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WIEN / Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS

20.12.2012 | Oper

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Staatsoper:
ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss
Premiere: 19. Dezember 2012

Wenn man es genau nimmt, war es nur eine halbe Premiere, die von der Wiener Staatsoper hier angeboten wurde (aber damit immer noch mehr als letzte Spielzeit die Totalübernahme der „Traviata“ aus Aix, die auch als Premiere angekündigt wurde): Wie man sich erinnert, haben die Salzburger Festspiele heuer im Sommer das für Festspiele durchaus sinnvolle Experiment unternommen, die „Urfassung“ der „Ariadne“ von Hofmannsthal / Strauss zu spielen, wo der erste Teil noch aus dem „Bürger als Edelmann“ besteht. Sven-Eric Bechtolf hat das Original dann nicht Original sein lassen, sondern noch „verbessert“ und Hofmannsthal selbst als Person sowie die von diesem verehrte Ottonie von Degenfeld „dazugedichtet“. Sei’s drum, das Ganze war eine festspielwürdige Idee und hatte durchaus Reiz.

Für ein Repertoiretheater ist das allerdings keine Lösung, da hat sich die Zweitfassung, die Hofmannsthal / Strauss schufen und die die Bühnen der Welt erobert hat, bewährt. Also kaufte Wien die zweite Hälfte von Sven-Eric Bechtolfs „Ariadne“ und ließ das Vorspiel dazu inszenieren. Wobei gerade dieser Teil als nicht sonderlich gelungen erachtet werden kann, auch nicht in der Ausstattung von Rolf  und Marianne Glittenberg. Das Riesenfenster im Hintergrund war ähnlich und  besser in der Köpplinger-Inszenierung zu sehen, die in der Volksoper mehr überzeugte.

Kurz, das Vorspiel hängt durch – da stimmt so manches nicht. Zum Beispiel der an sich doch so prächtige Peter Matic als Haushofmeister. Erstens fehlt ihm der Hochmutston des Aristokraten, mit dem das Personal die Herrschaft nachahmt. Und wenn der gute Mann ungeniert, vor den Augen anderer, vom Kaviar nascht (und den abgeschleckten Löffel zurücksteckt) und sich ein Gläschen einschenkt – dann ist man wohl nicht im Hause des reichsten Mannes von Wien, denn der sollte besser erzogenes Personal haben. (Dazu ist in der Oper selbst dann auch sein Theatersaal zu mikrig und nicht einmal ganz mit Gästen gefüllt, und als Bühne hat er sich doch wahrlich nur zwei umgestürzte Klaviere geleistet. Da können am Schluß noch so viele Lobmeyr-Luster à la Josefstadt herabgesenkt werden – nobel ist’s da nicht.)

So affektiert Primadonna und Tenor sich auch gebärden, so schäbig die Komödianten auch einziehen (Zerbinetta in einem roten, weiß getupften Kleid mit weißer Pullmann-Kappe…), in dem Vorspiel tut sich wenig. Das mag natürlich daran liegen, dass die große Christine Schäfer mit der falschen Rolle in Wien debutiert, was die Formel „spät, aber doch“ aufhebt: Denn dieses „doch“ greift nicht. Sie ist schon deshalb kein Komponist, weil ihr heller und doch eher schmaler Sopran weder die reizvolle Mezzofärbung hat, die dieser „Bub“ (Hofmannsthal dachte an einen stürmischen jungen Mozart) braucht, noch die Durchschlagskraft, sich gegen den in der Lautstärke selten diskreten Dirigenten durchzusetzen. Auch hat Regisseur Sven-Eric Bechtolf kaum so nachdrücklich mit ihr gearbeitet, dass die Rolle in ihren zahlreichen wunderbaren Nuancen das Vorspiel so dominierte, wie sie es müsste. Die Schäfer sieht (immerhin ist sie 47) entzückend aus, aber dieses Hascherl kämpft nicht um seine Oper und um die „heilige Kunst“, das geht eher unter…

Einen ganz anderen Musiklehrer als üblich stellt Jochen Schmeckenbecher auf die Bühne – das ist nicht der liebevolle alte Lehrer, der sich für den Schützling zerreißt, sondern einer, der sich mit wehendem Mantel in Pose wirft und eigentlich in erster Linie selbst als Künstler empfindet. Das ist, gut gesungen, immerhin ein Konzept.

Im übrigen fällt von den Figuren des Vorspiel nur noch Norbert Ernst als Tanzmeister in Ohr und Auge, ersteres, weil er dessen hohen Töne geradezu graziös-mühelos durch die Luft wirbelte, letzteres, weil er angehalten ist, die Rolle mit dem vordergründigen schwulen Hüftschwung zu spielen, der dem Klischee für Figuren dieser Art entspricht.

Die „Oper“ ist auch im Bühnenbild (ein paar Anpassungen zwischen dem Haus für Mozart und der Wiener Staatsoper) weitgehend gleich geblieben, die Inszenierung hat das andere Vorspiel adaptiert: So, wie Bechtolf in Salzburg die Figuren des dortigen ersten Teils, von Hofmannsthal bis Jourdain, auf die Bühne holte, sind es nun der Komponist, der Musiklehrer, der Tanzmeister, der Haushofmeister (dieser nimmt hoheitsvoll im Publikum Platz), die wieder kommen, und das macht Sinn. Vor allem, wenn Bechtolf etwas einfällt – etwa, dass der eifrige Komponist, der dem Harlekin schnell eine Arie in die Hand drückt, die dieser prima vista singt, auch für Zerbinetta noch während ihrer Arie Noten schreibt – die letzten Koloraturen werden ihr hingeschoben, und sie perlt sie vom Blatt herunter.

