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WIEN/ Peterskirche/CroART-Festal des Ensemble WISE: „VERBINDUNGEN“ – ein Festival-Konzert

19.07.2021 | Konzert/Liederabende

„VERBINDUNGEN“ – ein Festival-Konzert des Ensembles WISE in der Wiener Peterskirche, 16.7.2021

Mit Ende der kroatischen EU-Ratspräsidentschaft 2020 hat das Wiener Internationale Solisten Ensemble WISE das CroART-Festival ins Leben gerufen. Die kulturelle Verbundenheit innerhalb Europas soll aufgezeigt werden – speziell die historische und kulturelle Verbindung zwischen Kroatien und Österreich mit musikalischen Beiträgen von KomponistInnen beider Länder.

Da tun sich mannigfaltige Verbindungsperspektiven auf, und die künstlerische Leiterin und Violinvirtuosin Andrea Nikolić ist im Zusammenspiel die bindende Kraft zwischen ambitioniertem Ensemble und den jeweiligen Solisten und Dirigenten. Eng ist hier auch die Verknüpfung zwischen Sprache und Musik, zwischen Musikern und Dichtern. Nicht zuletzt zeigte sich Andrea Nikolić in ihrer Begrüßungsansprache hocherfreut über die zahlreichen Gäste in der Wiener Peterskirche als himmlisches Ambiente, in der sie die Verbindung zwischen Musizierenden und dem Publikum nach dem Lockdown nun nicht an den Stream gebunden sondern real ausleben kann.

Die Verbindung zwischen Traum und Wirklichkeit hob Dirigent Mladen Tarbuk auf mit einer Eigenkomposition für Streichorchester, „Sebastian im Traum“. Bei der Komposition dachte er sowohl an die gleichnamige Dichtung von Georg Trakl wie rückblickend an die Geburt seines Sohnes Sebastian – mittlerweilen schon 25 Jahre alt und ein erstklassiger Fagottist– wie an die verbundenen Gefühle der Freude, aber auch der Sorgen um die Zukunft. Diese Gefühle kamen in der unglaublich zarten und gleichzeitig expressiven Musik zum Ausdruck, die das Streicherensemble unter dem Dirigat des Komponisten hervorbrachte. Die Träume schienen sich hier zu verselbstständige und auf einzelnen Tönen fast wie von einer Flöte zu entschweben.

Beinahe entschuldigend, dass sie nach diesem musikalischen Traumerlebnis in profane Sprache zurückfallen muss, trat die Komponistin Johanna Doderer an das Mikrofon. Mit ihrer charakteristischen Lockenmähne ist sie eine imposante und attraktive Erscheinung, die aufgrund ihres umfangreichen Werkverzeichnisses keinerlei Grund zu Bescheidenheit hat. Sie steuerte zwei Lieder für Mezzosopran und Streicher bei: „Schweigt der Menschen laute Lust“  und „Mondnacht“ nach den Gedichten von Joseph von Eichendorff , und sie stellte damit künstlerisch eine Verbindung her zwischen den zeitlosen Texten der Vergangenheit und zeitgenössischer Musik. Die Texte wurden von der schon mehrfach preisgekrönten jungen Mezzosopranistin Josipa Bainac mit klarer Stimme zunächst verlesen, ehe ihre gesanglich eindrucksvolle Interpretation erfolgte. Ihr unverwechselbarer großer Mezzo hat in der Akustik der Kirche einen leicht metallischen Glanz und im mittleren tiefen Bereich Naturstimmenfarbe.

Nicht weniger bekannt ist die zeitgenössische österreichische Komponistin Gabriele Proy, die an der Universität für Musik Elektroakustische Komposition und Instrumentalpädagogik Gitarre studiert hat und 2013 mit dem Preis der Stadt Wien geehrt wurde. Mit ihrer Komposition „Campanulcea“ für Solovioline und Streicher schuf sie sozusagen eine Verbindung zwischen Geige und Gitarre. Campanula ist eine jüngere Entwicklung des in der Eifel ansässigen Instrumentenbauers Helmut Bleffert. Sie stellt eine Erweiterung des Ton-Spektrums klassischer Violinen dar, indem sie technische Elemente der Violine und der Gitarre verbindet. Sie ist größer als herkömmliche Geigen. Ihr Name kommt von ihrer Glockenblumen-Form (Campanula). Mit ihren sieben zusätzlichen Resonanzsaiten wird ein besonderes Oberton-Klangspektrum erreicht. Die ‚Prima Violina‘, Andrea Nikolić, konnte die Vorzüge dieses Instruments in allen Varianten und Schattierungen virtuos präsentieren.

