Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ MuTH: SEERÄUBERJENNY“ oder Die Lebensreise der großen Lotte Lenya in ihren Liedern / von und mit Andrea Eckert

17.03.2016 | Konzert/Liederabende

MuTh: „SEERÄUBERJENNY“ oder Die Lebensreise der großen Lotte Lenya in ihren Liedern / von und mit Andrea Eckert – 12.3.2016

 Von der „Meisterklasse“ der Callas zur Lebensreise der „Seeräuberjenny“ – Andrea Eckert schafft diese Riesenspannweite spielend! – Und besonders speziell singend

… was sie im Callas-Stück noch nonchalant verweigerte, mit ihrem legendären ersten, nonchalant hingeworfenen Satz, aus dem Zuschauerraum des Volkstheater kommend, sich als unterrichtende Maria Callas elegant in Richtung Bühne bewegte: „…und sie werden doch nicht etwa von mir erwarten, dass ich jetzt singe…?!

Und wie die Eckert jetzt singt, in wie vielen Schattierungen von Stimmen und Stimmungen, im Programm der Lotte-Lenya- Lebensreise! Auf deutsch ist sie eine unglaublich vielseitige und wandlungsfähige Diseuse von pointierten Brecht/Weill-Songs und Kabarett-Liedern im französischen “Grande Vedette du chanson“. Ebenso authentisch interpretiert sie englische späte Weill-Songs. Darüber hinaus zeigte sie sich als eine recht hintergründig-originale Wienerlied-Sängerin, interpretiert sogar Schuberts „Der Tod und das Mädchen (und ein Encore sogar auf jiddisch „Bei mir bista scheen“). Hier im intimen Muth-Rahmen einer (im wahrsten Sinne des Wortes) einmaligen One-Woman-Show blätterte sie die Biographie der Lenya auf…

Lotte Lenya , gebürtig in einem proletarischem Wiener Haushalt als die kleine Charlotte Blamauer, so ihr Geburtsname, geboren 18.10.1898, in einem der schäbigen Häuser in der Penzinger Vorstadt beim Viadukt der Westbahn in der Ameisgasse 38. Schon zeigte sich früh, was sie später einmal werden wollte – nämlich berühmt. Und dafür war ihr wirklich jedes Mittel recht! Kaum erwachsen, reiste sie in die Schweiz zu einer Tante nach Zürich, nahm dort Ballett-Unterricht, lebte und arbeitete 6 Jahre als Choristin und Statistin am dortigen Stadtheater. Beileibe keine klassische Schönheit, setzte sie ihre starke sexuelle Ausstrahlung nicht allein als Kapital für ihre Bühnen-Künste ein und lernte den Komponisten Kurt Weill kennen, der ihr sofort verfiel, doch sie erst später, 1926, heiratete. Mit 23 Jahren hat sie das enge Zürich verlassen und ging in die Metropole Berlin. In den dortigen „wilden Zwanzigern“ war sie bereits berühmte Brecht-Weill-Interpretin in „Drei-Groschen-Oper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, – obwohl sie keine Ahnung von Noten hatte! („…doch die Leute hören ihr zu wie bei Caruso…“ Zitat: Kurt Weill). 1932 kam sie zurück in ihre Geburtsstadt Wien für ein Gastspiel am Raimundtheater. Ein Jahr später wurden Lenya-Weill geschieden, sie brach zu oft aus ihrer Ehe aus…

Bereits 1935 vertrieb sie und ihren Mann die Nazi-Dämmerung in die USA, nach New York, 1937 heirateten sie ein zweites Mal! Für Weill blieb sie Muse, seine beste Song-Interpretin und „Lordsiegelbewahrerin“  von dessen reicher Kompositionstätigkeit bis zum Tod 1951 und noch weit darüber hinaus in der Weill-Foundation. Prominent blieb sie einem Kino-Publikum als Charakterdarstellerin in Filmen aus den 60-70ern in Erinnerung, bis sie am 27.11.1981in New York City verstarb.

Aus diesem reichen Leben einige der vielen Song-Perlen der Weill-Perlenkette heraus zu picken, die zum Vortrag durch Andrea Eckert gelangten, ist schwer. Vielleicht aus den Riesen-Bukett, „Speak low“, „Alabama-Song“ „September“-Song, „I am a stranger here myself“, „Das Schiff mit 8 Segeln“, „Denn wie man sich bettet“, „Bilbao“-Song, “Mandelay“-Song, „Surabaya“-Song etc. etc.   

Andrea Eckert verfügt auf ihrer Lenya-Gratwanderung mit unfehlbarer Sicherheit über „den Weill-“Stil. Mit minimalsten Mitteln schafft sie das. Ein roter Vorhang im Hintergrund, eine Staffelei mit einem Lotte-Lenya-Foto, Benjamin Schatz, als Flügelmann am Bösendorfer. Es gelingt ihr damit eine totale Rehabilitation des bisher oft so grund-falschen Bühnen-Lebens der Aufführungen der „Dreigroschenoper“- sowohl des vorjährigen Salzburger Festivals in der Felsenreitschule, als auch heuer im historischen Rahmen vom Theater an der Wien!

P.S. Es würde mich gar nicht wundern, wenn Andrea Eckert mit diesem speziellen dreisprachigen Lenya-Programm und eigener Conference über dem Großen Teich in Big Apple reussieren könnte, etwa in der legendären „Blue Bar“ vom Hotels Algonqin, 59 West 44th Street, Ecke Fifth und Sixth Avenue. Diese war seit 1933 ein edler, intimer Schauplatz von vielen historischen Events großer internationaler Künstler, in der nur so genannten „kleinen Form“…

Norbert A. Weinberger

 

 

Diese Seite drucken