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WIEN / Staatsoper: DER NUSSKNACKER

07.10.2012 | Ballett/Tanz

 

WIEN / Staatsoper: 
DER NUSSKNACKER von Peter Iljitsch Tschaikowski
Premiere: 7. Oktober 2012
Besucht wurde die Generalprobe

Die grundlegende Geschichte – dass die kleine Clara zu Weihnachten einen Nussknacker geschenkt bekommt und dass sie in eine Traumwelt entgleitet – bleibt immer dieselbe, die Variationen, sie tänzerisch umzusetzen, sind mannigfaltig. Wien hat manche Version davon gesehen, aber interessanterweise noch nie jene von Rudolf Nurejew. Dass dieser zu den privaten Göttern von Wiens Ballettchef Manuel Legris zählt, ist bekannt und absolut kein Schaden – schließlich stand Nurejew, abgesehen von seinen durchaus vorhandenen Interessen für die Moderne, doch für das Beste, was das klassische russische Ballett zu bieten hat.

Nurejews Fassung, die Clara die ganze Zeit von ein- und derselben Tänzerin gestalten lässt (auch als kleines Mädchen), wahrt die Bedrohlichkeit, die bei dem Schöpfer der Originalgeschichte, E.T.A. Hoffmann, immer mitschwingt, indem er Clara nicht nur als Einzelgängerin darstellt, sondern ihr die Erwachsenenwelt in den Traumszenen auch durchaus bedrohlich entgegenstellt – wenn „die Großen“ da mit riesigen Papmaché-Köpfen auf sie eintanzen, kann man sich als Kind schon schrecken.

Hingegen spielt der Mäusekönig hier keine besonders große Rolle, aber die Mäuse (oder Ratten?) kommen wahrlich zur Geltung – der enorme Anteil der Kinder ist vielleicht auch ein Bonus, der diesen Abend noch kindergerechter macht, als er es von seinen Voraussetzungen her schon wäre: Denn die kleinen Herrschaften im Tierkostüm watzen und trippeln ganz hinreißend herum, schütteln die Pfoten (selbst wenn Mäuse vermutlich keine solchen haben) und sorgen für zahlreiche Lacher – wie auch die anderen Kinder der Opernschule, die als sie selbst (also kleine Kinder im Gewand des zaristischen Russlands) herumwirbeln, marschieren, umhertollen, wie es am Weihnachtsabend eben so ist, wenn die Geschenke herumkollern…

Diese Rahmen-Szenen haben durchaus Gewicht, die Eltern (Franziska Wallner-Hollinek und Gabor Oberegger würdig) und die boshaften Geschwister (Davide Dato und Emilia Baranowicz) haben ihre Funktion ebenso wie die feine Gesellschaft – Nicholas Georgiadis hat eine Ausstattung geschaffen, die in den Dekorationen eher sparsam bleibt (allerdings müssen deren Teile von den Bühnenarbeitern sichtbar umhergeschoben werden), dafür in den Kostümen prunkt: Damit kann man zur Not auch alle Opern spielen, die aus dem Zarenreich stammen… Ein schlanker weißhaariger Herr ist halb guter Geist, halb durchaus geheimnisvoll: Drosselmeyer, Claras Pate und von ihr heimlich angeschwärmt…

So ist es auch logisch, dass er in der Traumwelt, wenn sie zur erwachsenen Prinzessin avanciert, nun ihr Prinz ist, zuständig für Soli und Pas de deux, wie man sie sich in einem klassischen Werk nur wünscht. Wie die meisten anderen Choreographen hat Nurejew auch die originale Fasung mit der Zuckerfee verschmäht, bei ihm erwachen einfach Puppen zum Leben – und ein Tanz der Schneeflocken kann es mit den Schwänen im „Schwanensee“ aufnehmen  (mit Alena Klochkova und Prisca Zeisel als Schneeflocken-Anführerinnen).

Und im übrigen gibt es, auch wie in „Schwanensee“, die bunten, folkloristischen Einlagen, wobei Ketevan Papava und Eno Peci beim arabischen Tanz enorm rassig wirken, Marcin Dempc, András Lukács und Richard Szabó drei lustige Chinesen sind und die europäische Barock-Pastorale ausschließlich exotische Gesichter zeigt: Ioanna Avraam, Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto. Geschwister und Eltern von Clara bekommen mit einem spanischen bzw. russischen Tanz ihre Solo-Möglichkeiten.

 

Wie immer in Wien werden schon bei den nächsten Vorstellungen die Darsteller von Carla und Drosselmeyer /  Prinz abwechseln. Da wir keine „heimischen“ Lieblinge mehr haben (was schon moniert wird – jahrzehntelang war das Wiener Ballett mit österreichischen Publikumslieblingen bestückt, aber die muss man natürlich heran erziehen), aber dafür jede Menge fabelhafter Russen, gab es Liudmila Konovalova und Vladimir Shishov für die Premiere, sie poetisch-elegisch-elegant, aber nicht wirklich wie ein junges Mädchen wirkend, er dafür ein jugendlich stürmischer Prinz.

Wenn Ballettfans nun Vorstellung für Vorstellung besuchen werden, um die Alternativen zu sehen, werden sie vermutlich an dem detailreichen Abend, den Legris selbst (zusammen mit Aleth Francillon und mit Nathalie Aubin für die reichen Kinderszenen) einstudiert hat und den Paul Connelly brav dirigiert, ihren Spaß haben.

„Ist das nicht zu schön?“ habe ich meinen Mann gefragt.
Und er antwortete: „Es muss ja nicht alles heutzutage auf dem Misthaufen spielen.“
In diesem Sinn – viel Freude mit dem „Nussknacker“.

Renate Wagner

 

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