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WIEN/ MuTh/ Konzertsaal der Wiener Sängerknaben: „KÖNIG DAVID“ – Oratorium von Arthur Honegger

Eine gelungene Gemeinschaftsproduktion des Chorus Juventus und des Musikgymnasiums Innsbruck

07.04.2019 | Konzert/Liederabende


Sopran Maria Erlacher, Dirigent Michael Grohotolsky, Sprecher Florian Eisner; Orchester; Chöre. Foto: Andrea Masek

 

WIEN / MuTh / Konzertsaal der Wiener Sängerknaben: Arthur Honeggers Oratorium „KÖNIG DAVID“

Eine gelungene Gemeinschaftsproduktion des Chorus Juventus und des Musikgymnasiums Innsbruck

6.4. 2019 – Karl Masek

2010 wurde das „Oberstufenrealgymnasium der Wiener Sängerknaben“ gegründet – naturgemäß mit dem Schwerpunkt „Vokalmusik“. Die Trademark „Wiener Sängerknaben“ wurde beibehalten, jedoch es besuchen nicht nur ehemalige Sängerknaben diese Oberstufenform, sondern auch andere musikbegabte und  –begeisterte  Burschen und Mädchen.  Seither gibt es auch den Chorus Juventus, der alle Schülerinnen und Schüler des ORG umfasst.  Unter der neuen künstlerischen Leitung von Michael Grohotolsky (seit 2017) bestreitet man sehr ambitionierte Projekte. Eigenproduktionen genauso wie Koproduktionen, wie etwa mit der Wiener Volksoper. Grohotolsky, auch Chordirektor der Neuen Oper Wien und langjähriger künstlerischer Leiter des Wiener Kammerchors, zählt zu den profiliertesten Chorleitern Österreichs und ist ein Garant für Spitzenniveau.

Eine gelungene Gemeinschaftsproduktion des Chorus Juventus mit Chor und Orchester des Musikgymnasiums Innsbruck bewies nachdrücklich, dass auch ein so anspruchsvolles und stilistisch vielschichtiges Werk wie das Oratorium König David des Schweizer Komponisten  Arthur Honegger (1892-1955) vom hoffnungsvollen jugendlichen Nachwuchs glorios bewältigt werden kann.

Die Szenen aus dem Leben des Hirten David, welcher der erste König der Israeliten wird, haben ihren Ursprung in einem Drama mit Bühnenmusik, „Le Roi David“, des Schweizer Autors René Morax (1873-1963). Ursprünglich als Bühnenstück konzipiert, haben es Morax und Honegger 1923 im Interesse leichterer Aufführbarkeit in ein Oratorium für Sopran, Alt, Tenor, einen Erzähler sowie gemischten Chor und Orchester umgeschrieben. In der Form gelangte es auch an diesem Abend zur Aufführung.

Es ist reich kolorierte Musik zwischen einer Art Neo-Barock, die in polyphoner Meisterschaft das Vorbild Bach nicht verleugnet und übereinander geschichteten Quartenklängen. Kunstvoll wird mit bitonalen Melodielinien gearbeitet. In einer musikalischen Epoche der Moderne, die Atonalität und 12-Ton-Technik nach dem Vorbild Arnold Schönbergs propagiert, kommen bei Honegger melodische Bögen nicht zu kurz. Musikalische Bebilderung von gregorianisch gefärbter Einstimmigkeit  bis hin zu kunstvoll und klangmagisch gesetzten  Chortableaus mit pastoser Durchschlagskraft.  Filmmusikhaft wirkende, illustrative  Effekte mit schmetternden Fanfaren, Trompeten- und Posaunensignalen, aber auch impressionistische Feinarbeit in der Ornamentik und hymnisch-pathetische  Steigerungen sind in abwechslungsreichem Ablauf  zu hören.  Man fühlt sich zeitweise wie in einem „Hollywood-Bibel-Schinken“ aus den 50er Jahren. In der Tat scheinen sich Filmkomponisten Jahrzehnte nach Entstehung des König David bei den Kompositionstechniken Honeggers bedient zu haben. Schließlich nahm er in den Zwanzigern eine Musiksprache vorweg, die sehr viel später als „Postmoderne“ wiederkehrt, nachdem nicht alle Komponisten dem „Diktat der Musik aus dem elfenbeinernen Turm“ der Zwölftöner, der Darmstädter und Donaueschinger Avantgardisten gefolgt waren …

Das Oratorium mit dem Untertitel „Symphonischer Psalm“  besteht aus 3 Teilen mit insgesamt 27 Musiknummern, die alle Erfahrungen und Emotionen verarbeiten, die David in einem langen und ereignisreichen Leben bis zur ergreifenden Schluss-Szene seines Todes durchlebt und erlitten hat.  Die meisten Gesangstexte haben ihren Ursprung im großen biblischen Gebets- und Liederbuch, welches David zugesprochen wird, den Psalmen.

