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WIEN/ Staatsoper: „ANDREA CHÉNIER“ . 2. Vorstellung

10.01.2019 | Oper


Luca Salsi (Gerard). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIENER STAATSOPER: „ANDREA CHÉNIER“

 Besser spät als nie

Einen perfekten Beweis, dass gebräuchliche Redewendungen nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen müssen, bot dieser Abend. Dem Tenor Gregory Kunde wird eine musikalische Ausnahmestellung zugesprochen, weil er den Otello sowohl in der Rossini- als auch in der Verdi-Version gesungen hat und das nicht nur in seiner fast 40 Jahre währenden Karriere, sondern innerhalb des gleichen Jahres. Nachdem sein letztes Auftreten in Wien auch schon einige Jahre her ist, war sein Rollendebut mit Spannung erwartet. Leider konnte er die (zu) hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Wohl präsentiert er voll metallisch klingende Höhen, aber diese ruhen auf keinem sicheren Fundament. Die Mittellage ist überhaupt nicht tragfähig und gegen Ende der Phrasen fehlt oft noch der Atem, um sie sauber zu beenden. So ist er ein galanter Duettpartner, der Tatjana Serjan stets den Vortritt überlässt, ausser wenn er einen lauten Spitzenton beitragen kann. Die Maddalena nimmt das Angebot auch dankend an, neigt ihre dunkel timbrierte, kalte Stimme ja auch weder zu einer neckischen jungen Adeligen des ersten Aktes noch zu der verängstigten Frau der weiteren Akte. Von den Protagonisten erfüllt einzig Luca Salsi als Gérard die Erwartungen. Ein kraftvoller Bariton mit guter Höhe und schöner Phrasierung, der auch mit seiner großen Arie den Höhepunkt des Abends bietet. Dieser edlere Vorgänger des Scarpia, der seinen Verrat noch in letzter Sekunde gutmachen will, aber bei Robespierre schon deswegen kein Gehör findet, weil dieser selbst drei Tage später sein von einer Kugel getroffenes Haupt unter der Guillotine verlor. Von den übrigen Partien bleibt Boaz Daniel als schönstimmiger Roucher und Thomas Ebenstein als prägnanter Incroyable im Gedächtnis, Benedikt Kobel als Abbé kann wenigstens mit einer gut getanzten Gavotte überzeugen. Igor Onishchenko mag eine hübsche Stimme haben, nur leider ist er als Fléville kaum vernehmbar. Wolfgang Bankl als Mathieu hatte wohl nicht seinen besten Abend und die beiden Bässe Alexandru Moisiuc und Ryan Speedo Green bewiesen, dass man auch in kleinen Partien (negativ) auffallen kann. Bei der Madelon von Zoryana Kushpler hatte die Maskenbildnerin mehr Arbeit, sie auf alt zu schminken, als die Sängerin damit, alt zu klingen.

Das Orchester ist gegenüber dem Rheingold des Vorabends zwar deutlich kleiner geraten, aber Frédéric Chaslin setzt offenbar seinen Ehrgeiz darein, dennoch wesentlich lauter zu sein. Eine Ausgewogenheit zwischen Graben und Bühne ist so nicht erreichbar. Der Applaus war überschaubar, einzig nach dem “Nemico della patria” war er heftig.

Wolfgang Habermann

 

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