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WIEN/ Staatsoper: ANNA BOLENA – diesmal mit Erwin Schrott (Damrau, Semenchuk, Pati u.a.)

WIEN / Staatsoper: „ANNA BOLENA“ –   16.02.2022

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Szilvia Vörös, Diana Damrau. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 Jeder Belcanto-Fan hat natürlich zu Hause im Plattenschrank den Mitschnitt von Donizettis „Anna Bolena“ mit Maria Callas, Giulietta Simionato, Gianni Raimondi und Nicola Rossi-Lemeni stehen. (Wenn nicht, dann sollte er sich das ehestens zulegen!) Obwohl es sich nicht um eine kommerzielle Aufnahme, sondern nur um einen Live-Mitschnitt einer Vorstellung der Mailänder Scala aus dem Jahr 1957 handelt, ist diese Aufnahme bis heute unerreicht. Die militanten Fans der Callas an der Mailänder Scala, die sich selbst als „Vedovi della Callas“ (Witwer der Callas) bezeichn(et)en, ließen keine andere Sängerin in den Paradepartien ihrer wie eine Göttin verehrten Primadonna assoluta gelten. Das musste Mirella Freni als Traviata ebenso erfahren wie Montserrat Caballé, als sie es wagte im Februar 1982 an der Scala als erste Sopranistin nach der Callas die Anna Bolena in der legendären Luchino Visconti-Inszenierung aus dem Jahr 1957 zu singen. Die Tumulte während dieser Vorstellung und das gewaltige Buhkonzert am Ende können ebenfalls auf einem Piratenmitschnitt nachgehört werden. Die Caballé sagte nach der ersten Vorstellung alle Reprisen ab und Cecilia Gasdia sang die weiteren Aufführungen. Nun, so raue Sitten herrschen an der Wiener Staatsoper glücklicherweise nicht.

Die Callas habe ich ja nicht mehr auf der Bühne erlebt. Die Sängerin, die mich jedoch über Jahrzehnte in diesem Fach geprägt hat, war Edita Gruberová. Ich weiß nicht genau, wie oft ich sie als Anna Bolena erlebt habe, konzertant in Wiener Konzerthaus (1994) und im Wiener Musikverein (2013), szenisch an der Bayerischen Staatsoper München (ab 1995), am Opernhaus Zürich (ab 2000) und am Gran Teatre del Liceu in Barcelona (2011). (Die Aufführungen an der Wiener Staatsoper im Jahr 2015 möchte ich da nicht mitzählen. Sie kamen leider zu spät, da war sie nicht mehr auf der Höhe ihrer stimmlichen Fähigkeiten.) Nach ihrem Rückzug von der Bühne (und ihrem viel zu frühen Tod) hat sie eine kaum zu schließende Lücke im Belcanto-Fach hinterlassen. Lediglich Anna Netrebko ist es gelungen mit der Premiere der „Anna Bolena“ im Jahr 2011 zu bestehen, da sie sich klugerweise gar nicht erst darauf eingelassen hat mit der Königin der Koloratur in Konkurrenz treten zu wollen, sondern sich der Partie von einer ganz anderen Seite genähert hat. Nun hat Diana Damrau, die erst vor wenigen Wochen am Opernhaus Zürich ihr Rollendebüt als Anna Bolena gegeben hatte, diese Partie an der Wiener Staatsoper gesungen. Die Damrau versucht sich irgendwo zwischen Gruberová und Netrebko anzusiedeln, aber sie besitzt weder einen groß dimensionierten, technisch perfekten Koloratursopran wie Gruberová noch einen lyrischen, bereits ins dramatische Fach tendierenden Sopran von vollendeter Schönheit wie Netrebko im Jahr 2011. In einem kleineren Opernhaus, wie jenem von Zürich etwa, mag es weniger ins Gewicht fallen, dass Damraus Stimme in der Mittellage und in der Tiefe zu wenig Fundament besitzt. Aber an der Wiener Staatsoper fällt es doch unüberhörbar auf und zusätzlich geraten hier leider nun auch ihre vorhandenen Höhen, vor allem die Spitzentöne, durch ständiges Forcieren scharf und schrill. Am besten liegen ihr die lyrischen Stellen wie z.B. „In quegli sguardi impresso“ im Finale des 1. Aktes.  Darstellerisch gelang es ihr jedoch in dieser starren Schreit- und Stehinszenierung von Eric Génovèse ein überzeugendes Porträt der unglücklichen Königin zu präsentieren. In der ersten Aufführung war sie ja die einzige auf der Bühne, die in diesem Konzert in Kostümen eine glaubhafte Figur gestaltete.

