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WIEN/ Staatsoper: ANDREA CHENIER von Umberto Giordano

George Petean mit einem starken Rollendebüt als Gérard

29.05.2019 | Oper


Yusef Eyvazov, Anna Netrebko. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: ANDREA CHENIER von Umberto Giordano 118. Aufführung in dieser Inszenierung 28. Mai 2019

George Petean mit einem starken Rollendebüt als Gérard

Wer jemals Jonathan Demmes Film Philadelphia gesehen hat, wird die stärkste Szene des Films nie vergessen, in der Tom Hanks als todkranker Aidspatient von seinem Anwalt besucht wird und diesem die Arie „La mamma morta“ vorspielt. Sein verzauberter Gesichtsausdruck, als er die von Maria Callas gesungenen Worte nachspricht, verweist bereits in andere Sphären. Man spürt, dass ihm diese wundervolle Musik unendliche Ruhe vermittelt und Erlösung verspricht. Schon allein dafür hat sich Tom Hanks den ihm verliehenen Oscar verdient, aber auch Denzel Washingtons Mimik, die die wachsende Anteilnahme des Anwalts widerspiegelt, ist mehr als preiswürdig und prägt sich einem – auf youtube nachvollziehbar – tief ein.

Ebenso ergriffen von dieser Arie zeigt sich in der dritten Vorstellung der derzeit laufenden Aufführungsserie der Verismo-Oper Andrea Chenier auch Carlo Gérard, der zum Revolutionär mutierte ehemalige Kammerdiener. George Petean besticht bei seinem Rollendebüt mit seinem wohlklingenden Bariton und erhält für seine berührend vorgetragene Arie „Nemico della patria“ zu Recht starken Applaus. Man spürt: Die Partie des Carlo Gérard ist geradezu ideal für diesen kultivierten Sänger. Denn Gérard ist nicht einer der baritonalen Bösewichte wie Scarpia oder Don Pizarro, sondern ein von großen politischen Idealen und sozialen Utopien bewegter Mann, der sich den dunklen Seiten seines Wesens stellt, mit ihnen kämpft und sie letztlich überwindet. Wie er im ersten Akt aus Verzweiflung, gepaart mit der großen Hoffnung auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Dienerlivree seiner Dienstherrin, der Gräfin di Coigny, vor die Füße wirft, ist ebenso glaubhaft wie sein Gesinnungswechsel angesichts des harten Schicksals der Tochter der Gräfin in den Wirren der Revolution. Es ist nicht ohne Grund Gérard, dem Giordanos Librettist, Luigi Illica, die berühmten Worte von der Revolution, die ihre Kinder frisst, in den Mund legt.

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Anna Netrebko. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Anna Netrebko als Andreas Cheniers Geliebte, die mit ihm aus Liebe in den Tod geht, ist erwartungsgemäß das gesangliche und darstellerische Kraftzentrum der Aufführung. Ihr samtiger, dunkler Sopran leuchtet in allen Farben, und er sitzt an diesem Abend jedenfalls nicht hoch im Kehlkopf – ich habe genau hingehört -, sondern tief in ihrem Herzen. Man kann die Maddalena di Coigny anders singen, gewiss. Schöner aber nicht.

Dass es Yusif Eyvazov in der erstklassigen Konstellation Netrebko-Petean nicht gerade leicht haben wird, war vorherzusehen. Aber man darf nicht vergessen, dass er inzwischen – wohl beraten von seiner Ehefrau – vor allem hinsichtlich einer erweiterten Ausdruckspalette – Fortschritte gemacht hat. Die Zeiten, als er sich noch davor fürchten musste, ausgepfiffen zu werden, wie 2017 vor der Premiere von Andrea Chenier zur Saisoneröffnung an der Scala – was dann eh nicht eintrat – sind längst vorbei. (Aber was bedeutet es schon, in Mailand ausgepfiffen zu werden? Das ist bekanntlich sogar dem großen Beczala passiert, der daraufhin geschworen hat, dort nie mehr aufzutreten…) Man weiß ja, dass Eyvazov einen stahlharten Tenor hat, ohne den geringsten Anflug an Höhenangst. Er weiß das auch – und das ist kein geringes Stimm-Kapital. Und siehe da: Er bemüht sich auch in den beiden Duetten mit Maddalena um eine zartere Tongebung. Auch seine Bühnenpräsenz hat sich verbessert. Er stellt schon etwas dar. Nicht gerade den sensiblen Poeten. Aber den freigeistigen Revolutionär, den nimmt man ihn schon ab. Sein Timbre muss man freilich mögen. Oder auch nicht. Vom Publikum wurde Eyvazov jedenfalls mehr als nur freundlich beklatscht.

Zu erwähnen noch sind der Schrecken verbreitende Revolutionsbüttel Mathieu, den Wolfgang Bankl ebenso einprägsam gibt wie den Simon im gerade parallel aufgeführten Dantons Tod von Gottfried von Einem, sowie Orhan Yildiz als Cheniers sorgsamer Freund Roucher. Den erschütternden Auftritt der Madelon hat man schon eindrucksvoller erlebt als diesmal von Monika Bohinec. Verlässlich fällt der Einsatz von Virginie Verrez als Bersi aus.

Marco Armiliato, am Haus am Ring lange schon ein Garant für das italienische Fach, sorgt mit dem animiert aufspielenden Staatsopernorchester für ein zügiges Tempo und hat an diesem recht gelungenen und kräftig bejubelten Abend – es gab an die zehn Minuten dauernden Applaus – wesentlichen Anteil.

28.5. (Manfred A. Schmid)

 

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