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WIEN/ Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS

Laut und ohne Zwischentöne

08.09.2018 | Oper


Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: „ARIADNE AUF NAXOS“ – Laut und ohne Zwischentöne war die 24. Aufführung in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf

7.9. 2018 – Karl Masek

Seit jeher sagt man den Wiener Philharmonikern nach (und oft genug haben sie es bewiesen): „Ariadne auf Naxos“ gehört zu ihren besonderen Lieblingsstücken. Der geniale Instrumentationskünstler und „Klangparfümeur im positivsten Sinne“ (© Christian Thielemann) Richard Strauss liegt ihnen ganz besonders – und sie kennen das Stück so gut, dass s i e dem Dirigenten unendlich viel anbieten.  Der braucht es nur anzunehmen und mit dem Orchester „mitgehen“, müsste umgekehrt gar nichts s e l b s t anbieten (dann käme schon Gutes heraus!). Wenn er aber  a u c h etwas anbietet, ist der Weg zur Sternstunde nicht mehr weit…

Mein Erinnerungsblatt zu „Ariadne“ seit November 1976 (die legendäre Premiere mit Karl Böhm, jene Vorstellung, bei der der Stern der Jahrhundert-Zerbinetta Edita Gruberová aufging) deutet an: Gerade bei diesem Werk waren es immer wieder Pultstars wie besondere Könner unter den so genannten Kapellmeistern, die für große Abende, für grandiose musikalische Ereignisse sorgten. Auch weil da mit dem Meisterensemble, vulgo Orchester der Wiener Staatsoper, dieses Geben und Nehmen, diese besondere Kommunikation stattfand. In alphabetischer Reihenfolge: Theodor Guschlbauer, Kirill Petrenko, Peter Schneider, Giuseppe Sinopoli, Horst Stein, Christian Thielemann, Franz Welser-Möst.

Es ist ein Werk der Zwischentöne, der musikalischen Andeutungen, des feinen Humors, der Nuancen. Es ist nicht für ein Riesenorchester komponiert, wie „Elektra“ oder „Die Frau ohne Schatten“. Gerade mal 36 Musiker/innen spielen da  im Orchestergraben.

Den Dirigenten Patrick Lange, will ich nach diesem Abend  nicht in die Liga der oben genannten musikalischen Leiter einordnen. Zu laut ging er schon das Vorspiel an. Grob, geradezu klotzig das Klangbild. Und laut war’s. Er war offenbar bestrebt, das Werk „schwungvoll über die Runden“ zu bringen. Das Orchester spielte so, wie Lange dirigierte. Bar jeder Feinheiten, die das Besondere dieses Klangkörpers so oft beglückend ausmachen. Das Ensemble auf der Bühne war gezwungen, über Gebühr zu forcieren. So manches klang da bald angestrengt, undifferenziert, über weite Strecken bar jeder Nuancierung. Zeitweise wusste man von der Galerie links (wenn man nicht hinsah) nicht: Singt jetzt der Komponist oder die Zerbinetta? So ähnlich klangen paradoxerweise die Stimmen von Sophie Koch und Daniela Fally. Folge war auch, dass die meisten textunverständlich blieben. Was beim pointenreichen Hofmannsthal-Libretto besonders schade ist. Der Blick zum Textmonitor war allgegenwärtig.

Auf der Bühne taten alle ihr Möglichstes.


Adrianne Pieczonka. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Peter Matić hat als Haushofmeister mittlerweile 40 Jahre Rollenerfahrung und im Haus am Ring damit Heimatrecht erlangt. Man kann eine Kritik aus dem deutschen Wochenblatt „DIE ZEIT“ aus dem Jahr 1979(!)  über die Salzburger „Ariadne“ mit Karl Böhm/Dieter Dorn wörtlich übernehmen: „Peter Matić verfügt nicht nur als genau gliedernder Sprecher über die Mittel, aus der vom Dichter selbst gefertigten, ins Süffisante gewendeten k. u. k. Kanzleisprache all die Pointen herauszuholen, die auf die Abhängigkeiten des Künstlers vom Geld und von der Macht deuten. Er findet auch noch die Muße, sich pantomimisch in seiner Allmacht gegenüber den Domestiken – und das sind ja nicht nur die Künstler – zu sonnen.“ (Autor: Werner Burkhardt).

Jochen Schmeckenbecher war als Musiklehrer einer der ganz wenigen, die auch noch wortdeutlich blieben. Mit markantem Bariton und durchaus harschen Tönen beglaubigte er seine Empörung über die Zumutungen des „Reichsten Mannes von Wien“ samt Änderungswünschen in letzter Minute.

