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WIEN / Neue Oper Wien: OREST

29.10.2014 | Oper

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WIEN / Neue Oper Wien in der Halle E im MuseumsQuartier:
OREST von Manfred Trojahn
Premiere: 28. Oktober 2014 

Wenn es Stoffe der Weltliteratur gibt, die (begabten) Künstlern aller Zeiten offen stehen, dann sind es wohl die archetypischen Vorlagen der Antike, von Ödipus, Medea, Antigone und vielen mehr – und natürlich immer wieder und vor allem die weit verzweigte Familie der Atriden. Iphigenie leidet in Gluck-Gestalt derzeit noch im Theater an der Wien, und die Neue Oper Wien zeigt uns im MuseumsQuartier, wie der deutsche Komponist Manfred Trojahn ihren Bruder  Orest sieht. Dieses Werk wurde von De Nederlandse Opera 2011 in Amsterdam uraufgeführt, die Neue Oper Wien (die schon 1998 Trojahns Pirandello-Vertonung „Enrico“ spielte) stellt es nun uns vor.

Zwar leuchtet die Themenwahl auf Anhieb für unsere Welt nicht unbedingt ein – der gehetzte Muttermörder, der bei Trojahn immer weiter und weiter mordet, bis er den Teufelskreis endlich durch Verweigerung durchbricht, erscheint nicht unbedingt ein allzu zeitgemäßes Problem anzusprechen.

Aber, wie gesagt, Künstler dürfen wählen, und Trojahn wählte diese Schreckensgeschichte, die er auch noch selbst als Librettist verfasste. Davon bekommt der Zuhörer nicht allzu viel mit, da das Programmheft den Text leider nicht abdruckt, die Musik und vor allem die Führung der Singstimmen überdies akustische Verständlichkeit nicht unbedingt fördert – und man in der an sich ganz eindrucksvollen Inszenierung des Abends (trotz vorsorglicher Lektüre der Inhaltsangabe) immer wieder draußen vor bleibt, was das Geschehen nun eigentlich bedeuten soll (besonders in den Chor-Aktionen).

Zwar gibt es im Programmheft allerlei vom Komponisten/Autor selbst, aber das ist so hochgestochen und absichtsvoll hochgeschraubt, dass kein Zuschauer etwas damit anfangen kann – grau, teurer Freund, usw., die Theorie nützt nichts, auf der Bühne braucht man eine nachvollziehbare Geschichte. Bekommt man sie?

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Fotos: Neue Oper Wien / Armin Bardel

Die Inszenierung findet in einem Bühnenbild von Nikolaus Webern statt, das einen total verfallenen Bahnhofs-Wartesaal früherer Zeiten bietet – die Metapher für eine Zwischenwelt der Hoffnungslosigkeit? Ein völlig verwahrloster Mann – ja, der abgerissene Sandler ist Orest – irrt zuerst in Stille herum, dann ertönt ein gewaltiger Schrei, als sei er aus der „Elektra“ des Richard Strauss entlehnt – offenbar verfolgt Orest der Todesschrei seiner Mutter Klytämnestra im Gedanken noch immer, und die Musik hilft uns mit raffinierten Effekten schnell dabei, seine verschreckte Gehetztheit nachzuvollziehen. Sind wir bei Strauss vor dem Mord, so bewegen sich hier nach dem Mord Figuren an Orest vorbei.

Zuerst und am wenigsten einsichtig Gott Apoll (der auch Dyonisos sein soll – läuft er deshalb in Verdoppelung mit einer Bauchredner-Puppe herum?), denn wir wollen ja absolut nicht mehr glauben, dass uns die Götter (oder das Schicksal) vorgeben, was zu tun sei, wir sind ja bei der Selbstbestimmung angekommen. Über die Fremdbestimmung von außen spricht Trojahn viel im Programmheft, sichtlich thematisiert wird sie nicht.

