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WIEN/ Staatsoper: ANDREA CHÉNIER

Eine würdige Aufführung am Vorabend des 150.Jahrestages der Eröffnung

25.05.2019 | Oper


Yusef Eyvazov, Anna Netrebko. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

ANDREA CHENIER – Wiener Staatsoper, 24.5.2019

(Heinrich Schramm-Schiessl)

Ich glaube zwar nicht, dass das so geplant war, aber es war sehr interessant zwei der wichtigsten Soprane unserer Zeit, Anja Harteros und Anna Netrebko, innerhalb eines Jahres als Maddalena zu erleben. Obwohl ich beide Künstlerinnen sehr schätze, muss ich trotzdem sagen, dass Anna Netrebko in diesem „Fernwettstreit“ als klara Siegerin hervorgeht. Netrebko befindet sich derzeit in einer beneidenwerten Verfassung. Man könnte sagen, sie ist am Zenit ihrer Laufbahn, aber das habe ich schon öfter gedacht und sie hat immer noch eins draufgelegt. Die Mittellage klingt wunderbar breit und voll und die Höhen kommen strahlend auf den Punkt genau, und mittlerweile vermag sie auch wunderbar schwebende Piani zu singen.. Auch die tieferen Register stellen zufrieden. Obwohl sie nicht wirklich eine grosse Darstellerin ist, gelingt es ihr trotzem allein mit ihrer Stimme das Schicksal dieser Frau glaubhaft darzustellen. Das „La mamma morta“ war sicher der Höhepunkt des Abends. Man kann sicher ohne Vorbehalt sagen, dass sie mittlerweile zum kleinen Kreis der ganz Großen gehört.


Yusef Eyvazov, Orhan Yldiz. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

In der Titelrolle sah und hörte man Yusif Eyvazov und ich kann nur wieder einmal feststellen, dass er Nerven wie Drahtseile haben muss. Er weiss, dass er als Gatte der Netrebko in einem besonderen Fokus steht. Wäre er das nicht, würde er heute ein wunderbares Leben als erfolgreicher Tenor in zweiten und dritten Häusern mit gelegentlichen Einspringabenden in den großen Häusern fristen. Sein einziges Problem ist, dass er über kein schönes oder besser gesagt über gar kein Timbre verfügt. Hätte er dieses, wäre er einer der Spitzentenöre unserer Zeit, denn er verfügt über eine ausgezeichnete Technik, die es ihm ermöglicht, alle Höhen – und derer gibt es in diesem Werk nicht wenige – bombensicher zu singen und auch die übrigen Passagen einwandfrei zu gestalten. Darstellerisch bleibt er eher unauffällig.

Dritter im Bunde war Luca Salsi als Gerard. Es war nach zahlreichen Aufnahmen meine erste „Live“-Begegnung und ich wahr, ehrlich gesagt, etwa enttäuscht. Er hat an sich eine schöne Stimme und vermag diese auch gekonnt einzusetzen, aber die großen Momente, wie der kurze Monolog im 1. Akt und dann das „Nemico della patria“ bleiben  irgendwie wirkungslos. Der Funke springt nicht über. Darstellerisch bleibt er routiniert. Von den übrigen Rollen, die wir allesamt schon besser gehört haben als an  diesem Abend, möchte ich nur Monika Bohinec als Madelon erwähnen. Sie ist mitttlerweile eine wetvolle und vielfältig einzusetzende Stütze des Ensembles geworden. Den Abschied von ihrem Enkel sang sie sehr berührend.

Am Pult stand Marco Armiliato – und er ist immer Garant für einen sicheren Ablauf des Abends und einen erfreulichen Ochsterklang.  Auch der Chor sang zufriedenstellend.

In der Gesamtsicht war es eine würdige Aufführung am Vorabend des 150.Jahrestages der Eröffnung des Hauses am Ring und wurde vom Publikum mit viel Applaus und Jubel bedankt.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

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