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WIEN / Open House: THE TIMEKEEPERS

26.03.2014 | Theater

Timekeeers x

Fotos: Hannah Neuhuber

WIEN / Open House / Theatre  Company im Café Prückel: 
THE TIMEKEEPERS von Dan Clancy
Österreichische Erstaufführung (in englischer Sprache)
Premiere: 25. März 2014 

Die „Open House Theatre Company“ hat gewissermaßen die Nachfolge des abgewürgten International Theatre angetreten – englischsprachiges Theater im Keller, nun im Café Prückel (wo vor ungezählten Jahren einst das „Studententheater in der Biberstraße“ und dann die Pradler Ritterspiele zuhause waren). Nun darf man dem Unternehmen berechtigtes Interesse zuwenden, denn das gebotene Stück und seine Umsetzung sind erstklassig.

Wollte man „The Timekeepers“ von Dan Clancy nur als „well made play“ bezeichnen, das seine Thematik unter denkbar ökonomischen Umständen geradezu hervorragend entwickelt, hätte man recht – und griffe dennoch zu kurz. Es ist eben nicht „noch ein“ KZ-Stück, es ist nicht (wie „Bent – Rosa Winkel“) noch ein Schwulen-Stück, noch einmal Holocaust, sondern die Aufbereitung einer sich meisterlich verstrickenden Problematik anhand dreier Charaktere, die so echt vor den Zuschauer hintreten, dass man sich für zwei Stunden mit ihnen in der Zelle in Sachsenhausen eingesperrt fühlt, wo – Uhren repariert werden. Jene Uhren, die man den jüdischen Häftlingen weggenommen hat…

Da sitzt Benjamin Hirschfeld, der – wie man später erfährt – versäumt hat, von Berlin wegzugehen, weil er auf seine Stellung als bester Uhrmacher der Stadt so stolz war, dass er sich unentbehrlich und am Ende gar unverletzlich fühlte, bis er und seine Familie in verschiedenen Lagern landeten. Wenn er nun Uhren reparieren darf, bewahrt ihn das vor den anderen Schicksalen seiner jüdischen Leidensgenossen in Sachsenhausen: Körperliche Arbeit, die jeden innerhalb weniger Monate tötet, oder Objekt für medizinische Experimente, was noch grauenvoller denselben Ausgang hat…

Es sind nicht nur Juden (gelber Stern) im Lager. Der Capo (grünes Dreieck, also Schwerverbrecher) schiebt einen schmalen jungen Mann herein: Hans, rosa Dreieck, ein Homosexueller. Er hat behauptet, er könne Uhren reparieren, wovon er keine Ahnung hat. Hirschfeld beäugt den Neuankömmling. Zwei, die sich an langen Arbeitstagen aneinander gewöhnen, anpassen müssen, obwohl sie so diametral verschieden sind – und jeder die Vorurteile in sich trägt: Schwulensau – mieser Jude. In einer Szene, wo sie aufeinander losgehen, werden sie sich mit allem beschimpfen, was Vorurteile und schlechte Gewohnheiten in aller Bitterkeit aus den Menschen hervorholen.

In vielen kleinen Szenen zeichnet Dan Clancy nun notwendige Annäherungen, Lebensgeschichten, Überlebensgeschichten, die klein und schäbig und doch rettend sind, Hoffnung und Verzweiflung. Sie treffen sich fast in der Welt der Oper, wobei Hans der Puccini-Fan ist, Ben jener von Verdi, und gemeinsam schmettern sie für eine Lager-Präsentation (die dann nicht zustande kommt, weil das Rote Kreuz schnell weitergereist ist) das Duett aus „Don Carlos“ – kläglich anzuhören, aber aus vollem Herzen…

Es gibt viele schier unerträgliche Szenen in dem Stück, etwa als Hans als Ablenkungsmanöver den Capo verführt oder als am Ende die Entscheidung getroffen werden muss, wer zurückbleibt, als man nur noch einen Uhrmacher braucht… aber die Unmenschlichkeit erzählt auch immer nur Menschengeschichten, die ganz, ganz tief unter die Haut gehen.

Timekeeers x die drei

Die Vorlage ist exzellent, auch weil sie das Geschehen nie ist Plakativ-Theatralische überdreht, aber sie käme nicht zu solcher Wirkung, hätte hier Regisseur Robert G. Neumayr nicht in einem schlichten Pawlatschen-Gefängnis-Bühnenbild auf der Nudelbrett-Bühne mit einer so überwältigend stimmigen Besetzung gearbeitet. Eric Lomas ist der schmale Schwule, der nicht nur einmal mit Exzentrik seine Verzweiflung übertüncht, der alles über ein Leben als Außenseiter und Gedemütigter weiß und der gelernt hat, alles zu tun, um zu überleben: atemberaubend. Von gleicher Intensität James Sbano als der alte, raue, verschlossene  Jude, der nur in der Hoffnung lebt, seine Familie wieder zu sehen, und der den Glauben an alles verloren hat – bis ihn Hans doch wieder lehrt, zumindest ein wenig an die Menschen zu glauben. Der „hässliche“ Capo ist mit Alan Burgon, ganz auf „grob“, ideal besetzt – und auch nur ein Mensch, wenn auch entschieden primitiver als die beiden anderen.

Im Publikum war auch der Autor des Stücks, der es in den letzten zehn Jahren in 16 Ländern gesehen hat. Daran, wie ihn die Wiener Aufführung begeisterte, ließ er keinen Zweifel. Die Zuschauer waren seiner Meinung. Hochgradig sehenswert.

Renate Wagner

Bis 12. April, Dienstag bis Samstag, KIP – Theater im Cafè Prückel, Biberstraße 2,  1010 Wien
www.openhousetheatre.at

 

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