17.6. COSÌ FAN TUTTE
Mozart wie selbstverständlich

Der Brite Alexander Soddy zählt zweifelsohne zu den Shootingstars am Dirigentenhimmel und beeindruckt dabei mit einer Vielfältigkeit und Präzision wie kaum ein anderer: Gerade noch höchst erfolgreich als Leiter des Scala-Ringes und eine hervorragende Rosenkavalier-Serie an der Wiener Staatsoper absolviert habend, widmet er sich nun dem dritten, dem am wenigsten prominenten Kind der Mozart-Da Ponte-Familie, der Così fan tutte, die dazu verdammt ist, neben ihren beiden älteren Superstar-Geschwistern Figaro und Giovanni ein wenig ein Cenerentola-Dasein zu fristen, da sie wegen der doch einerseits als banal und andererseits als unglaubwürdig qualifizierbaren Handlung trotz herrlicher musikalischer Momente, wundervoller Arien und dem Terzett für die Ewigkeit „Soave sia il vento“ immer wieder ins Hintertreffen an Aufführungsanzahl und Beliebtheit beim Publikum – dieses bestand im Übrigen zu gefühlten 99,9 % aus Touristen – gerät.
Soddy – auch am Hammerklavier bei den Recitativi secchi aktiv – nun schafft es, gemeinsam mit dem wohl besten Mozart-Orchester der Welt einen Mozart in einer Geschlossenheit und Selbstverständlichkeit zu kreieren wie es einst Karl Böhm und Riccardo Muti gelungen ist, ohne dabei den großen Bogen zu verlieren oder gar Langeweile aufkommen zu lassen. Die drängende Handlung findet in den von ihm gewählten Tempi ihren Ausdruck, die vergleichsweise zahlreichen retardierenden Momente (wie beispielsweise Fiordiligis auch orchestral sehr abwechslungsreich gestaltetes „Per pietà“) fügen sich dabei fließend in den Gesamtablauf. So verleihen Dirigent und Orchester den Figuren Nahrung und Profil.
Diese sind vornehmlich von dem von nahezu pathologischer Furcht vor Erstarrung erfassten Barrie Kosky dazu verdammt, sich kontinuierlich vertikal und horizontal über die bekanntermaßen nicht eben klein dimensionierte Staatsopernbühne zu bewegen – dieser Drang und Zwang wirkt sich im Übrigen nicht immer positiv auf deren Legato-Kultur aus.
Die Primadonna hat in der Ukrainerin Olga Kulchynska (Fiordiligi) eine vergleichsweise dramatisch timbrierte Interpretin gefunden. Auf der Plus-Liste stehen ihre sehr schöne Stimmfärbung, ihre Fähigkeit, nicht nur eindimensional zu klingen, und insgesamt bei vorhandener Piano-Kultur ein eher kräftiges Organ. Die bereits erwähnte zweite Arie klingt besser als „Come scoglio“ – letztere ist ohnehin mit ihren Sprüngen nahezu unsingbar. Ihr Manko ist die nicht immer vorhandene Agilität in den Koloraturpassagen. Aber warum nicht Mozart mit einer Mimì-Stimme singen?
Ihr Bühnenschwester Dorabella ist die US-Amerikanerin Angela Brower, die über eine klassisch schöne runde Mozart-Mezzosopranstimme verfügt und diese tadellos in allen Szenen einzusetzen weiß. Vielleicht ein wenig eindimensional und mit wenig dynamischen Facetten, aber insgesamt eine erfreuliche Leistung.
Maria Nazarova, in vielen Rollen an der Wiener Staatsoper zu hören, beeindruckte vor allem mit ihrem kurzfristigen Premieren-Einspringen als Susanna. Ihre Despina agiert irgendwo zwischen spielfreudig und vulgär, manchmal etwas verblödelt. Stimmlich durchaus passend mit soubrettiger Färbung behaftet ist allerdings nicht jeder Ton klangschön.
Filipe Manu, aus Neuseeland stammend mit tongatischen Wurzeln, Preisträger des renommierten Viñas-Wettbewerbes, ist dabei, sich auf den internationalen Bühnen als lyrischer Tenor zu etablieren. Seinen Ferrando gestaltet er mit schöner Timbrierung, die Stimme ist (noch) nicht sehr groß, manchmal klingt der eine oder andere hohe Ton nicht frei. In den richtigen Händen, klug seine Karriere aufbauend kann er in Zukunft sicher weiter(hin) reüssieren. Reüssiert hat er jedenfalls mit seinem Rad, das er im ersten Akt auf der Bühne schlug.
Peter Kellner, in seiner Klangfarbe mehr Bassbariton als Bariton, ist darstellerisch hochagil, stimmlich fehlt es in den höheren Lagen an den weichen Klängen, die man sich von einem Guglielmo erwarten kann.
Christopher Maltman, in der Zwischenzeit als Göttervater und Polizeichef erprobt, ist als Don Alfonso der dominus litis, den sich das Publikum in dieser Rolle erhofft. In Koskys Regiekonzept als Regisseur agierend, darf er als einziger während des Singens auch dann und wann innehalten, wenn er das Geschehen lenkt. Dem in früheren Zeiten von ihm perfekt zu Gehör gebrachten Mozart-Klang ist er schon etwas Richtung Walhall und Palazzo Farnese entwachsen.
Sabine Längle

