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WIEN/ Staatsoper: CHOWANSCHTSCHINA – Premiere. „A zache G’schicht“

15.11.2014 | Oper

Wiener Staatsoper – Chowanschtschina – 15. November 2014

A zache G’schicht

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Elena Maximova. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Modest Mussorgskis Oper Chowanschtschina ist ein Volksdrama in fünf Aufzügen und erzählt von der Tragödie des russischen Volkes, das stillschweigt und bereit ist, sich bald diesem, bald jenem zu unterwerfen. Der Text stammt vom Komponisten selbst (wie Wagner schrieb er zuerst das Libretto und vertonte dann erst), beim Tod Mussorgskis lag jedoch nur der (unvollständige) Klavierauszug vor, die Instrumentierung stammte vorerst von Rimski-Korsakow, die Wiener Staatsoper bzw. Dirigent Semyon Bychkov wählte für diesen Abend aber die wesentlich rauere Schostakowitsch-Fassung. Bychkov hält bei aller Bewunderung für Rimski-Korsakows Instrumentationskunst eindeutig für zu süßlich. Und so interpretiert er auch dieses Werk, das sich dem Zuseher nicht gleich aufs erste Mal erschließt (zu „russisch“ ist die Erzählweise, viele lokale Besonderheiten sind für einen Mitteleuropäer ohne vertiefende Befassung nicht durchschaubar, die dramatische Entwicklung bleibt bis zum Ende ein Manko) in einer schroffen Form. Bychkov greift stets ins Volle: Schrille Effekte, abrupte Wendungen, grelles Blech, das sich immer wieder in schwierig zu spielenden Lagen beweisen muss, auch beim (nicht auskomponierten) Finale verzichtet der musikalische Leiter, der nach Daphne und Lohengrin seine dritte Premiere in Wien dirigierte, auf das leise Verklingen der Bearbeitung Stravinskis (der zusammen mit Ravel ebenfalls an dieser Oper gearbeitet hatte), allerdings wären gerade hier einige Striche durchaus angebracht gewesen. Wie überhaupt die Länge des Stückes (255 Minuten inkl. zwei Pausen) einige Anforderungen an das Publikum stellte, die Reihen lichteten sich sogar bei der Premierenvorstellung einigermaßen. Noch dazu dauerten die letzten beiden Übergänge schier endlos, obwohl keine Umbauten notwendig waren, da ein Einheitsbühnenbild von Anfang bis zum Schluss herhalten musste.

 Und damit sind wir eigentlich beim wirklich Problem dieser Aufführung, nämlich der Regie von Lev Dodin. Der 70jährige Chef des St.Petersburger Maly Drama Theaters, der in seiner Heimat Kultstatus genießt, erzählt die Handlung weitgehend als Oratorium und verzichtet auf eine wirkliche Personenführung. Er beweist, dass man auch ohne Provokation und Regietheater scheitern kann. Sein Grundgerüst fürs Bühnenbild sind vertikal bewegliche Podeste (Ausstattung Alexander Borovskiy), die dem „Berg der Kreuze“ in Litauen ähneln und in erster Linie die Solisten sowie den gewaltigen Chor (mit ca. 150 Mitgliedern) in der Vertikale auf und ab transportieren. Dies ist anfangs gar nicht so uninteressant und beinhaltet auch gelungene Bilder, wie etwa beim Terzett Chowanski, Golizyn und Dossifei! Aber insgesamt wirkt es trotz perfekt eingesetzter Lichtregie (Damir Ismagilov) doch einschläfernd.

 Die Handlung hier detailliert zu erläutern, würde den Rahmen sprengen, nur so viel zum Verständnis: Der eigentliche Held der Oper ist das Volk, das im ausgehenden 17. Jahrhundert in Moskau wieder einmal von Umwälzungen bedroht ist und einen Machtkampf erlebt. Nämlich zwischen dem Fürsten Chowanski (der das traditionelle Russland vertritt, mit Fürstenstand und Strelitzen-Armee im Gefolge) dem Fürsten Golizyn (der dem Westen zugetan ist) und dem Führer der Altgläubigen Dossifei (ein Ex-Fürst, der sich dieser religiösen, zutiefst reaktionären Sekte zugewendet hat). Am Ende scheitern alle drei und das Volk ist wieder dort, wo es zu Beginn war. Dazu gibt es noch eine Liebesgeschichte inkl. Vater-Sohn-Konflikt und einen intriganten Bojaren.

