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WIEN / Ronacher: MARY POPPINS

01.10.2014 | Operette/Musical

Mary Poppins Plakat

WIEN / Ronacher: 
MARY POPPINS von Fellowes, Sherman & Sherman
Premiere: 1.Oktober 2014 

Über „Mary Poppins“ braucht man niemandem etwas zu erzählen. Jeder wird dabei an den Disney-Film denken, der 1964 mit Julie Andrews gedreht wurde. Eine 50 Jahre alte Legende für die Bühne neu zu beleben, wirkt in erster Linie als Akt der Nostalgie – für die Leute, die damals jung waren und heute alt sind, und vielleicht für Kinder, die sich jenseits ihrer Game Boys noch für fliegende Kindermädchen begeistern können…

Wie aus dem Kinderbuch der englischen Autorin P. L. Travers ein Disney-Film wurde, konnte man erst vor einiger Zeit im Kino sehen: „Saving Mr. Banks“ – mit Emma Thompson und Tom Hanks hochkarätig besetzt – war gewissermaßen ein „Spin Off“, das man der Popularität des Originals abgewann.

Das „Mary Poppins“-Musical wurde schon vor zehn Jahren geschaffen, hauptsächlich auf der Originalmusik der Brüder Robert B. Sherman & Richard M. Sherman basierend, wobei das originale Drehbuch von  Julian Fellowes geschickt bearbeitet und um weitere bühnentaugliche Szenen erweitert wurde. Der Erfolg in London und dann am New Yorker Broadway war wohl (mit etwas über drei bzw. sechseinhalb Jahren Spielzeit) nachdrücklich genug, dass die Vereinigten Bühnen die Produktion ins Ronacher holten und auf einen Langzeit-Erfolg hoffen.

Nun, an dieser Aufführung sollte es nicht scheitern, denn sie erfüllt alle Kriterien eines gelungenen Musical-Abends. Never change a winning team, und Regisseur Richard Eyre und Co-Regisseur & Choreograph Matthew Bourne haben das Stück schon in London und New York auf die Bühne geschickt und haben es szenisch fest im Griff. Das fließt, inklusive der stupend zu verwandelnden Ausstattung (Bob Crowley, dafür mit dem „Tony Award“ gekrönt, dem renommiertesten Broadway-Theaterpreis), schnell und absolut selbstverständlich im Wechsel von Spiel, Tanz und szenischen Effekten dahin. Die Choreographie der Rauchfangkehrer zum Beispiel (deren Berufsinnung ja gerade vor ein paar Tagen in Wien ihren 350. Geburtstag gefeiert hat) ist mit das Beste, das man seit langem auf einer Musical Bühne gesehen hat.

Mary Poppins Zeininger_Ensemble Szene 
Foto:  Barbara Zeininger

Als Höhepunkt „fliegt“ Mary Poppins – was im Film ja vergleichsweise leicht herzustellen war – dann auf der Bühne wirklich, d.h. von der Bühne des Ronacher hoch über den Zuschauerraum hinweg bis hinauf in den 2. Rang. Ein finaler Clou, der dann den Publikumserfolg besiegelt. Und zweifellos mutig von Hauptdarstellerin Annemieke Van Dam, die vordringlich am Gelingen des Abends beteiligt ist. Dabei hat man die hübsche Holländerin in allen Details so hergerichtet, dass sie tatsächlich wie ein – um einen Hauch nicht ganz so liebenswürdiger – Klon von Julie Andrews wirkt: eine Nuance von britisch-steif (wir sind in London 1910), wo man es weniger mit Herzlichkeit als mit Umfangsformen hielt. 

Mary Poppins Sie und er by ahaunold@gmx.at 
Foto: Andreas Haunold

Trotzdem ist sie zweifellos ein Geschöpf aus einer anderen Welt, die dann zusammen mit  dem rührigen Straßenkünstler Bert (David Boyd – geht er selbst die Wände hoch?) immer wieder musical-gerecht, also choreographisch einfallsreich zum Leben erweckt wird.

Zentrum des Geschehens ist das Haus der Familie Banks: Der Bankier (Reinwald Kranner) hat üblicherweise nur seine Arbeit im Kopf, während seine reizende blonde Frau mit Künstler-Vergangenheit und Hausfrauen-Gegenwart (Milica Jovanovic) zwar von ihren Kindern überfordert scheint, am Ende aber sehr viel  Charakter beweist, wenn es darum geht, den Gatten zu unterstützen. Das Happyend ist übrigens nach geringen Komplikationen erst gesichert, wenn Mr. Banks seinen Chefs sehr viel Geld gerettet hat – heute  kann man über diese unzeitgemäße Kapitalismus-Verherrlichung nur lächeln. Aber das Buch von P. L. Travers stammt schließlich aus dem Jahr 1934, da dachte man noch anders über Bankdirektoren.

Wichtige Rollen haben die beiden Kinder, die vielfach besetzt sind, die beiden, die die Premiere spielten (Fiona Bella Imnitzer und David Paul Mannhart) waren jedenfalls zur Rotzigkeit, die nur eine Mary Poppins in den Griff bekommt, gut dressiert und auch stimmlich passabel.

Der Rest ist ein großes, fast unübersichtliches Ensemble, aber immerhin gibt es in Gestalt von Tania Golden eine rührige Köchin, eine poetische Vogelfrau von Sandra Pires (eine kleine Rolle allerdings) und den Alptraum einer Kinderfrau, wie sie einst war (Maaike Schuurmans als Miss Andrew).

Wie gesagt, es ist sicher nicht die innovativste Idee, die Uralt-Geschichte eines fliegenden Kindermädchens aufzuwärmen. Doch „Supercalifragilisticexpialidocious“, „Chim, Chiminey“ oder „A Spoonful of Sugar“ (man bekommt das englische Original nicht aus dem Ohr) bewähren sich als klassische Musical-Nummern,  auch wenn die  deutsche Fassung etwas steif klingt. Die von permanentem Szenenapplaus begleitete Premiere sah jedenfalls nach einem großen Erfolg aus.

Heiner Wesemann

 

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