Bei Sophie Koch war es mit der sprachlichen Klarheit  nicht mehr so gut bestellt. Ihr mittlerweile 21. Auftritt als „Komponist“ an der Staatsoper hatte vieles vom heiligen Brennen des Künstlers für sein Werk, von seiner emphatischen Emotion, seiner Weltfremdheit. Stimmlich auch beim erzwungenen Forcieren übers Orchester kommend und empörte, wütende Dramatik glaubhaft ausspielend. Die auch nötigen innigen Piani und Schwebetöne („Oh, ich möchte vieles ändern noch in zwölfter Stund‘ … Du allmächtiger Gott! Oh, mein zitterndes Herz…“ und natürlich die Stelle „Musik ist eine heilige Kunst“…) standen ihr – so schien es – nicht mehr so wie in früheren Jahren zu Gebote. Vielleicht bei einem sensibleren, rücksichtsvolleren  Dirigenten? So wurde manches flackernd – drückte allerdings viele Facetten dieses Sympathieträgers in der Oper anrührend aus.

Daniela Fally ließ sich als Zerbinetta nach der Pause ansagen und um Nachsicht für stimmliche Beeinträchtigung bitten. Sie ging „Großmächtige Prinzessin“ tatsächlich relativ vorsichtig an. Doch ihre Technik ließ sie nicht im Stich und so gelang dieses Bravourstück aller Koloratursopranistinnen mit allen schwindelerregenden Spitzentönen schlussendlich sehr respektabel. Chapeau!

Adrianne Pieczonka bot in der Titelrolle die am meisten bejubelte Leistung des Abends. Kraftvoll, farbenreich präsentierte sie ihren Sopran, im Monolog flutete die Stimme herrlich durchs Haus. Weitere Personen des „Vorspiels“: Thomas Ebenstein als pointensicherer Tanzmeister („Die Oper ist langweilig über die Begriffe, und was die Einfälle anlangt, so steckt in meinem linken Schuhabsatz mehr Melodie als in der ganzen ‚Ariadne auf Naxos‘“). Stimmlich wie schauspielerisch eine kongeniale Nachfolge des großen Heinz Zednik. Marcus Pelz ließ den ebenso großen Alfred Šramek als Lakai nicht ganz vergessen (Dieser hat die Rolle immer gespielt wie eine Art Zwillingsbruder des jungen Otti Schenk). Dafür bringt Pelz immer kleine eigene Nuancen ein.

Die lustigen Gefährten der Zerbinetta (Harlekin: Rafael Fingerlos beim Rollendebüt mit elegantem Bariton; Scaramuccio: Jinxu Xiahou mit schöntimbriertem Tenor beim Rollendebüt fast eine Überbesetzung; Truffaldin: Wolfgang Bankl mit lakonischen Bass-Buffotönen; Brighella: Pavel Kolgatin mit wendigem, leichten Tenor) kurvten mit Lust auf ihren Scootern im Kreis. Und die drei Nymphen sangen gekonnt und homogen ihre Ensembles von vertrackt melismatisch bis zu ihren beinah‘ kitschigen Terzenparallelendes „Töne, töne, süße Stimme“ (Najade: Maria Nazarova; Dryade: SvetlinaStoyanova ließ beim Hausdebüt mit samtigem Mezzosopran aufhorchen; Echo: Olga Bezsmertna). Wie überhaupt Richard Strauss ungeniert urwienerische kompositorische Einsprengsel verwendet, dass man für Momente ziemlich am Ende der Oper vermeint, es würde gleich das Lied von Ludwig Gruber: „Es wird a Wein sein, und wir werd’n nimmer sein…“ angestimmt!

Schade, dass Stephen Gould (er hat dem Vernehmen nach auch schon letzte Aufführungen in Bayreuth absagen müssen) den Bacchus nicht gesungen hat. Für solch teuflisch schwere Rollen steht im Wiener Ensemble jederzeit ein Stellvertreter bereit: Der unerschrockene und offenbar ziemlich nervenstarke Herbert Lippert. Diesmal allerdings nur soviel: Es gilt der Einspringerbonus.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf gehört eindeutig zu den gelungeneren seiner Wiener Arbeiten. Sie ist nach sechs Jahren (Premiere war am 19.12. 2012) intakt und wirkt keinesfalls abgespielt. Sie ist von Strauss‘ Musik inspiriert, gewisse Eigenwilligkeiten sind originell, aber auch durchaus plausibel, etwa wenn der Komponist auch in der Oper selbst auf der Bühne bleibt um z.B. bei Zerbinettas Bravourarie das Klavier zu bedienen und ihr (der begnadeten „Improvisatorin“!) im letzten Moment noch Noten mit Verzierungen und noch vertrackteren Koloraturen überreicht – ein witziger Moment!

Die Bühne von  Rolf Glittenberg hat modernistische Ästhetik, die Kostüme von Marianne Glittenberg sind farbig und insgesamt sehr ansehnlich. Ja, und die von manchen mit Naserümpfen quittierten Scooter der vier Komödianten bringen Bewegung in die Szene.

Sechs Minuten Applaus, gerecht abgestuft Anzahl und Lautstärke der Bravorufe (Pieczonka, Fally, Koch).  Dirigent und Orchester wurden höflich, aber ungewohnt zurückhaltend beklatscht, und Jubel  gab’s diesmal nicht …

Karl Masek

 

 

 

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