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Erwin Schrott. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

An diesem Abend hatte sie jedoch in Erwin Schrott bei seinem verspäteten Rollendebüt als Enrico VIII. darstellerisch einen ebenbürtigen Partner. Da standen sich wirklich zwei Menschen gegenüber, die eine gemeinsame Vergangenheit aber keine gemeinsame Zukunft haben, zwei Persönlichkeiten auf Augenhöhe. Schrotts Enrico ist ein Womanizer in negativem Sinn, ein Mann der die Frauen gebraucht und sich danach ihrer entledigt, der Anna skrupellos auf Schafott schickt, nur um seine neue Favoritin heiraten zu können. Sein eher rauer Bass passt für diese Partie sehr gut. (Allerdings muss man festhalten, dass Nicholas Brownlee, der in der ersten Vorstellung für ihn eingesprungen ist, wesentlich stimmschöner gesungen hat.)

Ekaterina Semenchuk passte als Giovanna Seymour mit ihrem fülligen, dunkel timbrierten, dramatischen Mezzosopran, dem auch die hohe Lage und die Spitzentöne keinerlei Mühen bereiten, 2015 ideal zu der dunkel timbrierten Anna Netrebko. In der aktuellen Aufführungsserie singt die Semenchuk im großen Duett im zweiten Akt die Damrau jedoch glatt an die Wand. Zu Diana Damrau hätte da wohl besser eine Partnerin mit einer helleren und/oder kleineren Stimme gepasst.

Szilvia Vörös hat neuerlich bewiesen, welch schöne Mezzosopran-Stimme sie besitzt und wie gut sie phrasieren kann. Lediglich bei den exponierten tiefen Tönen, musste man feststellen, dass Donizetti die Partie des Pagen Smeton für einen Contralto geschrieben hat. Bei Vörös klingen die extremen Tiefen doch sehr dünn. (Das klang etwa bei Sonia Prina in Barcelona schon beeindruckender.)

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Dan Paul Dumitrescu, Pene Pati. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Der in Samoa geborene Tenor Pene Pati hat genau die richtige Stimme für den Percy, einen leichten, hellen Tenor mit sicheren Spitzentönen, die in dieser Oper ja über das hohe C hinausgehen. Darstellerisch ist er leider nicht sonderlich begabt, meistens steht er mit ausgebreiteten Armen an der Rampe oder er sucht sich nach Möglichkeit eine Sitzgelegenheit auf der Bühne. Das hat Luciano Pavarotti erst am Ende seiner Karriere getan! Von einem jungen Tenor (und leidenschaftlichen Liebhaber) kann man sich doch erwarten, dass er die wenigen Momente auf der Bühne auch durchstehen kann.

Dan Paul Dumitrescu als Lord Rochefort und Carlos Osuna als Sir Hervey ergänzten die Besetzung. Giacomo Sagripanti hatte an diesem Abend nicht mit so großen Koordinierungsproblemen zwischen Bühne und Orchester zu kämpfen wie in der ersten Vorstellung, in der es beinahe einen Riesenschmiss mit dem Damenchor gab. Lediglich mit Erwin Schrott war er sich an diesem Abend nicht immer über das richtige Tempo einig.

Herzlicher, aber sehr kurzer Schlussapplaus.

Walter Nowotny

 

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