Da ist manches hübscher als das schon Vorgegebene, wobei wiederum die Kostüme entsetzlich wenig Sinn machen – ob es die Federkronen der drei Nymphen sind, die Fetzen (und gar die Scooter!) von Zerbinettas Begleitern. Welches Konzept in der „Inszenierung“ steckt, wird ohnedies nicht klar, außer dass sie ein Kunterbunt ist, das offenbar – im Haus des reichen Mannes – nicht ordentlich geprobt wurde… Aber für sinnfällige Konzepte ist Sven-Eric Bechtolf (man muss nur an seinen ideenlosen Wiener „Ring“ denken) ohnedies nicht der Mann.

Der Abend fand „In memoriam Lisa Della Casa“ statt  – ja, ihrer einst konkurrenzlosen Strauss-Stimme stellt man an diesem Abend Krassimira Stoyanova gegenüber, die die Ariadne in unseren Tagen begeisternd schön singt – man genieße nur, Ton für Ton, „Es gibt ein Reich…“.  Sie meistert die Höhen und Tiefen der Rolle souverän, begeistert mit blühenden Spitzentönen, lässt eine herrlich strömende Strauss-Stimme hören. Man versteht, dass Welser-Möst, dem man spontane Gefühlsausbrüche nicht unbedingt zutraut, sie beim Verbeugen coram publico fast stürmisch umarmte: Eine so schöne Ariadne hört auch ein Dirigent nicht alle Tage. Ihr Rollenkonzept sieht allerdings vor, dass sie nicht nur im Vorspiel eine Zicke ist, sondern diese auch in der Oper bleibt: Die Primadonna verwandelt sich nicht in Ariadne, sondern steigt sofort aus der Rolle aus, wenn sie nichts zu singen hat – und ihre Unmutsäußerungen während der Zerbinetta-Arie sind ein Kabinettstück für sich, das ist wirklich komisch.

 

Damit stört sie zwar Zerbinetta ein wenig, aber Daniela Fally lässt nicht wirklich zu, dass Aufmerksamkeit von ihr abgezogen wird. Sie mag zwar „in der Oper“ mit ihrem roten „Kugelrock“ einfach albern aussehen, aber sie ist in ihrer Ausstrahlung ein solches Teufelsweibchen, dass sie für die Rolle wie geschaffen ist. Zumal sie alles singen kann, was in den Noten steht. Es gab „duftigere“ Interpretinnen der Rolle, aber unter den handfesten steht sie ganz vorne.

Stephen Gould trägt zwar den „Panther-Anzug“, in dem Jonas Kaufmann in Salzburg so verdammt sexy gewirkt hat, allerdings mit einem Mantel darüber, was sehr vernünftig ist (man muss ja keine Figurenvergleiche evozieren). Denkt man an die vielen Tenöre, die in dieser Rolle die Ohren des Publikums malträtiert haben, war er mit seiner schönen, kraftvollen Stimme, die nicht forciert werden muss und sich in vollem Goldglanz ergießt, eine Idealbesetzung.

Nicht nur, weil Harlekin der Primus inter pares ist, führte Adam Plachetka selbstbewusst das Komödianten-Quartett (Carlos Osuna, Andreas Hörl, Pavel Kolgatin – man hatte schon größere Namen hier) an. Valentina Nafornita (Najade), Olga Bezsmertna (Echo) und Margarita Gritskova (Dryade) fielen mehr durch Kopfputz und Hüftwackeln als durch besonderen Wohlklang auf.

Bei Strauss ist Franz Welser-Möst zuhause, wenn er auch nicht den filigranen Silberklang spinnt, den manche Wiener Dirigenten zumal für diese Oper gefunden haben. Er fordert für diese Partitur Eleganz und Subtilität ein und bringt sie vielfach, erliegt aber auch gern – und das Wiener Publikum folgt ihm da besonders begeistert – dem Strauss’schen Klangrausch. Es gab viel Jubel auch für ihn, der bei einem Teil des Opernpublikums (das den Stehplatz bei dieser Premiere extrem schütter besetzte) so erstaunlich viele Gegner hat.

Im Endeffekt: Wir hatten lange Jahre die plüschige, aber wirklich nicht dumme Sanjust-Inszenierung. Betrachtet man die Bechtolf-Alternative, so hätte man sie wirklich nicht ersetzen müssen. Es gäbe andere, wichtigere Stücke, die man in Wien zeigen könnte. Aber sagen wir ehrlich, dass das Publikum jubelte, als hätte es eine in jeder Hinsicht vollwertige Premiere gesehen.

Renate Wagner

P.S. Das Programmheft ist dick und schön, und dass bei 148 Seiten auch Fehler passieren, liegt in der Natur der Sache – so hat Diana Damrau (mit Sophie Koch im Bildteil zu sehen), sicher nicht die Ariadne, sondern die Zerbinetta gesungen. Schlimmer wird es auf Seite 140, wo Andreas Lang Franz Welser-Möst interviewt. Wenn dieser von einem „Ton“ von Wiener Schauspielern spricht und dabei Attila Hörbiger nennt (der vielleicht gerade für Hofmannsthal nicht das beste Beispiel ist) und „Rudolf Leopold“ – dann wird es schlimm. Denn der gute Professor, Schiele-Sammler und Museumsgründer, verdient es ebensowenig wie Leopold Rudolf, der größte Schauspieler seiner Zeit, hier verwechselt zu werden. Und wenn nicht einmal Andreas Lang mehr den Unterschied zwischen den beiden kennt… dann haben wir es herrlich weit gebracht.

 

 

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