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WIEN/Servitenkirche: ViertelBAROCK #3: „DER UNBEKANNTE VIVALDI“

11.10.2020 | Konzert/Liederabende

WIEN/Servitenkirche: ViertelBAROCK #3: „DER UNBEKANNTE VIVALDI“

10.10. 2020 Nachmittag

(Karl Masek)

Seit Anfang Juli 2020 (als man für Musikveranstaltungen vorsichtig mit Covid 19-Lockerungen begann), ist das Servitenviertel „im Neunten“ zum „ViertelBAROCK“ geworden. Begonnen hat man mit „Vidala“ -Barockmusik und ihre lateinamerikanischen Wurzeln; die Fortsetzung titelte man Anfang September mit: „Wie Gott in Frankreich“ mit Musik von Couperin & Leclair“ (der OnlineMerker berichtete). Und nun – aller guten Dinge sind drei – schloss man vorerst mit „Der unbekannte Vivaldi“ ab. Der Herbst zieht unweigerlich ins Land. Optimistisch wollte man dieses Event wieder im Innenhof der Servitenkirche veranstalten. Doch der Wetterbericht verhieß nichts Gutes: Regen, Temperatursturz…

Die Straßenmusik am pittoresken Platz vor der Sevitenkirche ging sich gerade noch aus. Christine Gnigler und Edurne Santos vom Bach Consort Wien trugen einen vergnüglichen Wettstreit zwischen 2 Fagotten  aus. Quintessenz: allein geht gar nix, wenn man zu zweit Musik machen  will. Und: Musik befreit von Traurigkeit. Weiters: Fagotte sind besonders sympathisch klingende Instrumente. In meiner Klasse hat einmal ein besonders humorvoller Musikprofessor zu uns Elfjährigen gesagt: „Das Fagott ist der ‚gute Onkel im Orchester‘!“ Den Satz hab‘ ich mir bis heute gemerkt!

Schon viel mehr Zuhörer als beim letzten Mal gab es (darunter eine Menge Kinder vom Kindergartenalter aufwärts, der Mundfunk funktionierte!) und hörten vielleicht zum erstenmal  Fagotte und Barockklänge.

Das Hauptprogramm wurde vorsorglich in den Kirchenraum verlegt. Und gut war’s: Am Ende des Konzerts (gegen 18:20) regnete es bereits heftig und es war um gute 10 Grad kälter!

„Der unbekannte Vivaldi“ – und nicht der „bekannte“, durch oft grausam kitschige Bearbeitungen über Generationen „zu Tode Gespielte“. Daher auch das nicht auszurottende Vorurteil vom populären barocken Faserschmeichler, den man  immer im CD-Player auflegt, wenn man sich an entspannenden Abenden am Kamin mit Klassik berieseln lassen will.

Verdienstvoll, dass eine bewährte Kammermusikformation des Bach Consort Wien dagegen anspielt! Mit Triosonaten, Werken für Solovioline bzw. Solocello und Cembalo. Übrigens ein Nachmittag mit Frauenpower! Agnes Stradner und Joanna Kaniewska-Eröd (Violine), Katarzyna Cichon (Violoncello) und Sonja Leipold (Cembalo) wurden diesmal literarisch unterstützt von der Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg. Kam mir irgendwie bekannt vor: Cineasten werden sie vielleicht kennen vom Film „Mahler auf der Couch“. In dem Film mit Erscheinungsjahr 2010  war sie die Society-Lady Bertha Zuckerkandl (mit Johannes Silberschneider als Gustav Mahler und Karl Markovics als Siegmund Freud). Sie las Texte über Vivaldi, seine Zeit (und sein Waisenmädchen-Orchester).

Fünf Programmpunkte für musikalische Feinschmecker! Aus der Frühzeit des „Roten Priesters“ aus Venedig eine Triosonate, E-Dur. Elegant mäanderten die Allegro-Teile, bei den langsamen Adagio- oder gar Largo-Sätzen nahm man sich alle Zeit der Welt, um die Strukturen bloßzulegen. Schlank und instrumental im Ton, kontemplativ, aber eben nie berieselnd im Klang!

Die helle, „sonnige“ Violinsonate , A-Dur, hatte aparte Melodik,  juvenilen Charme (klanglich wunderbar austariert und von entspannter Virtuosität: Agnes Stradner). Die Cellosonate, in a-Moll, zeigte Vivaldi mit ganz anderer Rhetorik. Hier gab es pointierte (weil auch „punktierte“) Bedeutsamkeit in den „Largo“-Passagen, schwungvoll und durchsetzt mit überraschenden Tonartwechseln waren die Allegro-Teile.  Katarzyna Cichon nahm mit edlem, kantablem Ton und ruhiger Könnerschaft  für sich ein.

Eine sechssätzige Triosonate, E-Dur, op. 1 Nr.4 rundete den Nachmittag mit feiner tänzerisch anmutender Grandezza ab. Die abschließende Gigue riss die Zuhörerschaft, die äußerst angetan vom Gebotenen war, zu stürmischem Applaus hin.  Sonja Leipold war am Cembalo das souveräne Zentrum, bei dem die musikalischen Fäden perfekt zusammenliefen.

Das Projekt ruft nach Fortsetzung!

Karl Masek

 

 

 

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