Dann erscheint Helena, die Tante des Orest (bekanntlich die Schwester von Klytämnestra), heimgekehrt aus dem Trojanischen Krieg, an dem sie gewissermaßen ja doch schuld ist… später sehen wir zu, wie Orest sie erdrosselt, was eine Soft-Version dessen ist, was sich in Amsterdam abgespielt hat: Dort hat Regisseurin Katie Mitchell (die wir ja mit dem „Wunschlosen Unglück“ im Burgtheater-Kasino nicht eben lieb gewonnen haben) sie per Bohrmaschine an die Wohnzimmerwand nageln lassen. Das bleibt uns ja doch erspart, so sehr Elektra auch wütet und selbst Hand an Menelaos legt, der zwar dümmlich genug erscheint (aber doch nicht wie bei Offenbach, Menelaos der Gute, der Mann von Helena, betrogen war ich ja…).

Und dann gibt es noch Cousinchen Hermione (Tochter von Helena und Menelaos), die Elektra durch den Bruder auch gekillt haben will… aber nein, das tut er nun doch nicht. Vom Gott verzeihen lässt er sich auch nicht (auch das eine nicht nachvollziehbare Libretto-Wendung – warum wird der Mörder „entschuldet“?), aber während er katatonisch verzweifelt starrt, tritt Hermione, die Verschonte, geradezu liebevoll zu ihm. Nein, kein Happyend, aber vielleicht doch versöhnlich gemeint?

Trotzdem: Als Geschichte überzeugen die 80 Minuten nicht wirklich (wie gesagt, man kann nicht beurteilen, was textlich-sprachlich geleistet wurde), und das macht für Philipp M. Krenn die Inszenierung nicht leicht, zumal der Chor mehr als seltsam agiert – Reisende mit Koffer, manchmal offenbar von Viehzeug gejuckt („die Fliegen“ wie bei Sartre?), dann wieder tot am Boden, dann sich wie Erinnyen gebärdend… Und doch funktioniert die Geschichte, die ja im Grunde völlig abgehoben ist, gewissermaßen auf einer absurden Ebene.

Und sie funktioniert vor allem durch die Musik. Trojahn komponiert mit einem festen tonalen Kern, obwohl er es schafft, „modern“ zu klingen – wahrscheinlich sorgt die meist dissonante Behandlung der Singstimmen (vor allem bei den Frauen) dafür. Der Orchesterteil der Musik bestrickt durch Kunstfertigkeit, reiche Schattierungen von wüstem „Aufschrei“ bis zu subtiler Ausformung einzelner Soloinstrumente, Einbeziehung von elektronischen Klängen – kurz, das ist meist ein Klangfest, und Walter Kobéra und das amadeus ensemble-wien, dazu der Wiener Kammerchor, sorgen dafür, dass der Abend Sinn macht.

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Gernot Heinrich, Klemens Sander

Die Sänger haben es nicht so leicht, das Publikum akustisch zu erfreuen, die Männer noch eher – der sonore Klemens Sander als der effektvoll gehetzte Orest, der sehr hohe Tenor Gernot Heinrich mit weißem Clownsgesicht und roter Nase als „Gott“, Dan Chamandy, auch Tenor, als lächerliche Figur Menelaos.

Die Frauen klingen nicht ganz so gut – am besten die wahrlich „schöne“ Helena, die im Griechengewand aus einer Litfasssäule kommen darf und so elegant stirbt: Jennifer Davison. Jolene McCleland hörte sich als Elektra so überfordert an, als müsse sie die Strauss-Partie singen, und die Hermione von Avelyn Francis wird in allerhöchste Höhen gejagt, wo es wirklicht nicht mehr schön ist, nicht für ihre Stimme und nicht für die Zuhörer.

Der Applaus steigerte sich nach den knapp eineinhalb pausenlosen Stunden zu etwas, das man einen schönen Premierenerfolg nennen kann, obwohl es für Werk und  Aufführung ein passendes wienerisches Wort gibt, das „grauslich“ heißt. Aber die Musik hat sich ihren Erfolg verdient.

Renate Wagner

 

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