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WIEN / Staatsoper: CARMEN

25.02.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
CARMEN von Georges Bizet
24. Februar 2012
143. Aufführung in dieser Inszenierung

Also: Mit dem neuen Spielplan-Archiv der Staatsoper im Internet ist es leicht. Jetzt müssen wir gar nicht im Gedächtnis und in unseren Unterlagen nachblättern, ob die „Carmen“ mit der Netrebko / Micaela tatsächlich die letzte Serie dieses Werks an der Staatsoper war, jetzt erfahren wir es mit ein paar Doppelclicken. Auch schon wieder knapp zwei Jahre her, diese vom Fernsehen übertragene „musikalische Neueinstudierung“ damals. War der Stehplatz deshalb an diesem Abend dermaßen ausverkauft? Oder einfach, weil Carmen, Aida, Zauberflöte eben die Opern der Opern sind, von denen Ioan Holender einmal meinte, nicht einmal der patschertste Operndirektor schaffe es, sie nicht voll zu bekommen…?

Die gestandenen Opernfreunde waren wohl vor allem gekommen, um das Comeback von Carlos Alvarez mitzuerleben, und um es vorwegzunehmen: Es war keine Katastrophe (man ist ja geradezu ängstlich geworden…), es war alles in Ordnung. Interessant natürlich auch, dass von 11 Herrschaften, die auf den Theaterzettel stehen (und von denen der Lillas Pastia allerdings sozusagen gar keine Rolle ist) nicht nur sechs von ihnen Rollendebuts an der Staatsoper ablieferten – zwei Sänger, das zentrale Liebespaar, stellten sich an diesem Abend überhaupt erst in Wien vor. Na, wenn das kein Grund ist, in die Oper zu eilen. Fazit: Eastern Ladies gegen Latin Lovers – schönste Harmonie, Sieg auf ganzer Linie mit minimalen Einwänden. Ein Opernabend, den man glücklich erlebte und glücklich verließ.

Das ging auch auf das Konto von Yves Abel am Dirigentenpult, der die Carmen-Musik von der ersten Sekunde an voll lospreschen ließ und klar machte, dass hier Hochdramatik angesagt war und nicht die Lockerheit der Comique. Tatsächlich wurde es ein Abend, an dem auch das Orchester immer wieder durch Intensität, Drive und Exaktheit aufhorchen ließ, von den Klangfarben, da die reichlich gemalt wurden, ganz zu schweigen. Das war der Boden, auf dem Künstler sich ausbreiten konnten.

Beginnen wir mit dem, was Opernfreunde ja doch am meisten interessiert: Carlos Alvarez kam wieder, nein, er hat nicht in letzter Minute abgesagt. Wieder das Staatsopern-Spielplan-Archiv befragt (da wird man noch viele Stunden beim Suchen und Spielen verbringen, was heißt Stunden…): Im September 2008 hat er in der unglückseligen „Forza“ zuletzt gesungen, dann gab es nur noch Absagen, Gerüchte über Krankheiten, selbstverständlich düsteres Geunke über Karriere-Ende… zumal, als die Staatsoper ihn vor nicht allzu langer Zeit als Jago an- und dann wieder absetzte. Aber als Escamillo kam er tatsächlich wieder, und es war eigentlich nicht sehr nett von Yves Abel, den einsetzenden Auftrittsapplaus abzuwürgen – wenn es nicht zu Gunsten des Sängers doch wieder gescheit war, weil es ihn vermutlich aus der Bahn geworfen und nur nervös gemacht hätte.

Carlos Alvarez präsentierte sich mit einer Idee mehr an Körperumfang und einer Idee weniger an Stimmumfang als früher, aber das spielt keine Rolle: Er ist nach wie vor die elegante, souveräne Bühnenpersönlichkeit und der faszinierende Bariton mit dem aufregend-rauen Timbre. Über die Schwierigkeiten der Auftrittsarie muss man nichts sagen, es waren höchstens Kleinigkeiten, die nicht stimmten, und danach war ohnedies alles paletti. Für diesen Gentleman-Torero hätte manche Dame den unglückseligen José verlassen…

Thiago Arancam stellte sich in Wien vor, und der Programmzettel schrieb cool die Internet-Angaben von einem „italienisch-brasilianischen lyrischen Spinto-Tenor“ ab, obwohl unsere Herren doch wirklich gescheit und gebildet sind und wissen, dass (lassen wir die Herkunft einmal weg, die spielt hier keine Rolle) eine Gattungsbezeichnung wie diese auf den hochdramatischen Don José wirklich nicht passt. Dann hätte Signore/Dom Arancam nämlich viel zu wenig Stimme und Power, und das war glücklicherweise nicht der Fall.