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Uraufführung eines Werks von Meinhard Rüdenauer. Foto: Alexandra Nagy

Einen Kernpunkt des Programmes stellte die Uraufführung des „Affinity Concerto“ für Violine, Oboe und Streichorchester von Meinhard Rüdenauer dar, gewidmet Andrea und Ivana Nikolić. Gut gelaunt teilte Rüdenauer dem Publikum mit, dass es sich hierbei um ein Auftragswerk handele, denn die beiden Schwestern Andrea und Oboistin Ivana Nikolić hatten sich von ihm eine Komposition gewünscht, in welcher sie gemeinsam als Solistinnen auftreten könnten. In der Folge entstand ein wunderschönes Doppelkonzert für Violine und Oboe. Im ersten Satz hielten die beiden Solistinnen quasi Zwiesprache und erzielten harmonischen Gleichklang. Im langsamen zweiten Satz trat das Orchester mehr hervor. Der dritte Satz setzte mit Viola, Cello und Bass ein und erzeugte mit den Soloinstrumenten faszinierende Klangbilder, die mit dem Schlusssatz an Tempo aufnahmen und in Fröhlichkeit ausklangen. Die Komposition erhielt viel Publikumsbeifall; in diesem Fall war sogar Pfeifen in der Kirche ansatzweise erlaubt …

Der 1968 in Heidelberg geborene Dirigent und Komponist geistlicher und weltlicher Werke mit kroatischen Wurzeln, Andjelko Igrec, hat in Wien studiert, ist u.a. künstlerischer Leiter des Orchesters der Musikfreunde Baden sowie Chorleiter der Pfarre St. Stephan in Baden, arbeitet aber auch mit den großen Zagreber Orchestern zusammen und ist somit ein Paradebeispiel sowohl künstlerischer Vielfalt als auch für perfekte Integration. Sein „Capriccio Garestinensis“ für Streicher entstand 2009 und schildert die Impressionen, die ihm bei einem Besuch der Hauptstadt seiner Vorfahren, Varazdin, nach dem Balkankrieg befallen haben. Er geht auf Spurensuche durch die Straßen und Plätze. Musikalisch verbinden sich volksliedhafte und tänzerische mit wechselnden dunkleren Elementen mit gezupftem Bass und einem Geigensolo von Andrea Nikolić, das an manchen Stellen wie ein einsames Rufen erklingt.

Mit dem Lied „Leise Liebe“ von Nicholas Ansdell-Evans auf einen Text von Elsa Asenijeff ergab sich nochmals ein Auftritt für Josipa Bainac. Im Gegensatz zum Eindruck, den der Titel vermitteln könnte, hat das Lied dramatische und opernhafte Züge, die den Schmerz der Liebe ausdrücken und der Sängerin die Möglichkeit geben, mit stellenweise starkem Forte ihre große Stimme zu präsentieren.

Nicht anwesend war der komponierende ehemalige Präsident Kroatiens, Ivo Josipović. Seine Streicher-Komposition „Samba da camera“ bildeten den temperamentvollen Kehraus der Veranstaltung. Den speziellen Samba-Rhythmus konnte ich zwar nicht heraushören, aber der temperamentvolle richtige Schwung war da. Nach diesem wohldurchdachten Programm, das sehr viel Neues brachte, kam niemand auf die Idee, eine Zugabe zu verlangen, zumal auch das Publikum hochkonzentriert etwas gefordert war. Dem begeisterten Schlussbeifall tat dies allerdings keinen Abbruch.

    Ursula Szykariuk

 

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