Die musikalische Reise ins Alte Testament wurde von den Schülerinnen und Schülern mit Begeisterung und Lust am Abenteuer angetreten. Man ging dabei aufs Ganze, lotete Grenzen aus und brachte mit Totaleinsatz – wie Sportler heute so oft betonen – „100% Leistung auf den Platz“.  Das Orchester des Musikgymnasiums Innsbruck erfreute mit kompaktem Gesamtklang. Besonders hervorzuheben dabei die schneidigen Trompetenklänge, die klangsatten Hörner, die fabelhaft grundierenden Posaunen (einer der Posaunisten vielleicht 13 oder 14 Jahre alt), der aparte Klang der Flöten, Oboen, Klarinetten. Das wunderschöne Viola-Solo.  Die beiden Chöre fanden an diesem Abend zu einer Homogenität, als würden sie schon lange gemeinsam auftreten. Natürliche, „gerade“ Stimmen, offensichtlich und hörbar stimmbildnerisch hochprofessionell betreut. Man meisterte die Hürden aller klanglichen Verästelungen bis hin zum hymnischen „Alleluja“ des Finales weit mehr als bloß respektabel.  Die Solisten (alle mit Innsbrucker Bezug) wurden vom durchschlagskräftigen Sopran der Maria Erlacher angeführt. Der Tenor Christof Rösel und der Altus Markus Forster ergänzten angemessen. Der Sprecher Florian Eisner  erzählte die Geschichte als alttestamentarischer „Reiseleiter“ ausdrucksvoll,  ohne allzu pathetisch auszuufern. Nicht zu vergessen: Eine der Cellistinnen schlüpfte in die Rolle der „Hexe von Endor“ und tat das mit gruseligen Tönen und exzessivem Einsatz ihrer Stimmmittel, um dann seelenruhig wieder ihren Cellopart aufzunehmen.

(Dazu das persönliche Erinnerungsblatt: 2014 hatte diese Rolle bei einer König-David- Aufführung im Musikverein – mit Michael Heltau als Erzähler – keine Geringere als Andrea Jonasson übernommen. Da braucht sich die Cellistin, im Programm leider nicht namentlich genannt, wahrlich nicht zu verstecken!)

Alle haben nicht nur stürmischen Jubel geerntet, sondern auch wertschätzendes Feedback für ihre Leistungen verdient. Michael Grohotolsky führte souverän, mit klarer Dirigiergestik, die Jugendlichen. Ich weiß, ich wiederhole mich da in letzter Zeit, aber es ist nichts als die Wahrheit: Chorleiter sind oft die allerbesten Dirigenten, auch wenn sie keinen Stareffekt bewirken (und auch nicht anstreben). Lob und Anerkennung der wertvollen Einstudierungsarbeit von Siegfried Portugaller und Wolfgang Schnirzer (Innsbruck) sowie Daniel Erazo-Muñoz (Wien)!

Filigrane, delikate Detailarbeit mit schwebendem Chorklang war schon bei den beiden einleitenden a-capella-Kompositionen hörbar: Zwei Raritäten aus dem Fundus der musikalischen Schatzkästlein: Die Tiroler Gäste brachten als kleine Visitenkarte mit David-Bezug  When David heared“ des englischen Komponisten der Spätrennaisance, Thomas Weelkes (1576-1623) zu Gehör; die Gastgeber aus dem Augarten  einen spätromantisch-mystischen Chorpsalm  Taaveti  laulud  des estnischen Komponisten Cyrillus Kreek (1889-1962).

Es war ein bereichernder Abend, hoffentlich mit Fortsetzungsambitionen, was diese Zusammenarbeit Wien-Innsbruck betrifft. Man zieht den Hut.

Karl Masek

 

 

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