WIEN/OFF-Theater: das.bernhard.ensemble / Sophie Resch mit „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“
Es ist eine Krux mit dem Feminismus. Nicht nur, dass seine Anhängerinnen (und Anhänger) ein argumentativ und ideologisch ziemlich inhomogenes, teils sogar zerstrittenes Völkchen sind, sondern auch, weil seine Gegner die ökonomische und politische Macht immer noch fest in ihren starken Händen halten. Das Bernhard-Ensemble treibt unter der Regie von Sophie Resch Sonden in Köpfe, Herzen und die Gesellschaft und nennt diese theatral-choreografische Untersuchung „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“.
Sie stellen den Feminismus in sein historisches und aktuelles Umfeld. Das neueste Mash-up des Bernhard-Ensembles ist inspiriert von Elfriede Jelinek und vom 2024 achtfach Oskar-nominierten Barbie-Film Greta Gerwigs, in dem das makellose Barbie-Land konfrontieert wird mit der realen Welt und ihren seit jeher geltenden Regeln. Barbie versucht, sich diesen zu stellen. Ken aber entdeckt für sich die Vorzüge des Patriarchats.

„Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“ (c) Walter Mussil
Dieses interdisziplinäre Theater-Ereignis nun ist kein „Barbie – The Movie“ zum Anfassen. Und doch ist cineastische Anmutung gewollt. Über das Pinke des Films und dessen Bild-Ästhetik hinaus wird der Kenner inhaltliche inspiratorische Quellen finden. Die Suche danach allerdings könnte die geschickte Dramaturgie dieses gut 100-minütigen und trotzdem äußerst kurzweiligen Stückes perforieren. Denn bald schon fällt ein Buch vom Himmel, das Perspektiven dreht und Denken wendet.
Eiligst verschlungen ist es wie die Eingießung eines unheiligen Geistes. Mit ihm fährt die Weltsicht der Elfriede Jelinek wie ein göttlicher Blitz in die Glieder der poppigen Insolvenzerin, äh Influenzerin Babsie (herausragend: Rina Juniku), die ihren gackernden Followerinnen (Leonie Wahl, Yvonne Brandstetter und Ylva Maj) bis dahin mit Einkaufstipps und sich mit monetären Seiteneffekten ihre egozentrisch-hedonistische Existenz versüßpinkte.
Die Folge: Feministisch durchgeistigt und auch fürderhin von ihrem neurotischen Waschzwang gepeinigt (womit auf lang zurückliegende, sie „beschmutzt“ zurücklassende Erlebnisse hingewiesen wird) beschließt Babsie den Exodus aus wohlsituierter Wiener Zentrumslage in einen Rand-, sprich Brennpunkt-Bezirk, um sich dort an der Kassa eines Lebensmittel-Discounters dem Kampf mit dem Patriarchat zu stellen.
„BABSIE“, im Bild: Juniku, Kohlhofer, Maj (c) Nadine-Melanie Hack
Dem armseligen Nice-Ken (seiner Babsie ebenbürtig: Christian Kohlhofer) geht das mächtig gegen den Strich. Schließlich aber folgt er seiner jungen Liebe in das proletarisch dominierte Ottakring. Auch ihm, dem durch den Feminismus in seinem Selbstverständnis zutiefst Verunsicherten, ist Wachstum beschieden. Aus dem winselnden Waschlappen schälen drei in der Raucher-Vitrine des HofHER ausgestellte, um die Wette wichsende Super-Prolos (ebenfalls von den drei Followerinnen gespielt) den Kern eines echten Mannes. Aus weinerlicher Devotion wird selbstgerechter Despotismus. Mit neuem, adäquatem Frauen.Feind.Bild.
Der „Chef“ klebt lange an der Tür im Hintergrund. Superprolo-Ken (Ernst Kurt Weigel) in seiner Eigenschaft als Marktleiter spielt mit dem rauen Charme der Arbeiterklasse, seiner Macht kraft Hierarchie und subtilen Strategien der Erlangung und Sicherung von männlicher Überlegenheit. Das Objekt seiner rein körperlichen Begierden, die Neu-Feministin Babsie, spielt mit. Frisch befördert führt sie den drei Wixern den Unterschied zwischen „Nein“ und „Ja“ vor Augen respektive in den Anus. Eine der stärksten Szenen des Stückes, weil sie verbal genial komponiert ist und kompakt die Welten maskuliner Begierden und femininer Emotion konfrontiert. Und, natürlich, patriarchal geprägte Machtverhältnisse aufzeigt und diese schließlich mit ihren eigenen Waffen zerlegt.

„BABSIE“, im Bild: Juniku, Weigel (c) Nadine-Melanie Hack
Eben jene drei tanzen in einer Choreografie von Leonie Wahl am Boden sitzend einen Tanz, der Aspekte klassisch-klischeehafter Männlichkeit gestisch formuliert. Wunderbar. Die drei Frauen an den Kassen hingegen (ihre Doppelrollen fordern von den drei Schauspielerinnen eine gehörige Bandbreite) diskutieren aus verschiedenen Perspektiven das Sein als Frau und Mutter (köstlich die Entbindungs-Szenen der Yvonne Brandstetter). Klischees von Weiblichkeit treiben die eine, ihre Mutterschaft die andere. Durch das Piepsen der Scanner der Kassen des HofHER heben wütende, fast extremistische, doch rational schlüssige Tiraden der Dritten den Diskurs aus der individuellen in die philosophische Welt. Und sie kassieren sich tanzend in die Erschöpfung, bevor sie sich ihren vielen anderen unbezahlten Aufgaben widmen.
Selbstbilder treffen aufeinander. Strukturell gestützte männliche Selbst-Herrlichkeit und -Gewissheit steht einem tief eingegrabenen weiblichen Selbsthass gegenüber, dem mit Positivities verschiedenster Couleur begegnet wird. Diverseste Positionen, die die Sicht von außen, oben, links, rechts oder innen auf das Verhältnis von Mann und Frau, auf die zementierte Macht der Männer, auf patriarchale gesellschaftliche und ökonomische Architekturen und auf die Auswirkungen dessen auf das Unbewusste der Menschen haben, werden mit Einwürfen von Statements als die Komplexität des Themas zusätzlich erhöhende Beiträge in das Spiel eingebaut.

