abgesehen davon: Ersetze Coote durch Garanca, und das Haus ist voll), der wäre der König der Direktoren…

Renate Wagner

 

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