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Elena Maximova, Ain Anger. Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

 Musikalisch lässt die Interpretation Bychkovs keine Kritik zu, perfekt führt er das Wiener Staatsopernorchester durch die Partitur und mit Ausnahme von ein, zwei Wacklern bei den Choreinsätzen funktioniert auch die Kommunikation zur Bühne, allerdings ist das bei den Steh-Gesängen nicht allzu schwierig. Bei der Solistenriege gibt es hingegen Licht und Schatten. Mann des Abends war eindeutig Ain Anger, der mit seinem prachtvollen Bass einen jungen Dossifei sehr glaubwürdig als Führer der Altgläubigen darstellte. Mit seinem gewaltigen Volumen und angenehmen Timbre heimste er auch den größten Applaus ein. Eigentlich hätte man erwartet, dass Ferruccio Furlanetto als Fürst Iwan Chowanski die Nummer-1-Rolle innehaben wird, der Wiener Publikumsliebling sang zwar wunderschön und kultiviert, den mächtigen und auch grausamen Fürsten nahm man ihm aber nicht wirklich ab, am meisten punkten konnte er in den süffisanten, zynischen Duetten und Terzetten. Christopher Ventris als sein Sohn Andrei schien nie so richtig auf Touren zu kommen, der in zahlreichen Wagnerpartien bewährte Tenor wurde unter seinem Wert geschlagen. Ordentlich sang Herbert Lippert den Fürsten Golizyn, hatte aber bei der manchmal sehr hohen Tessitura Schwierigkeiten. Mein persönlicher Favorit war Andrzej Dobber als Bojar Schaklowity, der mit dröhnendem Bariton seine Boshaftigkeit und Gemeinheiten auch stimmlich stets präsent machte und mit seiner großen Arie nachhaltig berührte. Für die aus persönlichen Gründen vor einigen Wochen absagende Elisabeth Kulman war Elena Maximova als Marfa eingesprungen und machte ihre Sache grosso modo recht gut, wenngleich man sich natürlich auf die Ausnahmestimme Kulmans in dieser sehr dankbaren Mezzo-Partie schon sehr gefreut hätte. Der auf vielen Kirtagen unterwegs befindliche Norbert Ernst holte aus der Rolle des Schreibers das Optimum heraus, während Caroline Wenborne als Emma hörbar überfordert schien. Auch der sonst so verlässliche Marian Talaba und Lydia Rathkolb blieben in den kleineren Partien als Kuska bzw. Susanna einiges schuldig. Positiv zu erwähnen wären hingegen Wolfram Igor Derntl und Benedikt Kobel sowie natürlich der von Thomas Lang perfekt vorbereitete Wiener Staatsopernchor.

 Eine Anmerkung noch zu Choreographie und Statisterie: Hier haperte es doch einigermaßen an der Präzision, die Szene mit den Persermädchen, die nach einem halbherzigen Striptease (bei dem auf den BH’s „Nieder mit Chowanski“ zu lesen war) den Fürsten im Off niedermetzelten, bewegte sich auf Schultheaterniveau.

 Grotesk die Situation beim Premierenapplaus, als die Solistenriege gemeinsam mit dem Dirigenten den Beifall entgegennahm. Furlanettos Versuche das Regieteam auch auf die Bühne zu holen blieben allerdings ergebnislos, so kann man sich auch die Buhs ersparen! Lauer Applaus eines am Ende ermüdeten Publikums mit einigen Ausreißern nach oben bei Anger, Furlanetto, Maximova und natürlich Bychkov.

 Ernst Kopica

 

 

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