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WIEN/ Staatsoper: CAPRICCIO

WIEN / Staatsoper: „CAPRICCIO“ – 23.06.2022

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Andre Schuen, Daniel Behle. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 Während die Schlacht von Stalingrad bereits das vorzeitige Ende des „Tausendjährigen Reiches“ einleitete, wurde am 28. Oktober 1942 in München „Capriccio“, das letzte Bühnenwerk von Richard Strauss, das dieser als „Konversationsstück für Musik“ bezeichnet hat, uraufgeführt. Später hat man dem Komponisten vorgeworfen, er habe die Augen vor der Gegenwart, vor Krieg und Nazi-Diktatur verschlossen und sich mit diesem Werk in ein imaginäres Rokoko zurückgeträumt. Richard Strauss wollte jedoch vielmehr die „Welt von gestern“, wie Stefan Zweig seine Erinnerungen eines Europäers genannt hat, heraufbeschwören. Und Stefan Zweig war es auch, der bereits 1934 Richard Strauss auf die Libretti von Giambattista Casti, der 1784 – 1796 als Nachfolger des großen Metastasio kaiserlicher Hofpoet in Wien war, hingewiesen hat. Darunter befand sich auch das Libretto „Prima la musica, poi le parole“, das Antonio Salieri vertont hatte. Seither beschäftigte sich Richard Strauss mit dem Streitthema, ob der Text oder die Musik in der Oper wichtiger sei. Da der Jude Stefan Zweig vor den Nazis fliehen musste und für die Ausarbeitung des Librettos nicht mehr zur Verfügung stand, und Richard Strauss der Textentwurf, den der von Stefan Zweig als Ersatz vorgeschlagene Joseph Gregor vorgelegt hatte, nicht gefiel, wandte sich Richard Strauss an den befreundeten und literarisch gewandten Dirigenten Clemens Krauss. Gemeinsam schufen sie das Libretto zu einem Werk, in dem Richard Strauss den Parlando-Stil, den er bereits im Vorspiel der „Ariadne auf Naxos“ und der autobiographisch angehauchten Oper „Intermezzo“ angewandt hatte, zu höchster Vollkommenheit entwickelt hat. Aber auch der große Sinfoniker blitzte noch ein letztes Mal durch: die Mondscheinmusik zählt wohl zu den schönsten Opernintermezzi, die je komponiert worden sind. Ungewöhnlich ist auch die Idee, das Werk mit einem Streichsextett beginnen zu lassen. Nur wenn man den Text kennt und die vielen musikalischen Zitate erkennt, kann man dieses Werk wirklich genießen. Somit war „Capriccio“ immer schon ein Werk für Kenner und nichts für die breite Masse. Umso erfreulicher ist es, wenn die Operndirektoren dieses Werk dennoch gelegentlich ansetzen, obwohl absehbar ist, dass das Haus garantiert nicht ausverkauft sein wird.

2008 ersetzte an der Wiener Staatsoper eine neue Produktion von Marco Arturo Marelli die alte Inszenierung von Rudolf Hartmann, die von 1960 – 1997 auf dem Spielplan der Staatsoper gestanden ist. Die Neuinszenierung mit den prachtvollen Kostümen von Dagmar Niefind und dem ästhetischen, sich auf der Drehbühne stets verändernden Bühnenbild, von Marelli selbst entworfen, war eine der besten Premieren der Ära Holender.

Nunmehr wurde diese schöne Inszenierung musikalisch neu einstudiert. Wie schon bei der Premiere stand auch diesmal Philippe Jordan am Pult des Staatsopernorchesters. Unser Musikdirektor muss schon eine besondere Beziehung zu diesem Stück haben. Von allen seinen Operndirigaten in dieser Spielzeit war dies eindeutig das überzeugendste. Und das Orchester der Wiener Staatsoper bewies wieder einmal seine starke Verbindung zu dem Komponisten, der ja auch einmal Direktor der Wiener Staatsoper war. Kein Orchester spielt die Opern von Richard Strauss so schön wie unser Staatsopernorchester. Einen Einwand muss ich dennoch anbringen. Ich finde es sehr schade, dass Philippe Jordan nun auch in der Neueinstudierung wieder den kleinen Strich im großen Ensemble gemacht hat, in dem auf der Suche nach einem Opernstoff „Ariadne auf Naxos“ und „Daphne“ vorgeschlagen werden, selbstverständlich unterlegt mit musikalischen Eigenzitaten des Komponisten. Für Musikkenner ist dies immer eine amüsante Szene. Welchem Dirigenten würde es einfallen in der Tondichtung „Ein Heldenleben“ die Eigenzitate von Richard Strauss zu streichen?

