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WIEN/ Odeon/ ImPulsTanz: „TANK“ von Doris Uhlich und Boris Kopeinig

15.07.2019 | Ballett/Tanz

Wien/ ImPulsTanz: „TANK“ von Doris Uhlich und Boris Kopeinig im Odeon


Doris Uhlich (AT) – TANK © Katja Illner

Ein Solo über die Angst vor dem Leben. Nebelgefüllt und fast ein wenig verloren steht ein Glaszylinder mitten auf der Bühne. Elektronischer Sound wabert dunkel, bedrohlich beinah. Eine Hand drückt sich an das von unten beleuchtete Glas, dann ein Fuß. Der Nebel lichtet sich langsam, langes Haar, schließlich eine nackte Frau werden sichtbar.

Doris Uhlich, in Oberösterreich geboren, in Wien lebend und mittlerweile international tätig und geschätzt, knetet ihren Bauch, schüttelt ihre Beine, als stünde sie auf einem Vibrationsboard, presst ihren Körper an die gläserne Wand, kreiselt am Glaszylinder, dass einem schon beim Zuschauen schwindlig wird. Und sie hält auch inne. In völliger Stille regungslos, spürt man die Spannung im Publikum. Sie spricht und singt. Von der Transparenz, in der wir leben, von Robotern, die weder schwitzen noch scheißen, davon, dass sie schwitzen und stinken will, denn Roboter tun das nicht. Und über ihren Körper, dessen Teile eine Atem-, Ess-, Schwitz- und Scheiß-Maschine sind.

Der von Boris Kopeinig live eingespielte elektronische Sound entwickelt sich vom düster Flächigen zu rhythmischeren Strukturen. Überraschend selten wummern die Beats, die so prägend sind für die vielen bisherigen Arbeiten dieses kongenialen Künstler-Paares (beide übrigens entwickelten Konzept und Texte dieser Performance). Auch harmonische Akkorde unterlegt er ihrer teils verfremdete Stimme.


Doris Uhlich (AT) – TANK2 © Katja Illner

Der vom Berliner Kollektiv Proper Space gebaute Zylinder aus Plexiglas wirkt im Licht von Sergio Pessanha wie ein Reagenzglas aus Science-Fiction-Filmen (in „Avatar“ zum Beispiel werden in ähnlichen Behältern die Körper der Na’vi, einer extraterrestrischen Zivilisation, nachgezüchtet). Dieser auf vier schrägen Beinen ruhende Zylinder steht für vieles. Er grenzt ab und isoliert, er schützt ein Innen vor einem Außen und umgekehrt, er gewährt Ein- und Aussicht und ist Retorte und Reaktor.

Später einmal erscheint ihre Mutter Gertraud Uhlich, umkreist, eine Zigarette rauchend, langsam den Zylinder, in dem ihre Tochter nackt und regungslos steht. Aus der Distanz blickt die reife, lebenskluge Frau mit Verwunderung, Unverständnis, aber auch mit Nachsicht auf das gläserne Gefäß. So einfach und so wirkmächtig kann das sein: ein suchender, rast- und ratloser Geist und eine wissende Seele.

Doris Uhlich verlässt auch einmal den Zylinder. Sie singt davon, ihr intelligentes Auto narren zu wollen. Aber dieser Ausflug in die Freiheit währt nur kurz. Zurück in der vertrauten Umgebung füllt sich der Bottich schlagartig mit Nebel. Denn sie will sich gar nicht sehen, weder ihren Körper, viel weniger noch ihre Seele. Und sie will nicht gesehen werden, wie sie ist.


Doris Uhlich (AT) – TANK3 © Katja Illner

„TANK“ ist eine komplexe und vielschichtige Arbeit. Die physischen, technologischen und chemischen Reagenzien zur Synthese optimierter menschlicher Körper versinnbildlichen das eigentliche Dilemma: Der einen ungeheuren gesellschaftlichen und sozialen Druck empfindende postmoderne Mensch unterwirft sich unreflektiert normierenden Ideologien. Er macht sich zum Opfer seiner übernommenen, selbstsabotierenden Überzeugungen. Die Retorten-Menschen leben längst unter uns, die Profile auf Facebook und Co. sprechen beredt von solchen Wunsch-Identitäten. Die Angst vor der Freiheit, vor dem Unwägbaren und Ungewissen, vor dem Dunklen, Abgründigen und Ungewollten in uns, vor der Veränderung, die nun einmal uns und das Leben ausmachen, erzeugt Kontrollfreaks. Das Anorganisch-technologische erscheint da vielen als (Er-) Lösung. Das Leben aber lässt sich nicht kontrollieren. Wer es tun will, will es töten. Und so gerät diese Performance zu einem Manifest für das Lebendige mit all seinen Facetten und Aspekten. Es geht darum, sich selbst und das Leben anzunehmen, ohne Einschränkungen.

Das ausverkaufte Odeon feierte die nackte Doris Uhlich.

Rando Hannemann

Wien: ImPulsTanz-Festival: „TANK“ von Doris Uhlich und Boris Kopeinig im Odeon, 12.+14.07.2019

 

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