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WIEN/Servitenkirche: „VIDALA“ – Argentinien und Wurzeln des Europäischen Barocks

Rubén Dubrovsky spielte sein „Erstes Konzert nach Corona“: Musikalische Lebensfreude pur

05.07.2020 | Konzert/Liederabende


Der Wegweiser. Foto: Andrea Masek

WIEN/Servitenkirche: „VIDALA“ – Argentinien und Wurzeln des Europäischen Barocks

Rubén Dubrovsky spielte sein „Erstes Konzert nach Corona“: Musikalische Lebensfreude pur

am 4.7. 2020 – Karl Masek

COVID 19 und die damit verbundenen Absagen seit März: Engagements sind weggebrochen. Im Fall des Rubén Dubrovsky Operndirigate von St. Gallen (Giulio Cesare in Egitto, Premiere) über Hannover (Neuinszenierung von Händels Alcina) bis zum  Münchner Gärtnerplatztheater (Don Giovanni-Vorstellungen  und die Premiere von Bernsteins „Mass“) sowie Konzerte seines Wiener Bach Consort  in Wien und „dem Rest der Welt“.

Was tut so ein Vollblutmusiker wie er in dieser Zwangspause? Er macht jede Menge neuer Arrangements unter dem Motto Von Vivaldi nach Südamerika und zurück, er nennt die Bearbeitungen dieser Lieder und Tänze ironisch Corona-Kinder. Und stellt sie freudestrahlend und mit der Energetik eines Rennpferdes, das schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, einem erlesenen Publikum vor.

Dass schöne Konzerte auch anderswo als in den großen Musiktempeln Wiens, dem Musikverein oder dem Konzerthaus, stattfinden können, ist der Interessensgemeinschaft Servitenviertel zu danken, welche die spontane Idee Dubrovskys und seiner Frau, Agnes Stradner, Konzertmeisterin des Bach Consorts, in die Tat umgesetzt hat, ein „Vidala“-Konzert im Freien, im wunderschönen Innenhof der Servitenkirche zu veranstalten. Eine Hundertschaft fand sich im Nu ein. Das Konzert war alsbald ausverkauft, das Publikum verlor sich trotz der eingehaltenen Abstandsregeln nicht in der Weite eines riesigen Konzertsaals.


Das Vidala-Quintett. Foto: Andrea Masek

Zur freudigen, erwartungsvollen Stimmung dieses Nachmittagskonzerts kam dazu, dass es der Wettergott besonders gut mit den Initiatoren meinte. Nach den Unwetterkapriolen der letzten Zeit ein angenehm warmer, sonniger Tag, der dem pittoresken Servitenviertel im 9. Wiener Bezirk, dem Alsergrund, mediterranes, vielleicht sogar lateinamerikanisches Flair verlieh.

Dubrovsky, der Barockmusiker (aber eben nicht nur!) hat bei der Beschäftigung mit Bach, Vivaldi und all den anderen Großen dieser Zeit immer mehr bemerkt, dass ihn dabei unglaublich vieles an die Volksmusik seiner südamerikanischen Wurzeln erinnerte. Und begann akribisch zu forschen. Über den Einfluss der Jesuiten bei der Christianisierung in Lateinamerika und die Musik und die Instrumente, die sie mitbrachten bis zu den Zusammenhängen südamerikanischer Klanglichkeit („Zamba“) und afrikanischen Rhythmen („Sarabanda“), was sich im europäischen Barock durchsetzte, trotz Verbotsversuchen der spanischen Inquisitoren.  Mit „Vidala“, einer improvisatorischen Gesangsform aus den Anden, ergibt sich eine Musikmischung purer Sinnlichkeit und Lebensfreude. Eine Klanglichkeit, die sofort gefangen nimmt, pulsierende Rhythmen, die in die Beine fahren – und ein Lebensgefühl voller Glücksmomente.

Diese musikalische Lebensfreude pur vermittelten die 5 MusikerInnen exzellent. Dubrovsky hatte 2 verschiedene Celli dabei, spielte aber auch  gewohntermaßen an der Laute, der Barockgitarre und einem bizarr schnarrenden Schlag- und Geräuschinstrument aus dem Unterkiefer eines Esels(!). Die beiden Geigerinnen Agnes Stradner und Joanna Kaniewska-Eröd verschmolzen fast symbiotisch miteinander. Zwei neue Musiker an den Lauten, Barockgitarren und vielfältigen Schlaginstrumenten gaben diesem Nachmittag zusätzlich authentische Gangart. Von „Venezuelanischer Atemlosigkeit“ bis hin zu den Weiten Argentiniens und Perus. Besondere Gefühlstiefe vermittelnd – und Lichtjahre entfernt von billigem „Folklorismus“. Sie alle haben die Musik in den Fingern, im Körper, im Blut!

Die berühmten Variationen über „La Folia“ op.1 von Antonio Vivaldi waren naturgemäß Abschluss und bejubelter Höhepunkt des Nachmittags. Wie da jede der unterschiedlichsten Variationen eigene Charakteristik bekam, das war große Kunst, war genialisches Musikantentum.

Es war ein unterhaltsames Konzert, auch dank Rubéns Entertainer-Qualitäten bei den launigen Moderationen. Noch nie so viel gelacht in einem Kirchhof, als die Kirchenglocken kaum enden wollend zum Sechseläuten ansetzten, just, als die Fünf das Folia-Thema anstimmen wollten. Schlagfertiger Sager des Rubén: Dem, der die Glocken abdreht, wird ein Liter Wein gespendet…


Der Innenhof der Servitenkirche. Foto: Andrea Masek

Zwei Zugaben und: Wir sehen uns beim Wein! Der Sommerspritzwein war herrlich süffig.

(Fortsetzung im Herbst – wenn Corona die MusikerInnen und uns alle lässt –  ist von der „IG Servitenviertel“ geplant. Siehe: www.servitenviertel.at)

Karl Masek

 

 

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