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Adrian Eröd, Maria Bengtsson. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Nicht neu für Wien war Maria Bengtsson als Gräfin, hat sie doch diese Rolle bereits 2016 in der (grauenvollen) Inszenierung von Tatjana Gürbaca im Theater an der Wien gesungen. Sie besitzt einen schönen, zarten, weichen Sopran und singt mit natürlichem Ausdruck, klarer Stimmführung und beeindruckender Pianokultur. Dennoch muss man feststellen, dass ihre Stimme im kleineren Theater an der Wien besser aufblühen konnte, während sie in der großen Staatsoper hinsichtlich des Stimmvolumens an ihre Grenzen stößt.

Adrian Eröd, der in der Premiere dieser Produktion noch den Olivier gesungen hat, ist nun zum Grafen aufgestiegen. Er war nicht nur stimmlich überzeugend und äußerst wortdeutlich, er war wirklich sensationell in der Szene, in der er sich völlig dilettantisch als Schauspieler versucht. Wirklich jeder, nur nicht der Graf selbst, erkennt, wie schlecht seine schauspielerischen Fähigkeiten sind. Für das Publikum eine köstliche Szene.

Wie im Theater an der Wien darf nun auch an der Staatsoper Daniel Behle mit schöner Phrasierung als schwärmerischer Flamand um die Gunst der Gräfin kämpfen. Die Tenorpartien von Richard Strauss scheinen seiner Stimme besonders zu liegen.

Während Adrian Eröd vom Olivier zum Grafen avancierte, wechselte André Schuen vom Grafen, den er im Theater an der Wien gesungen hatte, an der Staatsoper nun zum Olivier. Er überzeugte mit seinem herrlich strömenden, dunklen Bariton als leidenschaftlich glühender Dichter vollends.

Christof Fischesser ließ sich vor Beginn der Vorstellung (wenn ich es richtig verstanden habe) wegen Schmerzen, von einer Halswirbelverletzung verursacht, entschuldigen und entzieht sich somit einer Beurteilung. Möge er sehr bald wieder schmerzfrei sein um den Theaterdirektor La Roche wieder in Hochform interpretieren zu können.   

Michaele Schuster war eine äußerst amüsante und scharf profilierte Clairon. Stimmlich muss man leider schon Abstriche machen, die vielen Wagner-Aufführungen und Ausflüge in das Sopranfach sind wohl nicht ganz spurlos an ihr vorbeigegangen. Der Parlando-Gesang gelingt ihr nicht ohne hörbare Anstrengungen.

Thomas Ebenstein hat mit dem Monsieur Taupe nun eine der liebenswertesten Figuren des Charaktertenorfachs seinem Repertoire einverleibt.

Eine wahre Opernparodie auf italienischen Operngesang und italienische Opernsänger lieferten die beiden Opernstudiomitglieder Johanna Wallroth und Hiroshi Amako ab.

Marcus Pelz als Haushofmeister und acht spielfreudige Solisten des Staatsopernchores (Wolfram Igor Derntl, Konrad Huber, Martin Müller, Johannes Gisser, Hermann Thyringer, Franz Gruber, Oleg Zalyiskiy, Wataru Sano) als köstliches Dieneroktett ergänzten die Besetzung ausgezeichnet.

Trotz der kleinen Einwände, die ich vorgebracht habe, war es insgesamt eine sehr stimmungsvolle Aufführung. Der Besuch eine der beiden noch folgenden Reprisen am 27. und 30. Juni ist unbedingt zu empfehlen, Karten gibt es mehr als genug. Wer weiß, wann dieses späte Meisterwerk von Richard Strauss wieder an der Staatsoper zu sehen sein wird?

Walter Nowotny

 

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