„BABSIE“, im Bild: Brandstetter, Kohlhofer, Wahl, Maj (c) Nadine-Melanie Hack
Die Emittenten dieser Statements: Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart, aus Literatur, Philosophie, Psychologie, Wirtschaft und Politik. Und Melania Trump. Neben Simone de Beauvoir, Sigmund Freud, Mark Zuckerberg, Andrew Tate, Ben Hobbs und anderen. Das Stück bettet den Feminismus ein in Positionen, mit denen er kämpft. Es macht sichtbar, mit welchen Widerständen er ringt, gleichzeitig auf wie fundierte Fürsprache er baut. Die Vielfalt der Haltungen, die inneren Konflikte und die verfestigten, weil historisch gewachsenen patriarchalen Prägungen der mit diesem Thema Konfrontierten werden zu einem lebendigen Psychogramm einer männerdominierten Gesellschaft.
Zugleich, weil pars pro toto, wird das Stück zum Abbild einer Welt, in der Frauen furchtbare, gewaltvolle Unterdrückung erfahren und sich, so gut sie können, gegen sie erheben. Durch die Taliban in Afghanistan, das Mullah-Regime im Iran, in Afrika, Asien und Amerika, überall auf der Welt werden Frauen diskriminiert und mit struktureller psychischer und physischer Gewalt in ihren Rechten eingeschränkt. Hebt man den Blick aus mitteleuropäischer Nabelschau, relativiert sich vieles. Dennoch: Es bleibt auch hier bei uns noch viel zu ändern.

„BABSIE“, im Bild: Wahl, Juniku, Weigel, Maj, Brandstetter (c) Walter Mussil
Ungemein witzig und dann wieder ziemlich bewegend, prall gefüllt mit Perspektiven und Aspekten und dynamisch inszeniert. Das Bernhard-Ensemble bleibt sich in dieser Hinsicht auch unter der Gast-Regisseurin Sophie Resch (selbst Ensemble-Mitglied und 2024 mit dem Nestroy Spezialpreis für ihr Regiedebüt „Oskar Werner – Kompromisslos in die Wiedergeburt“ geehrt), treu. Das Stück stellt psychische Landschaften aus und lässt sie aufeinanderprallen, seziert sie, lässt durch die Textur der argumentativen Oberflächen das Eigentliche scheinen: Tief vergrabene Sehnsüchte, erlittene Verletzungen und Verluste, Ängste und vor allem aber den Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung.
Und über allem schwebt, alles durchdringt, verfärbt und entstellt die Kapitalisierung und Korrumpierbarkeit von allem und jedem, von Körpern, Sehnsüchten und Bedürfnissen, von Argumenten und Ideologien, von Hierarchien und Beziehungen, von Selbst- und Nächsten-Liebe und des Feminismus selbst.
Die Komplexität des Themas macht einen schier kirre, die Vielfalt an Perspektiven ist verwirrend demokratisch. Unserem Lechzen nach klaren Vorschlägen für lebbare Maximen für den Umgang mit dem so kontrovers besprochenen Thema, nach einfachen, und doch nicht vereinfachenden, aber bitte irgendwie greifbaren Positionen entzieht sich diese Arbeit. Sie erzwingt den Blick in den Spiegel, der sie ist.

„BABSIE“, im Bild: Weigel, Juniku (c) Walter Mussil
„Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“ ist ein starkes Stück Theater, Tanz, Musik (von Bernhard Fleischmann), Kostüm (die knallbunten und doch pinken Roben von Julia Trybula sind eine Augenweide), Bühnenbild (von Eva Grün und Ernst Kurt Weigel) und (ja!) Gesang (Weigel beeindruckt mit einem Rock-Song, bevor einem Ylva Majs heller Sopran die Kiefer-Muskulatur entspannt), inhaltlich-habituell und stilistisch weit entfernt von vielen aus aktivistischen Tunneln rufenden Arbeiten, aufwändig recherchiert, thematisch hoch komplex, weil kaum eine mögliche Perspektive vernachlässigend, brillant gespielt und dramaturgisch komponiert und mit vielen choreografierten Details durchsetzt. Die sechs auf der Bühne bereiten sehr viel Freude, dem Auge, dem Ohr, dem Zwerchfell und dem Hirn.
Doch auch die Kraft der zum Feminismus konvertierten Babsie, die ihre Followerinnen schließlich zur Selbstermächtigung ermutigt, ist brüchig. „Das Wunderbare“, wofür sie kämpft, scheint wie eine Fata Morgana am gesellschaftlichen Horizont (also hinter der Tür dort) zu geistern. Das finale „Wir sind viele!“ ruft uns alle auf den Plan. Auch die Männer!
das.bernhard.ensemble / Sophie Resch mit „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“ am 17.03.2026 im OFF-Theater Wien. Insgesamt 18 Vorstellungen bis 09.05.2026.
Rando Hannemann