Als der schwarze Lockenkopf in der Bühnenmitte auftauchte, gab das einen winzigen Schock – so schnell erfolgt die Wachablöse? Ein Sänger aus Lateinamerika verabschiedet sich, und der nächste ist schon da? Nun ganz so weit ist es wohl (in beiden Fällen!) noch nicht. Immerhin muss man sagen, dass Thiago Arancam schlank und schlaksig, groß und gut aussehend sowie wunderbar jung ist (erst seit wenigen Wochen 30), also zweifellos eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich hat. Der Tenor ist da, was ihm fehlt, ist ein eigentümliches und auch wohlklingendes Timbre, er bringt die Spitzentöne, muss sie allerdings stemmen. Das sind Dinge, die sich verbessern können – einstweilen singt er nur ordentlich. Für die ganz große Karriere bedarf es mehr. Seine Darstellung zeigt, dass er mit der Rolle eine Menge anfangen kann, und vor allem im letzten Akt lieferte er sich mit seiner Carmen ein so starkes finales Duett von Trauer und Verzweiflung, dass man von den beiden in Zukunft noch viel mehr hören möchte.

Vor allem von ihr. Denn Elena Maximova ist die Entdeckung des Abends. Zumal man in Wien mit der Carmen schon lange nicht mehr glücklich geworden ist. Waltraud Meier und Agnes Baltsa sind lange her, einige danach hat man vergessen, Vesselina Karasowa und Nadia Krasteva waren keine Idealbesetzungen, die Garanca und die Kirchschlager haben sich hier nicht hören lassen (die Garanca konnte man wenigstens im Kino aus der Met erleben). Diese Russin beschert nun das Opernglück aus ihrer Stimme heraus. Ein großer, schöner, dunkel timbrierter Mezzo mit prächtiger Tiefe und einer Höhe aus Edelmetall, mit kraftvollem Forte und substanziellem Piano sowie einem Timbre, das weit sinnlicher ist als alles, was sie diesbezüglich als Darstellerin macht. Vom Typ her ist sie wahrlich nicht das spanische Zigeuner-Weibchen, und wenn sie im letzten Akt in einem offensichtlich eigenem Gewand erscheint, ist sie optisch das russische Mädel aus einer Glinka-Oper schlechthin. Aber der dritte Akt, wenn sie nicht mehr auf Verführerin machen muss, gelingt ihr auch darstellerisch, und im vierten ist sie als Carmen anderer Art faszinierend. Wenn man sich erinnert, wie etwa die Baltsa als hoheitsvolle Hexe sämtliche ihrer Josés niedermachte, dann hat diese Carmen der Elena Maximova Mitleid mit ihm. Wenn sie ihm sagt, dass sie ihn nicht mehr liebt, schleudert sie ihm nicht alle Verachtung entgegen, sie singt es still in sich hinein, wie zu sich selbst, und sie wirft ihm den Ring auch nicht so verächtlich vor die Füße, als wäre er das Letzte, sie trotzt nicht stolz – sie ist im Grunde traurig. Er tut ihr leid. Die hilflose Verzweiflung des Thiago Arancam passte perfekt dazu. Man hat den letzten Akt „Carmen“ oft toll und immer anders gesehen. Das hier war eine wunderbar anrührende Version der beiden Wien-Debutanten.

Die Micaela gab die Lettin Maija Kovalevska (die offenbar auch bei der Garnaca-Mutter gelernt hat!). Man kennt sie bereits als Tatjana, sie ist eine sympathische, weil gerade im ersten Akt nicht nur schüchterne, sondern irgendwie auch humorvolle Micaela, so, wie sie mit den frechen Soldaten umgeht. Sie singt schön, ist viel dramatischer, als es die Rolle verlangt, allerdings nicht so „dolce“, wie man es gerne hätte. Möglicherweise könnte die noch ausstehende Figaro-Gräfin ihr besser passen, aber sie ist eine gute, wenn auch nicht ideale Besetzung.

Noch zwei Debutanten an diesem Abend: Chen Reiss, die als Frasquita ihre doch recht blechern klingende Kollegin Juliette Mars mit schönen, klaren Tönen überragte, und Clemens Unterreiner, dem als Morales der Anfang der Oper gehörte und der sich das mächtig zunutze machte: Ein paar Minuten lang war er der Held des Abends. Am Rande blieben Janusz Monarcha als Zuniga und vor allem Ho-yoon Chung und Hans Peter Kammerer, die sozusagen Mindestbesetzungen für Remendado und Dancairo waren.

Das Publikum merkte, dass das schon ein besonders guter „Carmen“-Abend war. Im Zuschauerraum befand sich übrigens Zoryana Kushpler, erstmals mit der Aufgabe betraut, die Carmen selbst zu covern. Wird schon kommen. Auch Elena Maximova hat in Moskau lange, lange Zeit hindurch Nebenrollen gesungen.

Renate Wagner

 

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