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WIEN/ Staatsoper: CARMEN – die insgesamt 8. Aufführung der Bieito-Inszenierung

Wiener Staatsoper, „CARMEN“, 13.11.2021

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Clémentine Margaine, Freddie de Tommaso. Foto: Michael Pöhn

Die zweite „Carmen“-Vorstellung der aktuellen Aufführungsserie an der Wiener Staatsoper begann wieder mit einer Ansage. Diesmal war aber glücklicherweise niemand von der Sängerriege erkrankt, sondern die Untertitelanlage. Die meinte nämlich, es stünde noch der „Nabucco“ vom Vortag auf dem Programm. Die Technik der Staatsoper bekam das Problem im Laufe des ersten Aktes in den Griff.

Insgesamt handelte es sich bereits um die 8. Aufführung der Inszenierung von Calixto Bieito, die im letzten Februar unter COVID-Lockdown-Bedingungen Premiere hatte und erst im Mai vor Publikum gespielt werden konnte. Die Inszenierung ist über zwanzig Jahre alt und hat die „halbe Opernwelt“ gesehen. Warum sie nach Wien geholt wurde, um die bewährte, cineastisch-opulente Produktion von Franco Zeffirelli abzulösen, ist mir ein Rätsel.

Nun gibt es also am Beginn des ersten Aktes kein komponiertes „Genrebild“, sondern man wird durch einen feschen soldatischen Dauerläufer in Unterhose „moralisch aufgerüttelt“, der mit der Waffe in der Hand Runde um Runde um eine spanische Flagge strafexerziert – bis er zusammenklappt. Das Publikum wirkte darob aber wenig enthusiasmiert, eher gelangweilt. Man fühlte ein kühles Desinteresse, das zwischen Bühne und Zuschauerraum wie ein feiner Gazevorhang schwebte. Bei der Zeffirelli-Produktion gab es auch schon mal spontanen Applaus nur für das Bühnenbild, ein Gedanke, der einem angesichts dieser Neuproduktion geradezu absurd erscheint.

Es ist wahrscheinlich auch für die Sänger nicht leicht, sich in diese brutale Schmugglerwelt einzuleben. Bei wechselnden Besetzungen fehlt vielleicht doch der letzte „Kick“, um sich mit Überzeugung auf das vulgäre Halbwelttreiben einzulassen. (Auf Musikhochschulen wird Gesang unterrichtet und keine Ausbildung zum Sozialarbeiter betrieben.) Besonders betrifft das die Darstellerin der Carmen. Im ersten Akt mit schwarzem Unterkleid und einem hellen Arbeitsmantel angetan, geht einem jegliche spielerische Erotik ab. Carmen wird in dieser Produktion überhaupt stark auf das „Objekthafte“ reduziert, im Finale von Don José noch gedemütigt.

Die Premierenbesetzung im Februar durch Anita Rachvelishvili konnte mit intensivem Spiel und sattem Mezzo dagegenhalten, Clémentine Margaine, Carmen dieser Aufführungsserie, fiel das offenbar schwerer. Ihr Mezzo ist schlanker, als der von Rachvelishvili, und wäre gesanglich zu subtilerer Erotik fähig. Margaine hat die Carmen bereits vor drei Jahren in Wien gesungen. Ihre Stimme ist seither noch ein wenig gereift, ein bisschen nachgedunkelt – durchaus zu ihrem Vorteil. Der erste Akt wurde von ihr sehr gut gesungen, blieb aber wenig mitreißend. Der dritte und vierte Akt lagen ihr mehr. Im Finale wurde die starke Spannung zwischen innerem Zweifel und äußerem Trotz spürbar – und dann wurde das Publikum endlich wirklich mitgerissen bei diesem von Bieito mit viel Drastik inszenierten „Femizid“.

Freddie De Tommaso passt als Gesamterscheinung in die Produktion besser als die Premierenbesetzung Pjotr Beczala (der allerdings die Partie im Februar als Einspringer übernommen hat). Die eleganten gesanglichen Feinheiten des polnischen Tenors konnte De Tommaso zwar nicht bieten, aber er verlieh der Figur eine fatale Schicksalsergebenheit aus der sie sich die ganzen vier Akte lang nicht zu lösen vermochte. Sein viriler Tenor ist breiter, dunkler, körniger, besitzt eine sinnliche Abrundung, wodurch Don José  Leidenschaft und Liebesfähigkeit ermöglicht wurde, genauso wie der Hang zu einer stumpfsinnigen Brutalität. Der Sänger des Don José hat es in dieser Produktion außerdem leichter als die Darstellerin der Carmen, weil Don José nach meinem Eindruck die heimlichen Sympathien des Regisseurs gehören, der sich bei der Konzeption stark von der literarischen Vorlage hat leiten lassen. Carmen ist hier Don Josés Schicksal – und er ist nicht das Schicksal Carmens.

Erwin Schrott ist ein idealer Escamillo, im vierten Akt darf er sogar in Montur auftreten und das poliert das Selbstbewusstsein des Sängers noch zusätzlich auf. Das Liebeständeln lag ihm an diesem Abend nicht so gut, das klang etwas rau. Im dritten Akt war er wieder ganz „Superman”, der sich den etwas unbedarften Messerkämpfer Don José einfängt wie nichts. Vera-Lotte Boecker hat sich in den Charakter der von Bieito stark verzeichneten Micaela sehr gut eingelebt. Die Arie im dritten Akt wurde leider phasenweise mit zu viel Kraft gesungen, was das lyrische Empfinden störte. Der erste Akt lag ihr stimmlich besser.

Einen positiven Eindruck hinterließen Carmens Begleiterinnen Joanna Kedzior (Frasquita) und Isabel Signoret (Mercédès), Peter Keller gab einen raubeinigen Zuniga. Clemens Unterreiner als Dancaire wirkte auf mich im Spiel fast schon wie ein ironischer Kommentar auf diese „ideologiegefestigte“ Inszenierung. Weitere Mitwirkende waren Stefan Astakhov als Moralès, Robert Bartneck als Remendado und Yta Moreno als Lillas Pastias. Dann gibt es noch das von Bieto dazu erfundene Mädchen als stumme Rolle (Giulia Mandelli). Der bewährte Staatsopernchor sorgte nicht nur für ein eifrig „gehopstes“ Bejubeln der einziehenden Stierkämpfer im vierten Akt – die man aber nicht sieht.

Omer Meir Wellber am Pult bot mit dem Staatsopernorchester eine praktikable, auch in Details gelungene Umsetzung. Das Klangbild war eher hell, aber gut ausgewogen. Er dirigierte auswendig, manchmal vielleicht eine Spur zu flott, aber irgendwie muss bei dieser trostlosen Inszenierung ja etwas weitergehen. Sehr schön waren manche Details herausgehoben – etwa der stimmungsvolle Ausklang der Blumenarie oder der Arie der  Micaela im dritten Akt. Der dankbare Schlussapplaus war schnell vorbei, dauerte nicht einmal fünf Minuten lang.

Dominik Troger/ www.operinwien.at

 

 

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