Wiener Philharmoniker, Riccardo Muti, Bruckners Achte
Konzerte am 3. und 4. Oktober
Ihren besten Bruckner haben mehrere Granden im hohen Alter dirigiert: Eugen Jochum, Günter Wand, Zubin Mehta und allen voran Sergiu Celibidache, dessen Name nicht von ungefähr am meisten mit diesem Komponisten identifiziert wird, dem er sich mit einer Hingabe und Liebe verschrieb wie zu seiner Zeit kein Zweiter. Dass Muti sich mit Furor in diese Linie einreiht, kommt nicht überraschend, er hat die Achte 2024 schon einmal fulminant in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern dirigiert. Schon damals ließ sich kaum überhören, dass er mit herrlichen Breiten in den Tempi sowie Ausdrucksnuancen von tiefster Traurigkeit bis zur überwältigenden Seligkeit und Fortissimo-Gewalten von klanglicher Kompaktheit Celibidache ganz besonders nah kommen würde.
Die herausragende jüngste Wiedergabe von Bruckners Achter im Wiener Musikverein liefert jedenfalls posthum noch den Beleg für das instinktsichere Gespür Celibidaches – um das noch vorauszuschicken- der zu seinen Lebzeiten über den damals jungen Muti beeindruckt sagte, er sei das größte Talent das er kenne. Schade, dass er ihn jetzt nicht hören konnte. Denn all das, was die Interpretationen des weisen Rumänen ausmacht – Qualitäten von Seltenheitswert im heutigen Konzertleben – ließen sich hier erleben, in der zweiten Aufführung am Sonntagvormittag noch eindrücklicher als am Vortag. Ein Hörerleben von größter Exklusivität.
Mutis langsame Tempi (ca. 95 bis 98 Minuten, zum Vergleich bewegte sich Celibidache zwischen 97 und 107 Minuten) waren schon zum Nachmittagskonzert ideal gewählt, nur ließ sich bemerken, dass die Musiker damit noch ihre Schwierigkeiten hatten. Vergleichbar langsame Tempi fordert ihnen sonst kaum jemand ab. An manchen Stellen drohten die Streicher bei dieser ersten Wiedergabe das Tempo etwas anziehen zu wollen, was beinahe, aber nur beinahe hätte dazu führen können, dass nicht alle Sektionen exakt zusammenspielen. Die meisten im Publikum haben das vermutlich sowieso nicht bemerkt, und diese kleine Unsicherheit war beim Vormittagskonzert am Folgetag bereits verflogen. Aber sie hatte, näher betrachtet, auch etwas Gutes, wirken doch exakte Wiedergaben, wie wir sie von der CD gewohnt sind, bei der im Studio mittels Schnitt alles auf Perfektion getrimmt wird, nahezu schon entmenschlicht. Musiker, selbst den allergrößten, kommt mal etwas unter. Gott sei Dank. Das unterscheidet sie doch zum Glück von Robotern und künstlichen Intelligenzen. Kleine Ungenauigkeiten oder Patzer haben also ihren ganz eigenen Charme.
Pure Magie verströmten beide Wiedergaben auf allen Ebenen. Die zahlreich gebauten Himmelsleitern in allen vier Sätzen beeindrucken hier mitnichten nur im Dynamischen, sondern versetzten den ganzen Körper in größte Schwingungen, ausgehend von einem hoch sensiblen Spektrum an Nuancen im Ausdruck. Besonders extrem ist das im feierlichen Adagio, wenn die Musik in größter Seligkeit auf den Höhepunkt zusteuert und ihn im Rausch tiefsten Verzückens erreicht. So fühlt sich das Paradies an, denkt man, beseelt unter Eindruck einer Ausschüttung von Glückshormonen, und möchte verweilen, lechzt schon nach der nächsten Ekstase. Die folgt stehenden Fußes, aber, oh weh, diesmal mündet sie nicht in den Zustand höchsten Glücks, sondern stürzt innerhalb nur eines Taktes jäh ab in die Katastrophe. Die Hoffnung auf Erlösung ist erloschen, es bleibt nur noch die Sehnsucht danach.
Aber wer mit Bruckner vertraut ist, weiß: Der festliche Rausch stürzt zwar wiederholt in trostlose Leere ab, aber damit klingt seine Musik nie aus. Am Ende steht immer die Katharsis, die Hoffnung, Erlösung und Versöhnung. So etwas in Töne zu fassen, können tatsächlich nur Götter, wie Celibidache sagte, und bei Muti fühlt sich das genauso auch an.
Dies freilich nicht nur inmitten solch radikaler Achterbahnfahrten, sondern auch in den leisen, kammermusikalischen Phasen dazwischen, einsamen Dialogen zwischen Horn und Oboe, grundiert nur von wenigen Streichern im „Allegro moderato“, oder in unendlich zärtlichen Gesängen der tiefen, dann wunderbar markig und satt tönenden tiefen Streicher. Die Krone setzt dem Adagio freilich die ätherische Streicherwonne auf, eine der schönsten lyrischen Momente in Bruckners Sinfonien überhaupt, ein Schillern wie über einem See im Silberglanz der Harfen, changierend von Takt zu Takt zwischen sanfter Melancholie, Wehmut, aber auch Trost und Erhabenheit.
Es ist bei alledem zu erleben, wie seismografisch Muti auf die Musiker reagiert. Als sich einige beim ersten Konzert mit der Langsamkeit noch ein bisschen schwertun, braucht es an einigen Stellen etwas mehr Einsatz. Das betrifft vor allem den zweiten Satz, wenn Muti nach zahlreichen Tempowechseln dankenswerterweise deutlich langsamer wird als das Gros heutiger Dirigenten.
Die Fortepiani auf vielen Melodien der hohen Streicher, die er auf weiten Atembogen beseelt zelebriert wie ein Priester, gibt er freilich auch mit entsprechend kraftvollen Zeichen vor.
Aber manches Mal, wenn die blendend disponierten Bläsersolisten der Wiener Philharmoniker auf kammermusikalischen Strecken souverän untereinander dialogisieren oder sich ein Crescendo, angeführt von Konzertmeister Volkhard Steude, organisch von alleine aufbaut, bleibt sein Taktstock für wenige Momente auch unten – nach 55 Jahren gemeinsamen Wirkens genau wissend, wann er das Orchester an die Zügel nehmen muss und wann er es laufen lassen kann. Mitunter reicht auch ein Blickwechsel mit Steude.
Das Finale, meist leider viel zu schnell angegangen, offenbart dann noch ein kleines Wunder ganz anderer Art. Das wohltuend moderat-langsame Tempo ist das eine, aber dann kommt noch hinzu, dass das Fugato zum Ende hin, in feinsten Pianonuancen angestimmt, in einer Transparenz und Leichtfüßigkeit zu vernehmen ist. Das erfordert eine innere Ruhe und Gelassenheit, die freilich nur verordnen kann, der sie selbst erlebt. Muti erlebt sie und gibt sie allein schon kraft seiner Aura weiter.
Am Ende dieser aufwühlenden, in einem einzigen Triumph endenden musikalischen Reise steht tiefe Dankbarkeit. Den klanglichen Reichtum der Musik mit seinen weihevollen Bläserfanfaren, der sich nur dann so entfalten kann, wenn ihm die nötige Zeit dazu gegeben wird, sich in aller Pracht zu entfalten, wird man sobald so nicht wieder hören.
Kirsten Liese

