WIEN/ OFF THEATER: das.bernhard.ensemble mit „KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“
Das Theaterstück „Kein Platz für Idioten“ von Felix Mitterer aus dem Jahr 1977 und der schon bald nach seinem Erscheinen 2019 zum Kultfilm avancierte „Joker“ von Todd Phillips waren Inspirationsquellen. Mehr nicht. Sie lassen bereits erahnen, dass es in dem neuesten Mash-Up des Wiener Bernhard Ensembles (wieder einmal) blutig werden könnte. Gewalt und ihre Wurzeln aber sind nur einige der vielen Themen von „KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“.
Die ständig wachsende Fangemeinde des Ensembles hat bereits vielfach erleben können, dass die Vorlagen wirklich nur Anhaltspunkte für die Erarbeitung ihrer Mash-Ups liefern. Diese von Regisseur, Autor, Schauspieler und Gründer des Bernhard-Ensembles Ernst Kurt Weigel kreierte und im Jahr 2011 erstmals angewandte Methode zur Entwicklung von inzwischen hybriden Bühnenwerken brachte schon Nestroy-Nominiertes und -Prämiertes hervor.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Kohlhofer, Jaslikowski, Maj (c) Nadine-Melanie Hack
Hier nun laden sie ins Bierzelt mit den dort üblichen Bänken und Tischen, mit Partymusik und Anheizer. Gar zünftig ist‘s im Stadl zu Wien-Neubau, das zur Bühne wird für eine menschliche Komödie, die doch auch und eigentlich eine Tragödie ist. Acht Performende schaffen es, ein riesiges Spektrum an Befindlichkeiten und Strategien, Erlebtem und Erlittenem, Ererbtem und Erworbenem, Pathologischem und Neurotischem, Historischem und Gegenwärtigem zu einem lebendigen, fast zweistündigen Theater-Tanz-Gesangs-Spektakel zu verweben.
Die Charaktere entwickelte das Bernhard-Ensemble in gemeinschaftlicher Arbeit. Sie streifen schon vor Beginn der eigentlichen Vorstellung durch die Reihen, kontaktieren das Publikum auf ihre ganz eigene, rollenspezifische Weise. Clownesk maskiert im Dirndl Joksie (Ylva Maj), in der Krachledernen Jokes (Leonie Wahl). Als Paar jede Szene mimisch-gestisch irgendwie kommentierend, karikieren sie das Patriarchat als Fetisch und Götzen. Und des Volkes Sinn. Gedanken, Meinungen, Vorurteile, nicht ausgelebte Triebe, Traditionen, Konventionen und materielles, geistiges und psychisches Erbe werden durch sie physische und gestische Realität. Gleich zu Anfang treten sie schon mal den Sonderling Sebastian zu Boden.
Der, von Anfang an geschminkt wie jener Joker im Film (jeder kennt die Maske des von Joaquin Phoenix, später dann von Heath Ledger dargestellten Bösewichtes), möchte Komiker werden. Sein merkwürdiges, situativ oft unangebrachtes, weil stressbedingtes Lachen aber und seine psychischen Belastungen aus Kindheit und Jugend machen ihn, weil er es nicht verdeckt, zum Außenseiter. Bei einem Wahlkamp-Auftritt und im AMS vermag er so gar nicht zu überzeugen. Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Resch, Zangger, Jaslikowski, Maj (c) Günter Macho
Durch den Abend führt uns die Stimmungskanone Dominik Heisl. Christian Kohlhofer führt uns einen unter der Oberfläche seines lärmenden Frohsinns selbstgefälligen, rassistischen, ausgrenzenden Apologeten der einfachen Erklärungen vor, brillant gespielt mit seinem überbordenden Selbst- und Sendungsbewusstsein.
