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WIEN / Nationalbibliothek: NACHT ÜBER ÖSTERREICH

15.03.2013 | Ausstellungen

WIEN / Österreichische Nationalbibliothek– Prunksaal:
NACHT ÜBER ÖSTERREICH.
Der Anschluss 1938 – Flucht und Vertreibung
Vom 7. März 2013 bis zum 28. April 2013  

Die gnadenlose Propaganda-Maschinerie

Vor 75 Jahren brach im wahrsten Sinn eine „Nacht über Österreich“ ein, wenn die Ereignisse auch erst von der Nachwelt im vollen Zusammenhang begriffen werden können. Die Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek legt mit einer  Fülle von Dokumenten klar, warum, wie und mit welchen Folgen sich der „Anschluss“ im März 1938  vollzog – als Hitler seine Heimat ins „Reich“ heimholte, zur Ostmark machte und seine Leute umweglos eine Maschinerie des Verbrechens etablierten.

Von Heiner Wesemann

Vom Anfang der einen zum Ende der anderen     Wenn hier zu Beginn der Ausstellung ein einfaches Schulheft zu sehen ist, in das ein kindlicher Enthusiast das Bild Hitlers eingeklebt hat; und wenn man vis a vis – das ist dann das Ende des Rundgangs – einfach ein Kalender liegen sieht, der das Datum „16. April“ zeigt, dann ist der Kreis zwischen Hoffnung und der Vernichtung an zwei Exponaten sinnfällig ausgeschritten. Das Kalenderblatt zum 16. April hatte der jüdische Schriftsteller Egon Friedell noch abgerissen – als letztes seines Lebens. An diesem Tag stand die Gestapo vor der Türe: Friedell sprang von seiner Wohnung in der Gentzgasse in den Tod.

  

Wie es dazu kam     Dass Österreich für Hitler-Deutschland ein leichtes Opfer war, lag an den Begebenheiten davor – nicht nur die Zerrissenheit durch den Bürgerkrieg, vor allem die katastrophale wirtschaftliche Situation ließen das Volk zu jedem Strohhalm der Hoffnung greifen: Das Foto des Mannes, der sich selbst eine Tafel umgebunden hat, „Wer gibt mir Arbeit“, ist nicht nur ein „Klassiker“ der Fotografie, sondern ein Zeitdokument, das partiell für das Ganze spricht. Bruno Frei, der später vor den Nazis fliehen musste, hatte schon 1921 in einem Roman „Das Elend Wiens“ geschildert. Nachdem Hitler in Deutschland so etwas wie wirtschaftlichen Aufstieg vorgemacht hatte, war es eine leichte Übung, hier einzumarschieren und am Heldenplatz den „Führer“ und Hoffnungsträger umjubeln zu lassen. Was heute in die „Hall of Shame“ der heimischen Geschichte gehört (wie nicht zuletzt Thomas Bernhard uns gezeigt hat), war damals allerdings ein Schrei der Hoffnung.

  

Die Flut der Propaganda       Man hätte sich allerdings nicht täuschen lassen dürfen. Großartig, welche Fülle an Material die Ausstellung zusammenträgt, um die Dampfwalze der Propaganda zu zeigen, mit der die Nationalsozialisten in gnadenlosen Effizienz das bisherige Österreich in die „Ostmark“ verwandelten. Schriften und Fotos wälzen sich auf den Betrachter zu und zeigen, wie wenig Chance der Einzelne hatte. Weder der nun als „arisch“ klassifizierte Durchschnittsmensch, der in das System hineingezwungen wurde, noch die jüdischen Mitbürger, die aus ihrem bisherigen Leben mit unvorstellbarer Gnadenlosigkeit herausgeholt wurden.

 

Ja zu Hitler      Das „Ja“ zu Hitler bei der Volksabstimmung, die dann angeblich mit 99,73 % Ja-Stimmen ausging, wurde so flächendeckend und eng vorbereitet, dass es kein Entkommen gab. Eine Flut von Fotos, Literatur und Propagandasprüchen überschwemmte das Land. Es galt die Begeisterung für die Person Hitlers und das System anzuheizen. Man dichtete, sang, jubilierte zum Lob des Führers. Das Hakenkreuz war das einzige geduldete Emblem. Das Regime feierte sich selbst. Außer „Ja“ hatte man nichts zu sagen.

  

Das Schicksal der Juden    Es fällt im nachhinein schwer, viele Versicherungen darüber, man habe „nichts gewusst“, zu glauben, wenn Fotos und Dokumente zeigen, dass die Nazi mit der Judenverfolgung keine Zeit verloren haben und dass sie durchaus „sichtbar“ vor sich ging. Die Aufforderung, nicht in ihren Geschäften zu kaufen. Das ewige Hämmern ihrer angeblichen Minderwertigkeit in der Literatur und Ausstellungen: Die Begriffe von „Volk“ und „Rasse“ grenzten die Bevölkerung von den „anderen“ ab. Und Fotos zeigen nicht nur die eingeschlagenen Scheiben der jüdischen Geschäfte, sondern auch die Menschen, die auf der Straße knien und den Boden waschen mussten: Kein Zweifel, die Österreicher haben die Einwände, die sie hätten vorbringen müssen, aus Angst um die persönliche Sicherheit verdrängt.

Überlebens-Schicksale      Tragödien zu personalisieren, erweist sich meist als der beste Weg, um die Stimmung einer Epoche einzufangen. Nicht alle jüdischen Mitbürger erlitten das tragische Schicksal von Friedell oder wurden deportiert und in die Vernichtungslager geschafft. Die Ausstellung hat eine Fülle von Einzelschicksalen hervorgeholt, die für das intellektuelle Österreich standen, Schriftsteller, Politiker, Musiker, denen die Flucht gelang: Robert Neumann, Erich Fried, Erich Wolfgang Korngold, Albert Drach, Bruno Frei u.a. Ein Buch wie jenes, das Hertha Pauli später schrieb, kennzeichnet mit seinem Titel das Schicksal aller damals Lebenden: „Der Riss der Zeit geht durch mein Herz.“ Er begann für Österreich im März 1938, und die Wunden sind bis heute nicht gänzlich geheilt.

Bis zum 28. April 2013, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, donnerstags 10 bis 21 Uhr

 

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