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WIEN/ Staatsoper: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER . Diese Senta hat drei Verehrer.

Wiener Staatsoper: 22.4. DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Diese Senta hat drei Verehrer

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Erica Eloff. Foto: Klaus Billand

23 Jahre sind seit der Premiere des Fliegenden Holländers in der Produktion von Christine Mielitz  (Bühne und Kostüme Stefan Mayer) vergangen, und anlässlich der Wiederaufnahme ist festzustellen, dass die Produktion zeitlos stringent, aber mit viel Verve die Geschichte des Mannes erzählt, der als Sterblich-Unsterblicher erst dann Erlösung findet, wenn ihm eine Frau ewige Treue schwört. Die Geschichte ist bei Mielitz durchaus stimmig in einem Schiffsbauch angesiedelt, auf dem sich neben den Darstellern allerlei Requisiten tummeln, mal die Schiffe, mal Sentas (Phantasie-)Welt. Die Ausleuchtung dieser Produktion fokussiert auf das Düstere, Dunkle der Sage, vornehmlich schwarz dominiert, einzig die Welt der Spinnerinnen und Eriks – die Bürgerlichkeit – ist hell und erleuchtet. Der einzig – wie schon bei der Premiere – unklar gebliebene Regieeinfall ist die Selbstverbrennung Sentas anstelle ihres Freitodes in des Holländers Element, dem Meer. Wahrscheinlich sollen damit ihr Fanatismus, ihre Idée fixe über ihr Idol deutlicher zum Ausdruck gebracht werden als durch ein vergleichsweise banales „Ins-Wasser-gehen“. Das Setting stimmt sonst allerdings: Es ist daher angerichtet für die düstere Geschichte, die sich bei Mielitz – durchaus nachvollziehbar – allfällig nur in Sentas Kopf abspielen könnte, – verdeutlicht wird dies durch ein rotes Dreieck, das bei ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Holländer in den Bühnenvordergrund fährt – um aus ihrem vorbestimmten Leben mit einem biederen, einfachen Mann mit Spinnen, Kochen und Kinder Bekommen zu entfliehen.

Im Orchestergraben bleiben keine Wünsche offen: Bertrand de Billy findet mit dem in seinem Wagner-Meer-Element aufspielenden Orchester der Wiener Staatsoper einen volumens- und dezibelreichen Duktus, mit dem er das Geschehen drängend vorantreibt und mit dem nie Langeweile – des Zuhörers größter Feind – aufkommt. Ein wildes Geschehen, wild interpretiert. Dort, wo zartere Töne anzuschlagen sind, klingen diese an, wie beispielsweise beim Lied des Steuermanns. Auch in der Ballade der Senta werden kostbare Momente zu Gehör gebracht. Gut geprobt fügen sich Herren- und Damenchor durchaus volltönend ins Geschehen.

Lang dauerte es, bis der polnische vielbeschäftigte Bassbariton Tomasz Konieczny dem ihn sehr verehrenden Wiener Publikum seinen Holländer vorstellen durfte: Als einer „der“ Wotans/Wanderer unserer Tage zeigt er neuerlich als getrieben Treibender als rastend Rastloser, dass er einer der eindrucksvollsten Sängerdarsteller unserer Tage ist. Schon bei seinem ersten Auftritt mit Monolog und anschließendem Duett mit Daland führt er dem Publikum vor Augen, dass genau er der unheilvolle Dämon ist, mit dem sich unglückliche poetische junge Mädchen in eine andere Welt zu träumen wagen. Senta erstarrt förmlich vor der realen Verkörperung ihrer Vorstellung. Determiniert dealend über alle Hindernisse hinweggehend ist er der „He-Man“, der sein Ziel, das Sterben und Erlöst-werden, mit allen Mitteln zu erreichen trachtet. In schauspielerischer Hinsicht wohl völlig konkurrenzlos verdeutlicht er mit seiner sehr charakteristischen, eher rauen Klangfärbung auch stimmlich seine Wünsche, verfügt über genügend Kraft, einen langen Atem und starke, selbstbewusste, aber in der zentralen Begegnung mit Senta auch einschmeichelnde Töne, um sein Begehr zu untermauern. Er ist auch stimmlich mehr volltöndender Kaufmann als zärtlich Liebender.

Ihm zur Seite steht Erica Eloff, Südafrikanerin mit starkem Linz-Bezug und Gewinnerin des Österreichischen Musiktheaterpreises 2024 für ihre Verkörperung der Marietta/Marie und der Meistersinger-Eva, als Senta, ihrer ersten Staatsopern-Opernrolle. Sie überrascht zunächst mit einer vergleichsweise delikat-sensibel gesungenen Ballade und kann mit Fortdauer des Abends mit eleganter Stimmführung und Phrasierung den fallweise etwas ungeschlacht daher kommenden Herren zeigen, dass auch Schöngesang ein wertvolles Atout bei der Interpretation der Musik Richard Wagners sein kann. Darstellerisch fügt sie sich tadellos in die von Mielitz verlangten Vorgaben, ist beseelt-besessen von ihrem erträumten Helden und geht in der mentalen Aufopferungsspirale gefangen bestimmt und unbeirrbar in ihren Freitod.

An ihrer Seite rittern diesmal ZWEI weitere Verehrer um ihre Gunst: Im zweiten Akt interpretiert einer „der“ Heldentenöre unserer Tage, Andreas Schager, den vergleichsweise lyrisch angelegten Erik, und schon nach kurzem zeigt sich, dass er zumindest nicht einen seiner besseren stimmlichen Tage hat, muss er zum Teil in den Sprechgesang flüchten, Legatobögen gelingen gar nicht, manchmal versagt das Organ sogar. Und so findet sich – unterbrechungslos – im dritten Akt ein anderer Verehrer in Gestalt von Jörg Schneider, der mit einem „Sprung ins kalte Wasser“ den dramaturgisch vorgesehenen „Sprung ins kalte Wasser“ seiner Angebeteten zu verhindern trachtet. Stimmlich tadellos schneidert Schneider die Bitten des Jägers an seine Geliebte, von diesem unheilvollen Gesellen doch abzulassen. Beim Schlussvorhang erst wurde er vom Intendanten als Dritt-Akts-Erik vorgestellt.

Franz-Josef Selig ist ein ordentlicher, wenn auch nicht sehr prononcierter Daland, Hiroshi Amako hat hörbar Höhenprobleme als Steuermann und Stephanie Maitland ist gewohnt verlässlich als Mary.

Ein Abend also, an dem der Holländer sogar zwei Verehrer ausgeschaltet hat.

Sabine Längle

 

 

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