Von solchem ebenso erfüllt erleben wir den wahlkämpfenden Bürgermeister-Kandidaten, dessen hohles, mit Verve von oben herab auf die Massen verspritztes Geschwätz das Gerede so manch eines lebenden Politiker-Vorbildes als wortreiche, unvollendete Worthülsen so treffend persifliert. Matthias Böhm versprüht weltmännisches Selbst- und gesellschaftspolitisches Unverständnis par excellence. Seine von Karrierezielen und Machtinteressen verschütteten menschlichen Qualitäten werden später dann eine Katastrophe auslösen.
Des Kandidaten Sohn Bruce wird als klassenbewusster, Anzug tragender Vertreter einer Generation von wirtschaftlichen und ideologischen Erben eingeführt. Doch Brent Larsen, Schauspieler mit Down-Syndrom, nutzte seine Rolle und die Freiheiten bei der Erarbeitung des Stückes für einen überraschenden, das Stück final in seinen Fundamenten berührenden Beitrag. Er mutiert, nach einer Rede für Toleranz und Wertschatzung, zu Batman mit der Fledermaus-Maske und zum Verbündeten des Joker.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Maj, Jaslikowski, Wahl, Zangger (c) Nadine-Melanie Hack
Sophie Resch, die gemeinsam mit Ernst Kurt Weigel die Dramaturgie erarbeitete, gibt eine AMS-Beraterin. „Die eine, die immer raucht.“ Mehrfach noch wird jener Popsong, der auf manipulatives Oberflächen-Blendwerk weist, das verborgene seelische Nöte vor dem sozialen Umfeld verbergen soll, angepasst zitiert. Ihre Sonja ist die Verkörperung gesetzestreuer Paragrafen-Reiterei und systematischer Unterdrückung sozial Schwacher.
Der Hinweis auf ihren Machtmissbrauch ist nicht der Einzige in diesem Stück. Ihre Hilflosigkeit im Umgang mit den Interessen und Wünschen ihres Kunden Sebastian Joker und andererseits ihre unerfüllte Sehnsucht, einen Sohn wie ihn zu haben, führen sie in Empathielosigkeit, unnachgiebige Härte und Despotismus. Ihre Figur verdichtet die Fragwürdigkeit eines Systems in einer Person und einer Kundenbeziehung, zugleich ihre und die Entfremdung ihrer Kundschaft durch eben dieses System.
Sebastians Mutter, gespielt von Jula Zangger, schält sich erst spät aus der Masse der Bierbänkler. Ihr Sohn ist das Ergebnis eines Seitensprungs des jetzigen Bürgermeister-Kandidaten, der sie umgehend fallen ließ. Auch, indem sie ihren Job in seiner Nähe verlor. Und damit auch das bisschen Bedeutsamkeit, die sie seit dem nie mehr erlangte. Für nichts und niemanden. Ihren Hass auf Männer wendet die häufig Missbrauchte und in dessen Folge psychisch Dissoziierte gegen ihren eigenen Sohn, den sie seit Anbeginn erniedrigt, diffamiert und beleidigt. Sein Leid lässt sie ihr eigenes leichter ertragen.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Kohlhofer, Jaslikowski, Böhm (c) Nadine-Melanie Hack
Und der, Sebastian „Basti“ Joker, lebt lange noch verständnisvolle Nachsicht gegenüber der Tyrannin. Andrzej Jaslikowski übernahm die komplexeste Figur des Stückes. Er repräsentiert mannigfaltige Randerscheinungen der Gesellschaft: den Künstler und die Kunst, das Kind einer psychisch kranken Mutter und somit ihren seelischen Erben, einen Arbeitslosen mit ungeradem Lebensweg, einen hochsensiblen Beobachter der Gesellschaft, ein Mobbing-Opfer, Außenseiter, einen, der Freude will und Böses wird, ein gewalttätiger Rebell. Seine Melancholie wuchs aus den Schuldgefühlen, mit denen seine Mutter seine Seele fütterte. Er spielt nicht laut, nicht überdreht, nicht aufgesetzt. Die Tränen, die ihm fließen, wenn der Vater ihn in grausamer Weise verleugnet, rühren jedes Herz, das auch nur etwas weicher ist als Stein. Einfach Großartig.
