Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: CAPRICCIO

21.06.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper:
CAPRICCIO von Richard Strauss
Musikalische Neueinstudierung
12. Aufführung in dieser Inszenierung
20. Juni 2013 

„Capriccio“, der Sonderfall: Das finale intellektuelle Kunststück des alten Richard Strauss, eine Oper über die Oper zu schreiben und dabei zu dem doch recht theoretischen Sujet noch einmal alle musikalischen Mittel einzusetzen, für die er berühmt wurde. Dennoch – keine einfache Sache, niemand reißt sich offenbar um dieses Werk. Seit der Premiere immerhin im Juni 2008, also vor genau fünf Jahren, hat man „Capriccio“ in dieser Inszenierung gerade elfmal gespielt. Die nunmehrige „Musikalische Neueinstudierung“ macht das Dutzend voll, zweimal noch steht die Oper heuer auf dem Programm, am 27.6. ist dann auch das Fernsehen vorbei.

Es hat den Anschein, als wolle man „Capriccio“ in der Wiener Staatsoper nur spielen, wenn man die damals als ziemlich ideal empfundene Premierenbesetzung halten kann. Bei den Herren ist das nicht gelungen, bei den Damen schon – alle elf Vorstellungen hindurch waren Renée Fleming die Gräfin und Angelika Kirchschlager die Clairon, zumindest hier herrscht ideale Kontinuität. Die Inszenierung von Marco Arturo Marelli ist ja auch auf die beiden, vor allem auf die Fleming, zugeschnitten. Ein „repertoiretauglicher“ Abend, der den „Konservativisten“ gefällt, weil er das Stück bietet.

Wobei Marelli, wie immer sein eigener Ausstatter, schon um die Problematik wusste, einen mehr als zweieinhalbstündigen Einakter pausenlos in einem Raum zu spielen – das verursacht Probleme aller Art. Indem er die Bühne aus beweglichen Elementen gestaltete, die er immer wieder in Aktion hält, macht der die Sache für den Zuschauer abwechslungsreicher und tut sich auch mit der Handlungsführung leichter. Man muss schon sehr aufpassen, dass das problembeladene „Capriccio“ (eine Diskussionsoper, deren Text man meist nicht versteht, zum Beispiel) in keine „gefährlichen Längen“ strudelt…

Die Darsteller haben, soweit sie aus der Premierenbesetzung stammten, ihre Leistungen für diese „musikalische Neueinstudierung“ auch szenisch zweifellos aufgefrischt, die Neulinge passen fugenlos hinein. Markus Eiche als Dichter Olivier beispielsweise, nicht nur, weil er über eine der kräftigsten und „frischesten“ Stimmen des Abends verfügt. Man hat ihn auch mit seinem Konkurrenten, dem Musiker Flamand, zu einem wirklichen „Paar“ zusammen gespannt, das korrespondierend agiert (manchmal fast zu übermütig) – jedenfalls war auch Michael Schade diesmal, bis auf ein paar Kleinigkeiten, sehr gut bei Stimme. Ein dominantes Duo, da blieb Bo Skovhus als Graf, der – obzwar erst 51 – wirkte, als sei er seit der Premiere von den mittleren in die späteren Jahre gekommen, im Hintertreffen.

Sehr zu spät kam leider der La Roche zu Kurt Rydl. Nicht, dass er das alte Theaterpferd nicht mit Leidenschaft gestalten würde, seine große Arie – das Hohelied auf das lebendige Theater schlechthin – bleibt ein Zentrum des Abends, aber stimmlich sind da nur Rudimente, wo volle Kraft benötigt würde. Das war zwar bei früheren berühmten La Roche-Interpreten gelegentlich auch so, aber man muss dergleichen ja nicht forcieren.

Was Strauss für ein „italienisches“ Sängerpaar komponiert hat und was, bei aller gelungenen Parodie, natürlich so gar nicht italienisch klingt, haben Benjamin Bruns (mehr hart als schmelzend im Timbre) und Íride Martínez (eindeutig die zweite Rolle spielend) mit Temperament exekutiert. Er musste in der Gondel, in der man ihn wackelnd herumtrug, auch noch singen, und das fühlte sich vermutlich nicht so lustig an, wie es den Zuschauern erschien. Man hat schon eindrucksvollere Monsieur Taupes aus dem Soffleurkasten kriechen sehen als Michael Roider. Josefine Tyler als junge Tänzerin wirkte als filigranes Rotkäppchen noch immer so zart wie einst bei der Premiere.

Auch die beiden Damen des Abends haben die fünf Jahre optisch so gut wie unbeschädigt weggesteckt, wobei Angelika Kirchschlager als Clairon ein paar stimmliche Defizite in der Tiefe aufdeckte – da fehlte es plötzlich so sehr an Substanz, dass Sprechgesang herhalten musste. Der Rest klang gut wie immer.

Nach wie vor die ideale Gräfin schlechthin ist Renée Fleming, nicht nur, weil sie wie ein Traumgeschöpf (von geradezu puppenhaft-blonder Schönheit) aussieht. Obzwar eine ausgezeichnete Sängerin fürs italienische Fach (man sah ihre Desdemona vor gar nicht langer Zeit per Met im Kino), ist sie nach wie vor der ideale Strauss-Sopran mit der strahlend sich öffnenden Höhe, die nur ganz selten scharf wird, mit der prächtigen Führung der Gesangslinie und den substanzreichen Piani. Dass man den Text mitlesen muss, um zu verstehen was sie singt – da ist sie nicht die einzige. Wenigstens knödelt sie nicht „amerikanisch“: Es ist schon Deutsch, was man hört, zumindest klingt es so.

Christoph Eschenbach, den man in Wien bisher nur im Konzertsaal erlebt hat, stand erstmals (mit 73 ist man ja nicht gerade ein Frischling) am Pult der Staatsoper und erwies sich mit den Philharmonikern als ausgesprochen rücksichtsvoller Sängerbegleiter – da wurde orchestral nur „gedonnert“, wo es das Werk (als ironisches Zitat oder in großen Ensembles) vorsieht. Darüber hinaus erwies er schon im schier endlos langen Vorspiel der Oper, das Streicher-Chromatik pur bietet (das berühmt-berüchtigte Sextett), den langen Atem, um hier den Weg in eine musikalisch so komplex wie kompliziert strukturierte Welt zu finden. Eschenbach bekam vom reichen Publikumsjubel ein besonders großes Stück ab.

Renate Wagner  

 

 

Diese Seite drucken