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WIEN/ MuTh im Augarten: DER BETTELKNABE – Kinderoper von Gerald Wirth – Eine Oper gegen Xenophobie

13.02.2016 | Oper

Gerald Wirth:  DER BETTELKNABE 12.2.2016  (Uraufführung am 1.5.2015)    Eine Oper gegen Xenophobie

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Joel, der Bettknabe. Copyright: MuTh

Der österreichische Komponist, Dirigent und Chorpädagoge Gerald Wirth (geb. 1965 in Linz) ist seit 2001 künstlerischer Leiter und seit dem 17.September 2013 auch Präsident der Wiener Sängerknaben. Sein kompositorisches Oeuvre umfasst bislang drei Kinderopern: „Die Reise des kleinen Prinzen“, „Die Schicksalstafel“ und „1398 – Der Bettelknabe“, uraufgeführt am 20. Februar 2010 im Brahmssaal des Wiener Musikvereins. Am 1. Mai 2015 wurde „Der Bettelknabe“ in einer Neufassung im Konzertsaal der Wiener Sängerknaben – MuTh – uraufgeführt, die in der laufenden Saison 2015/2016 wieder aufgenommen wurde.

Zum Inhalt: Der Prolog der Oper beginnt mit einem geheimnisvollen Orakel. Zwei Chöre, die den Zuschauerraum zu beiden Seiten flankieren, singen in einem Gewirr aus Stimmen das lateinische „Alios tracta sicut te ipsum“ (Behandle andere wie dich selbst), während andere das griechische „Gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst), eine Inschrift am Apollotempel von Delphi, die Chilon von Sparta zugeschrieben wird, flüstern und wieder andere ein hebräisches Gebet aus Psalm 143 Vers 8 „Zeige mir den Weg, den ich gehen soll“ murmeln. Der erste Akt der Oper spielt im Jahr 1398 in Palästina. Erzherzog Albrecht IV. unternimmt in Begleitung seines Beichtvaters, des Kartäusermönches Bruder Johannes, seines Hofnarren Philibert von Köln und einigen Rittern eine Wallfahrt nach Jerusalem. Er fühlt Skrupel, 100 Ketzer in seiner Heimat verbrennen zu lassen. Der Sarazene Omar führt die Pilgergruppe durch Palästina. Während des zweiten Aktes durchquert zur selben Zeit eine Handelskarawane die Wüste auf dem Weg nach Bagdad. Joel ben Samuel und sein Großvater Manasse ben Jehuda begleiten sie. Die Karawane aber wird überfallen und alle Männer, bis auf Joel, werden getötet. Herzog Albrecht und seine Männer finden den verwaisten Joel und nehmen ihn auf dem Schiff von Jaffa nach Venedig und schließlich bis nach Wien mit. Während des dritten Aktes, der die Überfahrt von Jaffa nach Venedig schildert, singt der alte Hofnarr Philibert zunächst eine Ballade und schließlich singt Joel während des aufbrechenden Orkanes ein beruhigendes Lied. Der letzte Akt spielt am Wiener Hof von Albrecht. Dieser schickt Joel zu den Proben seines Knabenchores, den Vorfahren der Wiener Sängerknaben, deren Chorleiter Pius Kheel den Knaben Joel für unbegabt hält. Die Chorknaben aber verspotten und verprügeln den Außenseiter. Der Hofnarr, selber ein Außenseiter wie Joel, findet Joel und tröstet ihn. Albrecht begnadigt die Ketzer und bietet Joel an, bei ihm am Hof zu bleiben. Dieser aber zieht es vor, mit dem Hofnarren zu reisen, um noch etwas zu lernen.

Regisseurin Maria Happel verlegte die mittelalterliche Handlung der Neufassung dieser zwar überwiegend von Kindern dargebotenen Oper, ob ihres universellen Gedankengutes aber für Menschen jeden Alters, jeder Hautfarbe und jeder Kultur empfehlenswert, an einen Flughafen, Symbol für Aufbruch und Ankunft, Abschied wie Abschiebung. Fremdsein in der Fremde schwebt als eindringliches Memento im Raum. Aus der mittelalterlichen Pilgergruppe wird eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe von modernen Reisenden mit Wiedererkennungswert: Piloten, Security, eine Putzkolonne, Stewards, ein Geschäftsmann, ein Kind, das sich an seinen Stoffelefanten kuschelt, defilieren an den Zusehern vorüber. Später sieht man dann eine Karawane in der Wüste, die überfallen wird, und die stürmische Überfahrt über das Mittelmeer, bis sich am Ende der Oper alles in Wohlgefallen auflöst.

Dem Libretto dieser Oper von Tina Breckwoldt liegen das Gedankengut von Meister Eckhart (1260-1328), Rabbi Hillel (um 110.v.-um 9 n.Chr.), Mosche ben Maimon (1135/38-1204), Johannes Tauler (1300-61) und Alghazāli (1058-1111) zugrunde. Thematisiert werden das Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen zueinander, die Migration im 14. Jhd. an Hand von Kreuzzügen und Wallfahrten, das Ethos des Einzelnen und seine politische Verantwortung (cf. Bischof, Claudia: Das Projekt Kinderoper der Institution Wiener Sängerknaben. Diplomarbeit Wien 2012). Der Komponist Gerald Wirth kombinierte für seine Oper geschickt ethnische Musik mit Gregorianik und perkussiven rythmischen Elementen. Das Orchester setzt sich aus Streichern, drei Posaunen, Oboe, einer Laute und einem Klavier zusammen. Ergänzt wird es durch eher exotische Instrumente wie die Duduk (armenische Flöte), das Schofar (Naturhorn aus dem Vorderen Orient), Handtrommeln, einem Psalterion oder Psalmos (eine Art Hackbrett), welche die orientalische Atmosphäre der Handlung unterstreichen. Sephardische Klänge und ein kurzes Zitat aus Rimski Korsakows Hummelflug fielen mir beim Zuhören besonders auf.

Die Rahmenhandlung wurde von Philip Guirola Paganini in der Rolle von Herzog Albert IV., leider sehr trocken, erzählt, während seinen Gesangspart ein Solist der Wiener Sängerknaben übernahm. 25 Kinder aus Österreich, Australien, Belgien, Ghana, Guatemala, Indien, Irland, Japan, Korea, Kroatien, Malaysia, Polen, Russland, Serbien und der Türkei wirken solistisch und als Chor mit und tragen schließlich den Schlusssatz der Oper „Meine Heimat liegt in mir“ in 22 Sprachen vor. Begleitet wurden die jungen Sänger vom engagiert spielenden jungen Orchester der Wiener Sängerknaben, der Schubert-Akademie unter dem schwungvollen Dirigat des Komponisten Gerald Wirth, der auch den eigens gegründeten Projektchor, bestehend aus musikbegeisterten Laien, zu Höchstleistungen animierte. Die Bühnenausstattung und Kostüme besorgten in Teamarbeit Marie und Paul Sturminger. Ergänzt wurde die Produktion durch ein Video von Sebastian Eckl, das den Betrieb auf dem Rollfeld des Flughafens Wien-Schwechat zeigt.

Die Produktion wurde sehr stark vom Publikum akklamiert und reizt zum Nachdenken an. Sie kann Jedermann mit humanistisch-pazifistischem Weltbild empfohlen werden. Die letzte Vorstellung ist aber bereits am 16. Februar.                                                                                                              

Harald Lacina

 

 

 

 

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