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WIEN: Philharmoniker-Lokal „Code 1842“ – diesmal: Karaoke anstatt Beethoven

16.06.2020 | Feuilleton

Philharmoniker-Lokal „Code 1842“ (17.6.2020) – diesmal: Karaoke anstatt Beethoven

Der Code stimmt: „Code 1842“. Bitte, 1842? War das Gründungsjahr der Wiener Philharmoniker durch Romantik-Melodienzauberer Otto Nicolai. Nun bittet der philharmonische Klarinettenprofessor Johann Hindler in sein noch einigermaßen junges 1842er Lokal am Wiener Karlsplatz. Es ist ein abendlicher Treff von Mitarbeitern, Sängern der Staatsoper, Künstlerkollegen. Und viel studierendes musikalisches Jungvolk geht hier aus und ein. Auch zu unterhaltsamen Klassik- oder Volksmusikabenden wird gelegentlich gebeten.

Geschlossene Staatsoper, Unsicherheit über den Beginn der neuen Saison, ausklingende Corona-Zeit, aufkommende neue Lebenslust: Da dürfen die sich der klassischen Musik Hingebenden als Alternative auch mal so richtig ausflippen. Karaoke heißt es somit, für gestandene Musikprofis wie für sich vergnügt wiegende, wippende Studierende. Klarinettenprofessor Nr. 2 Christoph Zimper betreut die Karaoke-Technik zum jugendlichen Auf und Ab im und vor dem Lokal. Staatsopern-Tenor Wolfram Derntl oder Solobratscher  Christian Frohn hören nur zu (das Glaserl Wein, wohl wichtiger), doch Robert Brunnlechner, Fagottist des Badener Theaterorchesters und Bass-Schlüssel erprobter Chef des ‚Fagott It!‘-Quartetts drängt sich als Freddie Mercury mit den höchsten Tönen auf. Und die singende Cello-Studentin von Natalja Gutman strahlt über das ganze Gesicht. „Dancing Queen“, „Ich bin der Märchenprinz“ ist zu hören, ein schmissiges „Mamma Mia!“ geht ebenfalls ins Ohr. Der managende Zimper, selbst ganz schön ausgelassen, flüstert einem zu: „Es ist ein bisschen würdelos“, und „…. Mut zur Hässlichkeit, einmal rauslassen!“. Nein, es ist im Gedränge lustig, ausgelassen, beste Stimmung herrscht. Die beschwingten Musikanten haben schon die richtigen Ohren für die Melodien der Hits. Für deren Texte schon weniger. Diese müssen sie – zumeist hingewendet zum helfenden Karaoke-Bildschirm – von diesem ablesen.

Meinhard Rüdenauer

 

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