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WIEN / Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS

15.04.2014 | Oper

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Meagan Miller und Stephen Gould
Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper:
ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss
6. Aufführung in dieser Inszenierung
15. April 2014

Heuer ist Richard Strauss an der Reihe, sich zu seinem Jubiläum (150. Geburtstag) in den seltensten Fällen für seine außerordentlichen Leistungen auf fast allen Gebieten der Musik gewürdigt zu sehen, vielmehr für seine ideologischen Verfehlungen posthum unermüdlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Wie im Fall von Wagner verlagert sich die Diskussion ja doch auf eine andere Ebene, wenn sich die Vorhänge der Opernhäuser zu deren Werken heben. Ob Richard Strauss mit der „Ariade auf Naxos“-Aufführung, die ihm die Wiener Staatsoper zum Jubiläum widmet, völlig glücklich geworden wäre… als anspruchsvoller Zuhörer war man’s nicht unbedingt. Obwohl, das gleich zu Beginn, der Strauss-Klang bei den Wiener Philharmonikern unter Michael Boder in besten Händen war, wunderschön als Musik an sich, als Drama, als Komödie.

Im Vorspiel stimmte noch vieles, vor allem war Sophie Koch zauberhaft als Komponist, von dem man die Augen nicht wenden konnte, ein ernsthafter und doch ungemein lebhafter „Bub“, der die „heilige Kunst“ mit entzückendem Nachdruck vertrat. Sie gehört zu den Interpretinnen, die sich das Vorspiel zur Gänze „holen“ (während es Kolleginnen gibt, die in dieser Rolle nicht einmal auffallen). Leider hält ihr silbriger Mezzo nicht ganz mit, in den Höhen (und der Komponist hat verdammt viele hohe Töne) klingt er nicht angenehm. Dennoch hätte man dieses Traumgeschöpf gegen die schönst singende Kollegin nicht eingetauscht.

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Clemens Unterreiner / Sophie Koch

Sehr gut ist Clemens Unterreiner auf Anhieb sein erster Musiklehrer gelungen, wenn auch nicht die Rede davon sein kann, dass er „um 30 Jahre“ älter ist als sein Schüler – aber es hat natürlich einen Vorteil, einmal nicht würdevolles, persönlichkeitsstarkes Urgestein jenseits der guten stimmlichen Zeiten in der Rolle zu sehen, sondern einen Sänger im Vollbesitz seiner Kräfte, der das auch hören lassen kann. In dieser Inszenierung ist der Musiklehrer ohnedies eher selbst als Künstler angelegt – im wehenden Mantel, mit Schal und schiefem Hut, ganz Dandy der vorigen Jahrhundertwende. An Unterreiners Reaktionen kam schon vieles gut und richtig, je öfter er die Rolle singt und spielt, umso mehr Details werden sich seiner Gestaltung zugesellen.

So ging es also durch das Vorspiel, wo die Protagonisten noch am Rande bleiben, Thomas Ebenstein seinen ersten Tanzmeister sang (mal auch mit ein wenig Schwierigkeiten), Marcus Pelz den resignierten Lakaien gab, Gerhard Reiterer den schlecht behandelten Perückenmacher, Oleg Zalytsky den Offizier auf erotischen Wegen, und Peter Matic ließ als Haushofmeister wieder seine unvergleichliche Stimme hören.

In der Oper selbst wimmelt es dann vor Nebenfiguren – die drei Nymphen, die Strauss’ Äquivalent zu den Rheintöchtern darstellen, passten ganz gut zusammen, die junge Hila Fahima bekam als Najade ihre erste größere Chance und ließ mit schlanker, klarer, sauberer und dabei durchaus durchschlagskräftiger Stimme das hören, was einmal ein Strauss-Sopran sein kann. Dazu „grundierte“ der Mezzo von Juliette Mars, und Ildiko Raimondi zeigte, was man an einem souveränen Ensemblemitglied hat, das ohne weiteres als Echo einspringen kann, wenn die ursprünglich vorgesehene Sängerin vermutlich erkrankt ist.  

Die vier Begleiter Zerbinettas, die in dieser Inszenierung eher dumm geführt sind, waren in drei Fällen (Adam Plachetka, Andreas Hörl und Pavel Kolgatin) die Premierenbesetzung, dazu kam James Kryshak als Scaramuccio. Viel zu vermelden hatten sie alle nicht.

Und nun – Auftritt Ariadne und Zerbinetta. In diesem Fall unzureichend im Doppelpack. Meagan Miller ist eine der schönen Amerikanerinnen auf der Bühne, und sie hatte 2009 in der „Ariadne“-Premiere der Volksoper großen Erfolg. Dieser war (für mich) schon damals nicht erklärlich, und der Eindruck aus der Distanz von fünf Jahren ist nicht viel besser. Das ist eine Stimme mit stets „blechernem“ Beiklang und einem steten, breiten Tremolo, und alle Fähigkeit, Spitzentöne zu brüllen, machen aus solchen  Voraussetzungen noch keine zufrieden stellende Ariadne.

Ariadne_auf_Naxos_Martinrz1  Iride Martinez

Iride Martinez, die so erfolgreich als Regimentstochter eingesprungen war, ist alles andere als eine Zerbinetta von gewohntem Wiener Niveau – schon vom Stimmumfang her: Stellenweise fast nicht zu hören, mochte sie zwar in der großen Arie alle Töne richtig treffen, aber sie klang zwirnsfadendünn, irgendetwas zwischen Gepiepse und Gezirpe, und so sehr sie auch immer fröhlich lachte, man weiß doch, wie diese Arie gestaltet, nicht nur gesungen werden kann. Das war für die Staatsoper entschieden zu wenig, so viel Mühe sie sich offensichtlich gab.

Immerhin, der Retter nahte – Stephen Gould ist vermutlich heute einer der ganz wenigen Sänger, die den Bacchus ohne Abstriche singen können, und selbst er, mit seiner Wagner-Stimme und –Technik, bekommt manchmal einen roten Kopf bei dem, was Richard  Strauss meinte, Tenören zumuten zu können. Immerhin, da stimmte alles, selbst die „Zauberin“ im Piano (mit einer Zehntel-Schrecksekunde, ob er es auch treffen würde – und er traf es). Gould dürfte ja schon bei der Premiere verweigert haben, sich in dem „Leopoarden-Muster“-Gewand lächerlich zu machen, das man Jonas Kaufmann in Salzburg auf seinen Star-Body geschneidert hat: Mit Mantel darüber merkt man’s kaum, wie albern es ist. Kurz, Bacchus kam nicht nur, um Ariadne zu retten, er hat auch einiges für diesen Abend getan.

Nach der Premierenserie im Dezember 2012 ist man dieser „Ariadne“ (die schon damals eine Art halbes Joint-Venture des kaufmännisch so begabten Salzburger Intendanten war) erstmals wieder begegnet. Man kann es für eine der weniger misslungenen Arbeiten von Sven-Eric Bechtolf halten, allerdings wieder ein typisches optisches Produkt der so selten glücklichen Phantasie der Glittenbergs. Schön und klug ist es, den zweiten Teil des Abends, die Oper, nicht vom ersten abzukoppeln und die Figuren von Komponisten, Musiklehrer, Haushofmeister rund um die Vorstellung hereinzuholen. Allein, damit der verliebte Komponist am Ende seine Zerbinetta küssen darf. Einem Jüngling, wie Sophie Koch ihn so poetisch auf die Bühne stellt, vergönnt man alles Glück der Erde…

Renate Wagner

 

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