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WIEN/ Staatsope: SIMON BOCCANEGRA – 100. AUFFÜHRUNG DIESER INSZENIERUNG. Zum Jubiläum: Ein ideales Dreieck

19.4.2026 SIMON BOCCANEGRA – 100. AUFFÜHRUNG DIESER INSZENIERUNG

Zum Jubiläum: Ein ideales Dreieck

simon
Foto: Dr. Klaus Billand

Vor 24 Jahren hatte Peter Steins zeitlos zeitgemäße Inszenierung über den friedliebenden Korsaren auf dem Dogenthron Premiere, und viele große Interpreten haben sich seither diese Rolle zu eigen gemacht: Zunächst Thomas Hampson unerbittlich, dann Leo Nucci in seinen späten Jahren, Plácido Domingo in seiner wohl besten Baritonrolle weich und samtig, Dmitri Hvorostovsky, der große Russe, der noch etwas mehr als ein Jahr vor seinem Tod bereits mit seiner tödlichen Diagnose konfrontiert eine besonders berührende Interpretation zum besten gab. Diesmal ist es Ludovic Tézier, der derzeit wohl unangefochtene Herrscher am Verdibaritonthron, der den Dogensitz einnimmt.

Die Produktion ist gut, nämlich gar nicht gealtert: Klare Bilder, Formen und Farben, wenig Versatzstücke, zum Teil eine gehörige Portion Düsternis, rot und blau als Farben der Patrizier und Plebejer (Kostüme: Moidele Bickel), nur Amelia, die ja beide in sich trägt, glänzt als Lichtgestalt in leuchtendem Weiss. Das Setting (Bühne: Stefan Mayer) spricht in einfachen Symbolen (Sarg, Dogenpalast, [Kerker-]Gemächer, Meer) und verdeutlicht so den jeweiligen Spielort. Diese Schlichtheit gibt viel Raum für Musik und Darstellung:

Marco Armiliato verkörpert das Musterbild des Dirigenten des italienischen Repertoires: Mit dem wieder blendend aufspielenden Orchester und dem hervorragenden Chor – einzig in der Ratsszene gelingt die eine oder andere Phrase bei den Sopranen etwas zu voluminös – herrscht offenkundig bestes Einvernehmen, jede noch so kleine Geste scheint blind verstanden zu werden. Die Wahl der Tempi entspricht immer dem Fluss der Musik, die getragenen Momente finden ebenso kongenial Ausdruck wie die Agitationen des 2. Aktes; aufgewühlt die letzte Begegnung von Simone und Fiesco, todtraurig im Nichts verklingend der Tod des Dogen, eine unglaubliche Ausdrucksamplitude, die dem Publikum zu Gehör gebracht wird. Gerade die Interpretation dieses Werkes gehört zum besten, das der Genueser – glücklicherweise immer wieder – an der Staatsoper hören lässt. Eine Idealbesetzung im Orchestergraben.

Ludovic Tézier, in den letzten Jahren auch darstellerisch gereift, verfügt über eine Fülle von Farben seiner an sich schon ausdrucksstarken Stimme. Herb-heroisch unerbittlich in den Ensembles der Ratsszene und des 2. Aktes, verletzt und traurig nach der Kenntnis von Marias Tod, warm bei seiner Begegnung mit Amelia – das fast gehauchte „figlia“ gelingt formidabel, immer aber in gewisser Weise dominant. Zudem gestaltet er eine besonders (be-)rührende Schlussszene. Einzig die Begegnungen mit seinem Rivalen Fiesco kranken an den mangelnden Modulationsfähigkeiten seines Gegenübers, hier wäre ein kongenialer Partner eine erfreuliche Bereicherung.

Die dritte im Bunde der Idealbesetzungen ist Federica Lombardi als Amelia, nach ihrer „Babypause“ an die Staatsoper zurückgekehrt, ist ihre Stimme zwar ein wenig gereift, hat an Ausdrucksfacetten dazugewonnen, aber dafür früher wahrnehmbare Unreinheiten gänzlich verloren. Der Charakter ihres Timbres ist derzeit geradezu perfekt für die Dogentochter, weist sie genügend weiche Töne in den heiklen Momenten der Arie und des Erkennungsduettes auf, hat aber auf der anderen Seite auch keine Mühe, die Ensembles zu überstrahlen und sich mit starken Tönen völlig ohne Schärfen Gehör gegenüber den allenthalben vorhandenen Begehrlichkeiten der sie umgebenden rivalisierenden Männer zu verschaffen.

Nicht ganz so glücklich die Besetzung der weiteren Protagonisten: Kwangchul Youn, kommt als Fiesco neben diesen beiden stimmlichen Superstars etwas langweilig in Gesang und Gestaltung daher, neigt seine ohnehin schon nasal und etwas schnarrend klingende Stimme mittlerweile zu einem störenden Dauer-Vibrato, auch weist sie zudem keine besondere Ausdruckspalette auf – dies ist besonders schade, umspannen die beiden Duette Simone-Fiesco doch zentral den Handlungsbogen – so geht vieles dieses vielschichtigen Werkes verloren.

Auch Charles Castronovo, immer wieder an großen Häusern in großen Rollen zu Gast, war schon der Salzburger Festspiel-Adorno 2019, kann an Stimmschönheit weder mit seiner zukünftigen Gattin noch seinem Schwiegervater mithalten, klingt vieles nicht weich und fließend, sondern eher hart, weder Stimmschmelz noch Pianokultur darf er sein eigen nennen. Dafür überzeugt allerdings seine Darstellung, seine große Arie lässt viel Zerrissenheit spüren.

Attila Mokus ist stimmlich rollendeckend als Paolo, allerdings keinesfalls der intrigant-böse Strippenzieher, den Libretto und Musik verlangen, Evgeny Solodovnikov bleibt blass in Stimme und Darstellung als Pietro.

Giuseppe Verdi hätte sich mit dem frenetisch jubelnden Publikum über diesen Jubiläums-Abend wohl auch gefreut.

Sabine Längle

 

 

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