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WIEN/ Staatsoper: BORIS GODUNOW. „Wir haben halt das Abonnement…“

18.5.2022: BORIS GODUNOW

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Alexander Tsymbalyuk. Foto: Helena Ludwig

„Wir haben halt das Abonnement … – sonst würden wir uns ‚diesen Boris‘ wahrscheinlich nicht anschauen“: so ein Gesprächsfetzen im Opern-Café eine Viertelstunde vor der Vorstellung, vom Nachbartisch des Rezensenten aufgeschnappt, ein Stimmungsbild, anscheinend für die Reserviertheit eines größeren Teils des Publikums repräsentativ, das während des Abends schon an den Akt-Schlüssen recht verhalten reagierte und am Ende mindestens zur Hälfte das Haus schon vor Absolvierung der ersten „Tour“ der Solo-Vorhänge wieder verlassen hatte.

Freilich, das Stück ist keines, dessen „Hits“ man auf dem Nachhauseweg vor sich hin pfeift, und auch sein Plot ist nicht leicht erzählt, ohne davor kurz in den Opernführer zu spicken.

Doch immerhin stand mit dem Ukrainer Alexander Tsymbalyuk ein Bassist für die Titelpartie zur Verfügung, der mit nobler Phrasierung und ausgesprochen angenehmen Timbre für sich einnahm, sodass man hofft, von ihm auch einmal einen Fiesco oder Filippo hören zu können. Dass er seine majestätische Souveränität auch angesichts der Gewissensqualen und des heraufdämmernden Wahns bis fast zum Schluss bewahrte (und damit die Zerrüttung des Charakters eigentlich auf der Strecke blieb), wird vermutlich eher der Regie als seiner darstellerischen Intensität vorzuhalten sein. Auch der Russe Vitalij Kowaljow machte als sonorer Pimen in einer Zeit, in der die dunklen Stimmen überaus rar geworden sind, rundum Freude – mit seinem Auftritt im Schlussbild setzte er einen, wenn nicht den musikalischen Höhepunkt des Abends. An seiner Seite ließ auch Dmitry Golovin mit einem durchschlagskräftigen, wiewohl schlanken Tenor als Grigorij aufhorchen, den man sich auch in mancherlei anderen Zusammenhängen bestens vorstellen könnte (und wünschen würde), ebenso wie die weiteren Gäste, Sergey Kaydalov in der Partie des Schtschelkalow, und Evgeny Solodovnikov als Nikilitsch. Der Chor des Hauses, verstärkt vom Slowakischen Philharmonischen Chor, einstudiert von Thomas Lang, nutzte die Gelegenheit sowieso, in der Hauptrolle, die ihm in diesem Werk de facto zukommt, ein weiteres Mal seine Qualität unter Beweis zu stellen.

Auch das Ensemble des Hauses zeigte sich etwa mit Thomas Ebenstein als aalglattem Schuiskij und Dan Paul Dumitrescu als Hauptmann von einer erfreulichen Seite, um nur zwei aus der Reihe herauszugreifen, von den beiden Mitgliedern des Opernstudios, Stephanie Maitland als gehaltvoll tönender Schenkenwirtin und Ilja Kazakov als voluminös orgelndem Bettelmönch Warlaam ganz zu schweigen. Lediglich Margareth Plummer (Fjodor), Ileana Tonca (Xenia) und Stephanie Houtzeel (Amme) blieben dem gegenüber ein wenig blass, zugegebenermaßen vermutlich auch aufgrund ihrer wenig dankbaren Rollen.

So mag es ein Stück weit am Dirigat von Sebastian Weigle, der am Pult des Staatsopernorchesters stand, gelegen haben, dass der sprichwörtliche Funke nicht recht überspringen wollte: weiß man doch von ihm, dass er gerne und mit vollem Körpereinsatz auf Lautstärke setzt, wofür ihm die dichte Partitur Mussorgskijs zwar reichlich Gelegenheit bietet, während aber zugleich an vielen Stellen der Spannungsaufbau, die psychologische Feinzeichnung zu kurz kommt. Abgesehen davon, dass sich immer wieder kleinere Koordinationsprobleme einschleichen – mit der Bühne, aber (namentlich mit dem Bläserapparat) auch im Graben.

Vor allem aber wird es wohl die Inszenierung von Yannis Kokkos sein, die auf einer Bühne, die mit großen geometrischen Akzenten die räumlichen Möglichkeiten des Hauses ausschöpft und der der Rezensent, vielleicht dank seiner eigenen, akademisch-mathematischen „Schlagseite“, eine gewisse Ästhetik nicht absprechen würde, ein seltsam undifferenziertes Spiel ablaufen lässt, in dem die Gefährlichen harmlos, die Bedrängten relativ selbstsicher und die Würdigen alltäglich erscheinen.

Wie auch immer …

Valentino Hribernig-Körber

 

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