Und dann kocht alles über. Wut und Hilflosigkeit münden in Gewalt. Die Repräsentanten der Unterdrückung müssen sterben. Bürgermeister-Kandidat / Vater, Mutter, AMS-Beraterin und der Entertainer Dominik Heisl werden getötet. „Das Leben ist schön für Leute mit Jobs und Beziehungen und die Angepassten.“, sagt nun Andrzej Jaslikowski, nicht der Joker.
Getanzt wird in der Choreografie von Leonie Wahl. Und dieses Mal erstmals auch gesungen. Ylva Maj, selbst mit wundervollem Sopran beschenkt, studierte die Chor-Szenen ein. Eva Grün und Alex Grüner schufen die Ausstattung, Julia Trybula die Kostüme. Der Sound von Bernhard Fleischmann, an seiner Seite Ernst Kurt Weigel als Goldketten- und Trainingsanzug-dekorierter Feier-Prolet, strukturiert das Stück in Szenen schnell wechselnden und höchst unterschiedlichen Charakters. Film- und Partymusik, Schlager und elektronische Klänge erzeugen gemeinsam mit dem Lichtdesign von Max Smirzitz und Andreas Schmidt einen Hauch von Filmästhetik.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Wahl, Jaslikowski, Larsen, Maj, Böhm, Resch (c) Nadine-Melanie Hack
Das Bernhard-Ensemble zeigt sich wieder einmal als ein Herausragendes. Die Herangehensweise Ernst Kurt Weigels, die Stücke gemeinsam zu erarbeiten, erzeugt immense Komplexität, erlaubt verschiedene Handschriften und Stile, gibt den einzelnen Akteuren viel Freiheit für Authentizität und verschmilzt die beteiligten Gewerke zu einem organischen Ganzen. Das Resultat: Eine tragikomische Wirklichkeitssatire mit einer Fülle an lokalen, historischen und aktuellen Bezügen, mit Witz und Bitterkeit, Ironie und real existierendem strukturellem, ökonomischem, politischem und Unterhaltungs-Wahnsinn und emotionalem Tiefgang.
Sie weben der Gesellschaft ihr Leichentuch, mit dem sie ihr Gesicht bedeckt, um das Eigentliche nicht ansehen zu müssen. Weil ihr die Konzepte fehlen zur Selbstheilung, die mit der Heilung ihrer kleinsten Bausteine, der Menschen, beginnen muss. Die angenehme Dumpfheit, von der sie in dem von Weigel ins Wienerische übertragenen Song „Comfortably Numb“ (1979 erschienen auf dem Konzept-Album „The Wall“ von Pink Floyd) am Ende singen, beschreibt die physische und psychische Taubheit der Hauptfigur Joker, der sich so von der Realität abschottet, wie auch die einer neoliberalen Leistungs-Gesellschaft, in der für Menschen und Konzepte jenseits der Normen sowie für alles, was sich nicht renditestark kapitalisieren lässt, kein oder zu wenig Platz ist.

„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“: Wahl, Jaslikowski, Zangger (c) Walter Mussil
„KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“ zeigt Menschen, die um ihre Würde kämpfen, die um persönliche Integrität und ihren Selbstwert ringen. Das Stück demonstriert eine zerrissene Gesellschaft und es weist auf die eigentlichen Ursachen der Gewalt. Dass all die Ideologien, die in den viel zu vielen psychisch Gestörten leicht einzufangende Erfüllungsgehilfen finden, zu gern mit den Ursachen verwechselt werden, ist verständlich. Weil die Verantwortung, die jeder Einzelne von uns trägt, solcher Art einfach und vollständig abgelehnt werden kann. Aber dieses Stück legt seinen Finger wie schon einige Mash-Ups zuvor in die tiefste, tödliche Wunde der Gesellschaft. Und lässt ihn drin, den Stachel im Fleische des Selbstbetrugs.
das.bernhard.ensemble mit „KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER“ am 03.11.2026 im OFF THEATER Wien. Weitere 16 Termine bis 29.01.2027.
Rando Hannemann

