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WIEN /Odeon: UNICORN ART/Nadja Puttner: HIRAETH

09.11.2019 | Ballett/Tanz

Odeon Nadja Puttner Hiraeth (Ballett/Tanz)

WIEN /Odeon: UNICORN ART/Nadja Puttner: HIRAETH am 7.11.2019

Sind wir, was wir meinen zu sein? Gibt es etwas, das wir weder erlebten noch von ihm erzählt bekamen, das dennoch in uns ist und das unser Selbst-Bild und das von der Welt beeinflusst? Können die Traumata der Kriegsgenerationen „vererbt“ werden? Diesen Fragen widmet sich das Tanz-Theater-Stück „Hiraeth – I carry someone else’s memory“ von Nadja Puttner, nun in einer umbesetzten Neufassung im Odeon präsentiert.

Ihren Großeltern, zwei Kärntner Slowenen, aktiven Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime, widmete Nadja Puttner, ausgebildet in Ballett, zeitgenössischem Tanz und Musical und Leiterin des Vereins für Tanztheater Unicorn Art, ihre zwischen Tanz und textreichem Theater angesiedelte, 2017 erstaufgeführte Performance. In dieser umbesetzten Neufassung begleiten sie Mara Kluhs als strahlkräftige Ko-Performerin und der Kontrabassist Edoardo Blandamura. Musikalisch lebt das Stück von eingespielten Liedern, elektronisch erzeugten Klängen und vor allem vom live gespielten Kontrabass.


Hiraeth: Nadja Puttner, Mara Kluhs, c: unicornart

Zwei Stühle, ein Ledersessel und ein auf den Boden geklebtes weißes, mittig geteiltes Rechteck, das zum Sinnbild zweier eingeengter seelischer Lebensräume wird, geben die Bühne für die knapp zweistündige Arbeit. Das Lichtdesign setzt die neoklassizistische Architektur, die den Bühnenraum des Odeon rahmt, wirkungsvoll in Szene, so wie mit Decken- und Seitenlicht die DarstellerInnen.

Die beiden Tänzerinnen führen uns mit Schauspiel und Tanz in Kindheit, Jugend und Älterwerden von Nachgeborenen der Kriegsgenerationen. Wir kennen es, das erzwungene Aufessen mit dem Hinweis auf die Kartoffelschalen, von denen sie sich ernähren mussten, das gefügig Machen der Kinder mittels Erzeugung von Schuldgefühlen. Wenn die beiden Tänzerinnen nach wortreichem Theater ihre Körper sprechen lassen von dem, was da tief eingeschlossen in den Seelen arbeitet, erreicht das Stück Höhepunkte. In Soli und Duetten, raumgreifend mit akrobatischen Hebungen, gefühlvollen Passagen und skulpturalen Elementen erzählen sie von ihren Verletzungen und Sehnsüchten, ihrer Vereinzelung und der „emotionalen Nulldiät“ als Folge ungelebter Nähe, geben der Entmutigung durch ständige Vorwürfe und Entwertung ihrer selbst körperlichen Ausdruck. So wie ihrer Angst, Verzweiflung und den diffusen seelischen Qualen. Der Bassist Edoardo Blandamura wird mit seiner Musik zum facettenreichen, einfühlsamen Begleiter, zum verständnisvollen Gesprächspartner der Tänzerinnen.


Hiraeth: Edoardo Blandamura, c: unicornart

Und diese eingepflanzten Schuldgefühle, das kontinuierlich unterminierte Selbstwertgefühl,

die erworbenen inneren Blockaden, das Schweigen der Ahnen führen in Sprachlosigkeit, die Mara Kluhs mit spürbarem Schmerz ins Publikum stammelt.

Wohin führt die unbewusste Weitergabe der Wirkungen traumatisierender Erlebnisse auf die Psyche? Wer sich selbst nicht akzeptiert, liebt, kann den Anderen nicht akzeptieren, lieben. Wer sich selbst fremd ist, fürchtet das Fremde nicht nur in sich, grenzt sich ab von jenem angsteinflößenden dunklen Unbekannten in sich und dort draußen. Die Ausgrenzung Andersartiger findet nach dem Ausleeren einer Tonne voller Vorurteile gegen Geflüchtete ihren dramaturgischen Höhepunkt in dem Ausruf „Sicher net!“ („überlassen wir den Ausländern unser schönes Land“), in den 15 im Publikum verteilte schwarz gekleidete Menschen (junge TänzerInnen, die eine Tanz-Ausbildung in Nadja Puttners Unicorn Art Dance Studio absolvieren), einstimmen und maskiert die Bühne erobern. Wie ihren Gräbern entstiegene untote Ungeister, wie die Inkarnation verkrüppelter Seelen staksen sie umher, formieren Gruppen, kauern einzeln an den Säulen. Vieldeutig agieren sie wie die in uns allen lauernden Schatten der Vergangenheit, wie die anonymisierte Masse, die im Internet ihren Feindseligkeiten freien Lauf lässt und die schließlich ihre verrohte faschistoide Attitüde im realen Leben ausagiert.


Hiraeth: Nadja Puttner, Mara Kluhs, c.unicornart

„Hiraeth“ – der walisische Terminus „Hiraeth“ bezeichnet etwas wie Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach einem Zuhause, ein bittersüßes Sehnen nach etwas, das wir nicht kennen, für das wir dennoch dankbar sind – diskutiert die komplexen individualpsychologischen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit und letztlich Faschismus und deren vergesellschaftete Formen und Tendenzen. Fein beobachtet, scharf analysiert und eindrucksvoll gespielt und getanzt gerät das Stück zu einem flammenden Manifest gegen Ausgrenzung, Gewalt und Krieg, für das Durchbrechen des ewigen Kreislaufes unreflektiert fortgelebter Verletzungen und seelischer Verstümmelungen und für die Übernahme von Verantwortung, für sich selbst und somit für die Menschheit. Was ist die Lösung? Ein erfülltes Leben!

Und als letztes Lied erklingt, wie zu Beginn, das deutsche Soldaten- und Abschiedslied „Muss i denn zum Städtele hinaus!“ Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Rando Hannemann

„Hiraeth – I carry someone else’s memory“ von Nadja Puttner, gezeigt am 07. November im Odeon Wien.

 

 

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