Wien/ Staatsoper: 25.12.2025: „La bohème“, Staatsoper, „Weihnachten in Paris“

Am Christtag lud die Staatsoper zur vierten und letzten Vorstellung einer „La bohème“-Serie, in der Juan Diego Flórez sein Wiener Debüt als Rodolfo gegeben hat – ein Rodolfo, der sich in seiner Profession mehr als Lyriker, denn als Dramatiker empfahl.
„La bohème“ ist ein sentimentaler Geniestreich – und es ist nahezu unmöglich, dass eine Aufführung der Oper ihre Wirkung auf das Publikum verfehlt. Wenn sich dann noch, so wie in der Wiener Staatsoper, die bekannte Inszenierung von Franco Zeffirelli hinzugesellt, wird auch die Szene ganz so wie Mimis rosa Häubchen zum unabdingbaren Ingredienz jeder Aufführung. Abgesehen davon liegt es natürlich an den ausführenden Künstlern, dass sich Puccinis Musik so recht wehmütig in den Herzen des Publikums breit machen kann. Naive Lebensfreude und schicksalshafte Liebe mischen sich dann zu jener genießerischen Traurigkeit, die an die Seele rührt, und die das Auditorium nur im Finale ganz kurz existentiellem Schmerz überlässt.
Diese ausgeklügelte Manipulation der Publikumsgefühle war an diesem Abend doch einigen weniger dienlichen Parametern unterworfen. Zum Beispiel war von vornherein absehbar gewesen, dass sich Juan Diego Flórez nicht „über Nacht“ zu einem stimmkräftigen Puccini-Tenor entwickelt haben wird. Flórez, nach wie vor elegant und rank im körperlichen Erscheinungsbild und mit der Ausstrahlung eines verschmitzten Musterschülers gesegnet, gab einen stimmlich schlanken Rodolfo, mit schönen Details ausgestaltet. Aber es war eine Herausforderung für ihn, sich gegenüber dem Orchester und stimmkräftigeren Kollegen zu behaupten.
Flórez hätte seinen Tenor sozusagen verdoppeln müssen, sein „Gewicht“ erhöhen. Es erging ihm wie einem Sportler, der in einer höheren Gewichtsklasse antritt, obwohl ihm dafür die Voraussetzungen fehlen: Wo Flórez mit tenoraler Stimmschönheit und geschmeidiger Phrasierung als „Leichtgewicht“ punktet, fehlt ihm für das „Mittelgewicht“ dann doch ein gutes Dutzend an Kilo – und entsprechend verhalten fiel der emotionale „Impact“ aus, etwa im Finale, wenn Rodolfo der ganze Schmerz mit eiserner Faust am Herzen packt: „Mimi! … Mimi!“…
…Der dankbare Schlussapplaus dauerte rund sechs Minuten. In den beiden Lichtpausen hustete es aus dem Publikum sehr authentisch und für Pneumologen wäre das akustische Spektrum dieser unglaublich individuell ausgeformten, lautstarken Expirationserscheinungen sicher hoch interessant gewesen.
http://www.operinwien.at/werkverz/puccini/aboheme14.htm
Dominik Troger/ www.operinwien.at

