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WIEN / Staatsoper: CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI

26.01.2014 | Oper

 

WIEN / Staatsoper
CAVALLERIA RUSTICANA von Pietro Mascagni
PAGLIACCI von Ruggero Leoncavallo
101 bzw. 103. Aufführung in dieser Inszenierung
25. Jänner 2014

Das klassische “Verismo-Paar” der Operngschichte erscheint in Wien etwa im Zwei-Jahresrhythmus am Spielplan,  glücklicherweise seit Jahrzehnten unangetastet in der großartigen Ponnelle-Inszenierung, die nach wie vor kaum besser zu machen wäre – allein wie sich ganz selbstverständlich die Dorfrituale entfalten, wenn es in der “Cavalleria” zur Blutrache geht, ist immer wieder faszinierend. Und dass “Bajazzo” im gleichen Dorf spielt – sind es doch dieselben Geschichten um verzweifelte Liebe, Eifersucht und Tod…

Man geht ja der Besetzung wegen in diese beiden Blutopern, und diesmal verkündeten immerhin fünf Sternchen hinter den Namen der Hauptrollendarsteller ihre Hausdebuts. Das fiel in der “Cavalleria” nicht gerade überwältigend aus. Michaela Schuster, die in den letzten Jahren – nicht jeder findet es völlig einsichtig – eine große Karriere im Wagner- und deutschen Fach gemacht hat (und das mit ganz wenigen Ausnahmen etwa in Richtung Verdi), will sich wie manche Kollegin auch nicht einengen lassen (“Was die Meier kann, kann ich auch…” oder so ähnlich?). Nun also erfolgte der Versuch mit Santuzza, ungeachtet dessen, dass diese eine andere Stimme und eine andere Technik benötigt als Wagner und Strauss. Immerhin, den Fluss des italienischen Stils macht Michaela Schuster gelegentlich ganz überzeugend nach, ihre Höhenattacken sind hingegen oft als qualvoll zu bezeichnen, und was Erscheinung und Spiel betrifft, ist Santuzza bei ihr keine leidende Verismo-Königin (wie so manche Kollegin einst und möglicherweise wieder einmal), sondern hat eher etwas Hexenhaftes. Das reduziert den Eindruck des Werks.

Die “Siciliana”, die hinter der Bühne erklang und den Eindruck erweckte, der Tenor werde jeden Moment verenden, ließ Schlimmeres befürchten, als dann eintrat. Schließlich hat man Fabio Armiliato auch schon oft sehr gut gehört, bei Puccini und vor allem in der “Macht des Schicksals”. Entweder war er nicht in Form oder, was auch gut möglich ist, er singt mit dem Turridu vom Fach her wirklich an den Grenzen seiner Möglichkeiten – jedenfalls war die Anstrengung des Singens und Zuhörens immer größer als der Genuß.

Erstaunlich George Gagnidze, den man per arte (der “Rigoletto” aus Aix) und DVD (die “Tosca” aus der Met) besser kennt als live: Ein so gewaltiger Mann und eine vergleichsweise so “flache” Stimme. Allerdings kann er durch Erscheinung und Spiel vieles kompensieren – dass mit diesem Alfio nicht zu spaßen ist und er umweglos zur blutigen Tat schreitet, das strahlt er jede Sekunde aus.

Nicht in Spitzenverfassung war auch die Mamma Lucia der Aura Twarowska, Zoryana Kushpler hingegen gab eine schöne, wenn auch schon ein wenig gesetzte Lola (normalerweise gibt sich die Dame koketter).

Die “Pagliacci” begannen dann viel versprechend, als Ambrogio Maestri (eben erst der so viel gelobte Falstaff der Met) seinen Prolog mit einem so gewaltigen Spitzenton krönte, dass der Beifallssturm nur so losbrauste (und er sich gleich seinen Solovorhang holte). Er singt den Tonio mit voll strömender Stimme und versucht auch, die Rolle unsympathisch zu gestalten, aber es schimmert halt immer der nette Kerl durch…

Inva Mula, die in der Direktion Meyer gelegentlich auftaucht (sie war Marguerite an der Seite von Jonas Kaufmanns Faust), hat mit der Nedda eine sehr gute Rolle gefunden (abgesehen davon, dass sie in dieser Inszenierung auch hinreißend aussehen darf, was jeder Sängerin gut tut). Obwohl die Stimme nicht mehr so federleicht ist, wie es das hinreißende Vogellied verlangen würde, hat sie doch die nötige Souveränität des Ausdrucks. Die Sehnsucht nach Liebe, die aus ihrem Duett mit Silvio (Tae-Joong Yang, sehr ansehnlich bzw. anhörbar) klingt, hat etwas Ergreifenes. Zumal die zahlreichen fast zudringlichen Umarmungen ihres Gemahls von Anfang an nur besitzergreifend und beengend sind…

Ja, und dieser Canio war dann wohl Grund für viele, sich diesen Opernabend anzusehen, und was gut und gern hätte schiefgehen können, wurde zum Ereignis. Neil Shicoff ist ein Sänger, der nicht aufgibt. Immer schon war seine Stimme ein “Charaktertenor”, ideal bei Britten, Ausnahmerollen wie dem Eleazar, auch im russischen Fach exzellent. Nie hat er sich abhalten lassen, ein italienisches Repertoire zu singen, dessen Belcanto-Anforderungen er nie erfüllte, stets durch Ausdruck, Charakter, Persönlichkeit kompensierte, wie ein großer Künstler sie eben zu bieten hat. Demnächst geht er an die Volksoper, um eine Rolle zu verkörpern, die ihm in der Staatsoper nie untergekommen ist, den Kalaf in “Turandot”.

Und nun, mit 65, sang er an der Wiener Staatsoper erstmals den Canio (möglicherweise überhaupt zum ersten Mal?). Es war hörbar ein Gewaltakt, aber es war auch ein Kraftakt, der belohnt wurde. Ohne viel “Stimme”, aber mit Technik, mit Anstrengung und eiserner Entschlossenheit “sang” er die Rolle, stemmte die Höhen, erzeugte Leidenschaft. Der durchaus ältere Herr mit den grauen Locken tobte sich Verzweiflung von der Seele. Nicht schön anzuhören, aber so eindrucksvoll anzusehen, dass das Publikum helle Begeisterung zeigte. Unsere Welt liebt die Kämpfer, die nicht aufgeben…

Freilich, wenn Carlos Osuna als Beppo auf der “Bühne” das Ständchen des Arlecchino sang, dann hörte man, wie eine “normale” Tenorstimme klingen kann und wohl auch soll. Aber was Shicoff unternommen hat, spielte sich einfach in einer anderen Preisklasse ab, in einer Opern-Parallelwelt, wo andere Gesetze jenseits des Üblichen gelten.

Paolo Carignani gab dem Verismo diesmal sein volles Recht,  zumal die “Cavalleria” klang brutal (nur das Zwischenspiel war von schönster Gespanntheit). Im “Bajazzo” hatte der Dirigent dann auch Mitgefühl mit den lyrischen Passagen. Wieder sehr ordentliches Repertoire aus dem Orchestergraben – an einem unebenen, aber keinesfalls überraschungsfreien Abend.

Renate Wagner

 

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